https://www.faz.net/-gup-79ugs

Hochwasser : „Immer hieß es, Rothensee ist sicher“

  • -Aktualisiert am
Elbe überall: Bahngleise bei Schönebeck südlich von Magdeburg
Elbe überall: Bahngleise bei Schönebeck südlich von Magdeburg : Bild: REUTERS

Wie sehr die Stadt von der Rekordflut überrascht wurde, zeigt auch der Kampf um das Rothenseer Umspannwerk, das Strom für die halbe Stadt liefert. „Bis Sonnabendnachmittag lag dort nicht ein Sandsack“, sagt Holger Prywerek. Dann rückten Bundeswehr, Technisches Hilfswerk (THW) und Feuerwehr mit 1500 Mann an und bauten, bis zum Bauch im Wasser stehend, zwei Sandsackwälle, einen direkt um das klinkerrote Werk und einen zweiten oben auf dem Bebel-Damm. Die Reste der geglückten Abwehrschlacht sind am Montag nicht zu übersehen. Europaletten liegen im Schlamm, ebenso Gummiplanen, halbvolle Sandsäcke, leere Wasserkästen und Plasteflaschen. Auch wenn der Pegel zurückgegangen ist, lässt die Feuerwehr das Werk nicht aus den Augen, wirft Sandsäcke auf Lecks und dichtet die Mauer ab. Niemand weiß, wie lange sie noch halten muss. Über der Stadt kreist die Luftwaffe und beobachtet die Deiche.

Hundert Meter südlich, an der Ecke Hohenwarther Straße, errichten Einsatzkräfte einen neuen Wall quer über die Straße August-Bebel-Damm. Mit Radladern hebt das THW sogenannte Big Bags - große Sandsäcke - von Bundeswehrlastwagen und reiht sie aneinander. Zahlreiche Feuerwehr-Kameraden aus Nordrhein-Westfalen machen die Barriere mit gewöhnlichen Sandsäcken dicht. Geduldig warten Lastwagen von Bundeswehr und Stadt sowie Privatfahrzeuge mit Anhängern, alle voll beladen mit Sandsäcken, darauf, abgefertigt zu werden. „Wir wollen verhindern, dass das Wasser von hinten in den Ort zurückläuft“, sagt einer der Männer.

Zudem soll der aufgeweichte Sandsackdamm am Umspannwerk vor Spritzwasser von Fahrzeugen geschützt werden. Zwischen dem schweren Gerät erscheinen auf einmal vier Platten mit belegten Brötchen. Binnen weniger Minuten sind sie verputzt. „Tja, hätte mehr sein können“, sagt Doris Lüter, die mit ihrem Kollegen Wolfgang Seiler die Mittagspause nutzt, um die Einsatzkräfte zu versorgen. „Sand kann ich nicht schippen, aber ich will wenigstens etwas tun“, sagt Lüter. „Unglaublich, was die Männer leisten“, ergänzt Seiler. Als sie in ihrer Kantine die Brötchen sahen, sei ihnen spontan die Idee gekommen.

Politiker, die aufs Wasser schauen: Angela Merkel und Begleiter bei Wittenberge
Politiker, die aufs Wasser schauen: Angela Merkel und Begleiter bei Wittenberge : Bild: dpa

„Die Unterstützung ist super“, sagt einer der Feuerwehrmänner. „Ständig bringen Leute Getränke, Essen und Kuchen.“ Am Samstag sind sie mit 180 Fahrzeugen und 600 Mann aus Duisburg, Düsseldorf, Dinslaken, Hameln und Wesel nach Magdeburg gekommen und haben seitdem nahezu pausenlos geschuftet. Genau wie Kameraden der Feuerwehr Rudolstadt in Thüringen, die auf der anderen Seite des Damms ein Müllheizkraftwerk vor den Fluten bewahrten. Die ganze Nacht waren sie im Einsatz, jetzt liegen sie ermattet in der Sonne.

„Das war ein außergewöhnlicher Einsatz“, sagt Kraftwerkschef Rolf Oesterhoff. Strom und Fernwärme mussten nicht abgeschaltet werden. In den kommenden Wochen wird das Kraftwerk verarbeiten, was die Flut unbrauchbar machte; Oesterhoff rechnet mit Zehntausenden Tonnen Sperrmüll. Die Prywereks haben am Nachmittag mit dem Saubermachen begonnen. Hof, Gartenlaube und Gewächshaus stehen noch eineinhalb Meter tief im Wasser, aber aus Werkstatt, Büro und Treppenhaus ist das Wasser verschwunden, zum Glück hat es kaum Schlamm hinterlassen. An der Rothenseer Kirche steht ein Touristenwegweiser, auf dem man erfährt, dass der Name des Stadtteils von „Am roten See“ kommt und Bezug auf einen alten Elbarm nimmt. Der Fluss wurde hier zuletzt 1849 gesehen, bei der „großen Hochwasserflut“ wie die Kurzchronik vermerkt. Sie wird nun wohl um die „Rekordflut 2013“ ergänzt werden müssen.

Topmeldungen

Merkel, die Krisenkanzlerin : Rasierklingenritte und Wendepunkte

Von der Finanz- über die Klima- bis zur Corona-Krise: Die Leistungen eines Kanzlers zeigen sich in den Krisen, die er zu bewältigen hatte. Das hat Angela Merkel einmal gesagt. Daran muss sich die scheidende Regierungschefin messen lassen. Eine Bilanz.
Eine Projektionsfigur: Saskia Esken

Der Fall Saskia Esken : Was diese Frau so alles betreibt

Wenn sie nicht im Fernsehen redet, versteckt sie sich. Wenn sie redet, verstellt sie sich. Saskia Esken dient ihren Gegnern im Wahlkampf als Unperson, die für jede Projektion gut ist.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.