https://www.faz.net/-gup-79q47

Hochwasser in Bad Schandau : Leben mit der wiederkehrenden Katastrophe

  • -Aktualisiert am

Noch nicht der Höchststand: Am Mittwochnachmittag durchspülte die Elbe die Erdgeschosse der Kurstadt. Bild: Lüdecke, Matthias

Versunkene Pensionen, Läden und Cafés: Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz ist stets die erste deutsche Stadt, die das Elbhochwasser trifft. Die Einwohner haben sich fast schon an die Flut gewöhnt.

          4 Min.

          Mario Albrecht steht an der Poststraße oberhalb des Bad Schandauer Marktes und beobachtet sein Haus. „Bis gestern Abend haben wir noch Möbel nach oben gebracht“, sagt er. Dann war das Wasser da. Gut 50 Meter hat die Elbe ihn jetzt schon von seinem Haus getrennt, das dreistöckige Gebäude steht bis zur ersten Etage unter Wasser. „Wenigstens scheint die Sonne“, sagt der Einundfünfzigjährige und macht ein Foto. Es ist das erste Mal seit zehn Tagen, dass es nicht mehr regnet.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Blauer Himmel, die Bäume in saftigem Grün und dazu die hellen Sandsteinfelsen - normalerweise beginnt in Bad Schandau im Juni die Hochsaison. Viele Hotels und Pensionen waren seit Wochen ausgebucht, doch am Montag mussten die Betreiber ihren Urlaubern absagen und Gäste nach Hause oder in höher gelegene Unterkünfte schicken. Die Stadt wurde geschlossen, seit Dienstag ist das Zentrum nur noch im Boot erreichbar. An der Elbstraße, die zu Markt und Fluss hinunterführt, ist am Mittwochmorgen schon auf halber Höhe Schluss. Zwei Boote des Technischen Hilfswerks liegen im Wasser, das ein paar Häuser weiter schon an der Unterkante zum ersten Obergeschoss steht. „Wir können nicht fahren“, sagt einer der Männer. „Die Strömung ist zu stark.“

          Baumstämme, Strohballen, Tische und ein Gastank

          Die sonst gemächlich dahin fließende Elbe schießt in enormem Tempo an der Stadt vorbei. Und sie reißt gnadenlos mit, was an ihrem Oberlauf nicht festgemacht war: Baumstämme und Strohballen rauschen flussabwärts, ein Tisch mit vier Beinen nach oben jagt ihnen hinterher, dicht gefolgt von einem großen, weißen Gastank. Der rammt die Anlegestelle für Elbdampfer, die, vom Ufer aus längst unerreichbar, schief aus dem Wasser ragt, dreht sich einmal um sich selbst und schwimmt dann weiter.

          Von der Schlossbastei, einem Aussichtspunkt hoch über dem Kurort, verfolgen einige Schandauer gebannt die Lage. „Jetzt macht der am Bahnhof vorbei“, kommentiert ein Mann den Weg des Tanks. Der ist, wie sich später herausstellt, einer von mehreren Gasbehältern, die der Fluss von einem Betriebsgelände im tschechischen Aussig (Ústí nad Labem) mitgerissen hat. Sie sollen leer sein, immerhin, aber THW und Bundeswehr versuchen elbabwärts mit Hubschraubern, die Behälter ans Ufer zu schwemmen. Die Gefahr für Brücken und Häuser, die im Wasser stehen, ist einfach zu groß.

          Das Zentrum von Bad Schandau steht unter Wasser. Bilderstrecke
          Das Zentrum von Bad Schandau steht unter Wasser. :

          Hier oben steht auch René Hille und blickt resigniert auf seine Stadt. Der Siebenunddreißigjährige arbeitet in der örtlichen Tourismuszentrale am Markt, der längst unter Wasser steht. Pensionen, Läden, Cafés, Kirche, Rathaus, das Fünf-Sterne-Hotel-Elbresidenz - alles ist versunken. Am Dienstagabend erreichte die Flut sein Haus, mit Frau und zwei Kindern zog er zu Freunden, die weit oberhalb des Tals im Trockenen wohnen. Jetzt will er nach der „Albrechtsburg“ sehen, einem Apartmenthaus, das er mit seiner Frau betreibt. Es liegt an der Kirnitzschtalstraße, und weil das Zentrum dicht ist, nutzt er einen alten Hochwasserweg über den Berg.

          Schmale Sandsteinstufen und eine Metallgittertreppe führen erst steil hinauf, und dann in Serpentinen hinab. Der Regen der vergangenen Wochen hat den Hang aufgeweicht, der Weg ist schlammig und glitschig. Ein Steg führt vom Hang auf einen Balkon des Hauses, in der oberen Etage sind die Betten gemacht, fertig zum Empfang von Urlaubern. „Am Sonnabend musste ich alle 20 Gäste heimschicken“, sagt Hille. Das Landeshochwasserzentrum hatte eine Flutwarnung herausgegeben, und es gibt niemanden in der Stadt, der das nicht ernst nähme.

