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Hochwasser : „Immer hieß es, Rothensee ist sicher“

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Kampf der Flut: Die Bundeswehr verstärkt bei Magdeburg die Dämme. Bild: AP

Der Wasserspiegel im Magdeburger Stadtteil Rothensee sinkt, doch der Ärger bei den Bewohnern ist groß. Viel zu spät sei man vor der Flut gewarnt worden. Und gebannt ist die Gefahr noch lange nicht - die Deiche weichen zunehmend auf.

          Die Badeteichstraße im Magdeburger Stadtteil Rothensee macht an diesem Montag ihrem Namen alle Ehre. In Senken sind kleine Seen entstanden, die das abfließende Wasser zurückließ. Manche umschließen noch ganze Häuser, andere ufern in einer Einfahrt auf dem Bürgersteig. Garten- und Feuerwehrschläuche liegen über Sandsackwällen, die um Garagen und Keller aufgeschichtet sind, und pumpen pausenlos Wasser ab. An der nahegelegenen Kirche, mitten im alten Ortskern, treffen sich die Anwohner. Hier ist der größte See zurückgeblieben, und um auf die andere Seite des Ortes zu gelangen, müssen die Leute knietief durchs Wasser.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Weil das selbst für Gummistiefel zu hoch ist, sind die meisten in Flipflops unterwegs. Das Wasser ist warm und, sieht man von Gras, Ästen und ein paar toten Regenwürmern ab, auch nicht allzu schmutzig. Thema Nummer eins hier ist die fehlende Flutwarnung und der Ärger auf die Stadt. „Die haben uns einfach absaufen lassen“, sagt Gundula Prywerek, die mit Rucksack und Umhängetasche auf dem Weg zu Haus und Firma ist. Das zweistöckige, weiße Gebäude steht ein paar hundert Meter weiter in der Hohenwarther Straße, mitten in einer Senke. Auf dem Treppenabsatz im Hof läuft ein Dieselgenerator, den Holger Prywerek, ihr Ehemann, von Freunden mitgebracht hat. Seit Sonntagnacht, als das Wasser zurückging, pumpt er die Werkstatt aus, dort steht es noch knöcheltief. Im Flur steht seine Campingliege mit Schlafsack.

          Überflutete Häuser im Elbehochwasser bei Fischbeck. Bilderstrecke

          „Zig Mal habe ich letzte Woche bei der Stadt angerufen“, sagt Gundula Prywerek. Immer hieß es: Rothensee ist sicher.“ Dennoch begannen sie am Freitag, als der Elbpegel weiter stieg und auch die beiden Hafenbecken überliefen, Kellerfenster und Türen mit Folie und Sandsäcken zu sichern, trugen Waschmaschine und Trockner aus dem Keller und stellten im Büro Aktenschränke und Regale auf Kanthölzer. Rothensee liegt in einer Senke, kommt das Wasser erst einmal über den August-Bebel-Damm, läuft der Ort voll wie eine Badewanne. Genau das geschah am Samstagnachmittag. Anwohner hatten noch schnell einen Sandsackwall gebaut, aber es war zu spät.

          Erst dann sei Polizei gekommen und habe die 3000 Anwohner zur Flucht aufgefordert. Prywereks kamen bei Verwandten unter, doch am Sonntagmorgen kehrten sie zurück, versuchten mit Hubwagen, die im Wasser stehenden Maschinen und damit ihre Existenz zu retten. In ihrer Firma stellen sie Markisen, Vordächer und Wintergärten her; erst zu Jahresbeginn hatten sie dafür eine neue Aluminium-Bearbeitungsmaschine für 60.000 Euro gekauft. Das Hightech-Gerät stand wie die anderen einen halben Meter im Wasser. „Wir hoffen, dass sie noch funktionieren“, sagt Holger Prywerek. Prüfen kann er es erst, wenn wieder Strom da ist.

          Die Stadt versteht den Zorn der Anwohner. Doch diese Flut habe alle Dimensionen gesprengt, heißt es im Rathaus. Niemand habe mit so einem Pegel gerechnet, zumal die Nachrichten vom Oberlauf der Elbe, etwa aus Dresden, besser klangen als 2002. Wohl auch deshalb nahm man in Magdeburg an, dass es die Stadt nicht so schlimm treffen werde. Dann aber korrigierte der Landesbetrieb für Hochwasserschutz seine Prognosen nach oben. Am Sonntagnachmittag sollten nach Rothensee im Westen auch in den östlichen Stadtteilen 23.000 Menschen ihre Häuser und Wohnungen verlassen. In der Nacht zum Montag blieb der Pegel dann bei 7,48 Meter stehen, 70 Zentimeter höher als 2002.

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