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Mangelhafte Hochhäuser : „Grenfell hat alles verändert“

Auch die britische Regierung schaltet sich ein. Der zuständige Minister Sajid Javid stärkt der Bezirksverwaltung von Camden den Rücken: Es sei „absolut die richtige Entscheidung“ gewesen, sagt er im BBC-Fernsehen. Premierministerin Theresa May schreibt auf Twitter: „Meine Gedanken sind bei den Bewohnern, die von der Evakuierung betroffen sind, während ihre Wohnungen sicher gemacht werden.“

Verkleidungen von 600 Hochhäusern prüfen lassen

Es geht nicht nur um einen Einzelfall: Die Regierung will die Fassadenverkleidungen von bis zu 600 Hochhäusern im ganzen Land auf Brandgefahren untersuchen lassen. Die bisherigen Ergebnisse sind alarmierend: Am Sonntag heißt es, bisher seien die Verkleidungen von 60 Türmen geprüft worden – und alle hätten den Brandschutztest nicht bestanden. Javid weist aber darauf hin, dass dies nicht unbedingt bedeutet, dass auch diese Gebäude alle evakuiert werden müssten. Vielmehr habe die Feuerwehr bei den vier geräumten Häusern in London eine Reihe weiterer Feuerrisiken festgestellt. Unter anderem fehlten dort Brandschutztüren. Dutzende Bewohner weigerten sich am Wochenende dennoch, ihre Wohnungen zu verlassen. Ihnen wurde am Sonntag mit der Zwangsräumung gedroht.

Die aus insgesamt fünf Hochhäusern bestehende Sozialwohnungssiedlung „Chalcots Estate“ im Stadtteil Belsize Park im Norden Londons ist Ende der sechziger Jahre gebaut worden. Viele der Appartements wurden inzwischen allerdings an Privatleute verkauft. Die Wohntürme befinden sich einer teuren Wohngegend der britischen Hauptstadt nördlich des Regent’s Parks. Sie sind zwischen 2007 und 2009 saniert worden. Dabei wurden, ähnlich wie beim Grenfell Tower in Kensington, an den ursprünglichen Betonfassaden Verkleidungen angebracht, die inzwischen als leicht entflammbar eingeschätzt werden. Die Sanierungsarbeiten wurden Medienberichten zufolge von derselben Baufirma durchgeführt wie im Fall des abgebrannten Hochhauses.

Im Innern der Gebäude freilich ist dem Augenschein nach bei der Renovierung wenig geändert worden. Das Hochhaus, in dem Izac und Maciej leben, hat 23 Stockwerke mit 158 Wohnungen. Es gibt nur ein einzelnes, enges Treppenhaus und zwei Aufzüge. Diese seien aber häufig defekt, sagt Izac. Sprinkleranlagen und Feuerlöscher sind in den Fluren nirgends zu sehen.

Im Eingangsbereich hängt ein Zettel, der die Bewohner auffordert, im Brandfall in ihren Appartements zu bleiben. Dieselbe Brandschutz-Empfehlung war auch den Bewohnern des Grenfell Tower vor der Brandkatastrophe gegeben worden. Sie ist mittlerweile hoch umstritten. Mindestens 79 Menschen kamen bei dem Brand in Kensington ums Leben.

„Wir saßen auf dem Sofa“

Kutim, der mit seiner Familie in einem der nun geräumten Gebäude wohnt, berichtet, in seinem Hochhaus habe es vor einigen Jahren einen Wohnungsbrand gegeben, der aber glimpflich verlaufen sei. Danach sei zwar das betroffene Stockwerk renoviert worden, Maßnahmen für einen besseren Brandschutz aber seien nicht ergriffen worden.

Die Familie mit drei Kindern steht am späten Freitagabend mit ihren Koffern und der Hauskatze auf dem Bürgersteig und weiß nicht, wie ihr geschieht. Auch Kutim hält die schnelle Räumung für überzogen. Er habe aus den Nachrichten davon erfahren: „Wir saßen auf dem Sofa, als im Fernsehen kam, dass unser Haus evakuiert werden soll.“

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