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Hochwasser in Bad Schandau : Leben mit der wiederkehrenden Katastrophe

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Handgriffe werden zur Routine

Zu frisch sind die Erinnerungen an die drei Hochwasserkatastrophen in den vergangenen elf Jahren. 2002, 2006 und 2010 hatte es Bad Schandau schwer getroffen, jetzt sind die Handgriffe beinahe Routine. Am Sonntag begann Hille mit Freunden, Erdgeschoss und erste Etage auszuräumen, stellte Kühlschrank, Herd und Küchenmöbel auf die Treppenabsätze und schafften Betten und Tische, Gläser und Geschirr in Waschkörben nach oben.

Auf der Terrasse ließe sich jetzt die absolute Ruhe genießen, doch das Wasser steigt, es steht am Mittag nur noch knapp unter den Fenstersimsen der ersten Etage. Das Flüsschen Kirnitzsch, das aus dem Gebirge kommt, kann hier nicht mehr in die Elbe münden und staut sich. Im Gegensatz zur Elbe aber ruht das Wasser. Ein Großvater rudert in einem Kahn vorbei, an den er ein Schlauchboot gebunden hat. Darin sitzen seine zwei Enkel in Gummistiefeln, aufgeregt ob dieses Abenteuers. Auf einem Balkon gegenüber sonnen sich zwei Frauen. Ihr Haus ist völlig vom Wasser eingeschlossen, kein Weg führt mehr hinein oder hinaus. „Unten im Trockenen wäre mir schon lieber“, ruft eine von ihnen. Aber sie hätten Vorräte für eine Woche. „Derzeit halten wir’s gut aus.“

Fast scheint es, als ertragen die Schandauer gelassen ihr Schicksal. „Man kann ja nichts machen“, sagt Brigitte Kirschner, die dazu kommt. Sie ist Eigentümerin des Apartmenthauses, das Hilles betreiben. Vor 2002 hatte es hier 150 Jahre lang kein ernstes Hochwasser gegeben. Wer hätte gedacht, dass es nun so oft kommt? Jetzt geht es nur noch um Kleinigkeiten. Ob sie die Fenster lieber offen lassen sollen, damit das Wasser sie nicht zerdrückt (nein), oder ob die Spiegel in den Bädern bleiben können (ja). Entscheidend ist die Zeit „danach“, wenn das Wasser sich verzogen hat. Dafür hat sich Brigitte Kirschner am Morgen bereits Handwerker gesichert. Dann müssen Fliesen und Unterboden raus und neue Trockenwände rein, mindestens. 150.000Euro Schaden werden es wohl sein, schätzt sie. Ihre Versicherung hat bereits nach dem letzten Hochwasser mit Kündigung gedroht.

„Schuld an allem ist die Wirtschaft“

Diese Erfahrung machen derzeit nicht wenige Hausbesitzer in Bad Schandau. Die Familien Kind und Hoyer aus dem Nachbarhaus haben just in der vergangenen Woche „Änderungsmitteilungen“ von ihren Versicherungen bekommen. „Das ist kurz vor der Kündigung“, sagt Kind senior. Er steht völlig verschwitzt auf der Terrasse im zweiten Stock. Zwei Wohnungen haben sie in den vergangenen 48Stunden komplett ausgeräumt. Über eine Leiter, die auf dem Balkon darunter steht, reichen ihm die Bewohner noch eine Holztür hoch. „So, das war’s“, sagt der Junior. „Jetzt kann das Wasser kommen.“ Dann platzt dem Senior doch der Kragen: „Schuld an allem ist die Wirtschaft.“ Damit die Elbe in der Tschechischen Republik ganzjährig schiffbar bleibe, würden die Rückhaltebecken dort stets voll gehalten. „Wenn’s dann regnet, gibt’s keinen Stauraum mehr, und wir kriegen alles ab.“

René Hille hofft unterdessen, dass der Elb-Pegel nicht weiter steigt. „Wenn es nicht noch in den ersten Stock fließt, können wir relativ schnell wieder Gäste empfangen“, sagt er. Nach der letzten Flut blieben die Touristen ein halbes Jahr lang weg. „Das macht alles nur noch schlimmer“, sagt Hille. Auf dem Rückweg macht er wieder halt an der Schlossbastei. Gut ist von hier das achteckige Dach des Thermalbads zu sehen, das durch Spundwände geschützt ist. 2002 war die Elbe dort kurz nach der Eröffnung durchgerauscht, das Dach fast völlig im Wasser verschwunden. Nun ragt die Glaskuppel noch gut sichtbar aus den Fluten. „Ein gutes Zeichen“, sagt Hille. 10,50 Meter Pegel werden am Nachmittag gemeldet, 1,5 Meter unter dem Wert von 2002. Das Wasser steigt nur noch langsam. Hoffnung keimt auf.

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