          Handgriffe werden zur Routine

          Zu frisch sind die Erinnerungen an die drei Hochwasserkatastrophen in den vergangenen elf Jahren. 2002, 2006 und 2010 hatte es Bad Schandau schwer getroffen, jetzt sind die Handgriffe beinahe Routine. Am Sonntag begann Hille mit Freunden, Erdgeschoss und erste Etage auszuräumen, stellte Kühlschrank, Herd und Küchenmöbel auf die Treppenabsätze und schafften Betten und Tische, Gläser und Geschirr in Waschkörben nach oben.

          Auf der Terrasse ließe sich jetzt die absolute Ruhe genießen, doch das Wasser steigt, es steht am Mittag nur noch knapp unter den Fenstersimsen der ersten Etage. Das Flüsschen Kirnitzsch, das aus dem Gebirge kommt, kann hier nicht mehr in die Elbe münden und staut sich. Im Gegensatz zur Elbe aber ruht das Wasser. Ein Großvater rudert in einem Kahn vorbei, an den er ein Schlauchboot gebunden hat. Darin sitzen seine zwei Enkel in Gummistiefeln, aufgeregt ob dieses Abenteuers. Auf einem Balkon gegenüber sonnen sich zwei Frauen. Ihr Haus ist völlig vom Wasser eingeschlossen, kein Weg führt mehr hinein oder hinaus. „Unten im Trockenen wäre mir schon lieber“, ruft eine von ihnen. Aber sie hätten Vorräte für eine Woche. „Derzeit halten wir’s gut aus.“

          Fast scheint es, als ertragen die Schandauer gelassen ihr Schicksal. „Man kann ja nichts machen“, sagt Brigitte Kirschner, die dazu kommt. Sie ist Eigentümerin des Apartmenthauses, das Hilles betreiben. Vor 2002 hatte es hier 150 Jahre lang kein ernstes Hochwasser gegeben. Wer hätte gedacht, dass es nun so oft kommt? Jetzt geht es nur noch um Kleinigkeiten. Ob sie die Fenster lieber offen lassen sollen, damit das Wasser sie nicht zerdrückt (nein), oder ob die Spiegel in den Bädern bleiben können (ja). Entscheidend ist die Zeit „danach“, wenn das Wasser sich verzogen hat. Dafür hat sich Brigitte Kirschner am Morgen bereits Handwerker gesichert. Dann müssen Fliesen und Unterboden raus und neue Trockenwände rein, mindestens. 150.000Euro Schaden werden es wohl sein, schätzt sie. Ihre Versicherung hat bereits nach dem letzten Hochwasser mit Kündigung gedroht.

          „Schuld an allem ist die Wirtschaft“

          Diese Erfahrung machen derzeit nicht wenige Hausbesitzer in Bad Schandau. Die Familien Kind und Hoyer aus dem Nachbarhaus haben just in der vergangenen Woche „Änderungsmitteilungen“ von ihren Versicherungen bekommen. „Das ist kurz vor der Kündigung“, sagt Kind senior. Er steht völlig verschwitzt auf der Terrasse im zweiten Stock. Zwei Wohnungen haben sie in den vergangenen 48Stunden komplett ausgeräumt. Über eine Leiter, die auf dem Balkon darunter steht, reichen ihm die Bewohner noch eine Holztür hoch. „So, das war’s“, sagt der Junior. „Jetzt kann das Wasser kommen.“ Dann platzt dem Senior doch der Kragen: „Schuld an allem ist die Wirtschaft.“ Damit die Elbe in der Tschechischen Republik ganzjährig schiffbar bleibe, würden die Rückhaltebecken dort stets voll gehalten. „Wenn’s dann regnet, gibt’s keinen Stauraum mehr, und wir kriegen alles ab.“

          René Hille hofft unterdessen, dass der Elb-Pegel nicht weiter steigt. „Wenn es nicht noch in den ersten Stock fließt, können wir relativ schnell wieder Gäste empfangen“, sagt er. Nach der letzten Flut blieben die Touristen ein halbes Jahr lang weg. „Das macht alles nur noch schlimmer“, sagt Hille. Auf dem Rückweg macht er wieder halt an der Schlossbastei. Gut ist von hier das achteckige Dach des Thermalbads zu sehen, das durch Spundwände geschützt ist. 2002 war die Elbe dort kurz nach der Eröffnung durchgerauscht, das Dach fast völlig im Wasser verschwunden. Nun ragt die Glaskuppel noch gut sichtbar aus den Fluten. „Ein gutes Zeichen“, sagt Hille. 10,50 Meter Pegel werden am Nachmittag gemeldet, 1,5 Meter unter dem Wert von 2002. Das Wasser steigt nur noch langsam. Hoffnung keimt auf.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.