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Flut in Serbien und Bosnien : Wassermonstrum spült Grenzen weg

Vielerorten tötet die Flut das Vieh, hier im bosnischen Samac Bild: AP

Als Folge der Flut drohen Serbien und Bosnien Wirtschaftskrisen – doch die Betroffenen entdecken auch ein Ausmaß an Hilfsbereitschaft, das sie nicht bei sich vermutet hätten.

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          Es regnet nicht mehr. Was zu anderen Zeiten eine banale Feststellung wäre, wird in Bosnien-Hercegovina und Serbien in diesen Tagen wie eine Botschaft des Himmels aufgenommen – und das ist es ja auch. Bald wird das Wasser wieder abgeflossen, wird der letzte Ertrunkene geborgen, werden Menschen nicht länger in akuter Lebensgefahr sein. Doch in Serbien, Bosnien (sowie zum Teil auch in der Gegend um das kroatische Vukovar) hat die balkanische Jahrhundertflut gewaltige Schäden angerichtet. Serbien und Bosnien steht wirtschaftlich wohl die schwierigste Zeit seit dem Ende der Balkankriege bevor. Ihre Wirtschaftskraft ist ohnehin nur schwach entwickelt, und nun haben die Fluten viel von dem wenigen, was die lokale Wirtschaft ausmachte, mit sich fortgerissen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vučić bezifferte den zu erwartenden Schaden in dem Balkanstaat von weniger als 7,5 Millionen Einwohnern auf eine Milliarde Euro. Aus dem kaum halb so bevölkerungsreichen, aber noch härter getroffenen Bosnien waren ähnliche Zahlen zu hören. In Bosnien ist mehr als ein Viertel der Bevölkerung von den Überschwemmungen in Mitleidenschaft gezogen. Fachleute im serbischen Wirtschaftsministerium sagen sogar, durch Schäden an der Infrastruktur und Exportausfälle drohten Serbien Verluste in Höhe von zwei Milliarden Euro.

          Die Flut wird wohl auch soziale Folgen haben

          „In Serbien wurden etwa 80.000 Hektar Agrarland überflutet, die Ernte dort ist größtenteils verloren – das ist ein gewaltiger Schaden für einen Staat, in dem die Landwirtschaft etwa ein Zehntel der Jahreswirtschaftsleistung ausmacht“, sagt Marko Čadež, Direktor der in Frankfurt beheimateten serbischen Wirtschaftskammer für Deutschland. Das werde auch soziale Folgen haben, fürchtet Čadež. In normalen Jahren exportiere Serbien Obst und Gemüse, doch in diesem Sommer werde es vermutlich importieren müssen, was Preissteigerungen von bis zu 20 Prozent zur Folge haben und für die ärmeren Bevölkerungsschichten zu einer Belastung werden könne. Jorgovanka Tabaković, Leiterin der serbischen Nationalbank, versuchte zwar, die Gemüter zu beruhigen, und sagte, sie erwarte keinen Preisanstieg für landwirtschaftliche Produkte. Ihre Aussage, dass vermutlich 40 Prozent der serbischen Obstplantagen von den Überschwemmungen erfasst seien, dürfte für viele Serben aber nicht ermutigend geklungen haben.

          Ähnlich ist es mit der Stromproduktion. „Statt Strom zu exportieren, wie es zu dieser Jahreszeit üblich wäre, muss Serbien derzeit die Hälfte seines Bedarfs importieren. Das verursacht zusätzliche Kosten von einer halben Million Euro täglich“, sagt Marko Čadež. Je nachdem, wie lange Serbien darauf angewiesen sei, könnten die Stromimporte das Budget des ohnehin hochverschuldeten Balkanstaates weiter belasten. Der größte Kampf findet derzeit im serbischen Kohlekraftwerk von Kolubara statt, wo ein großer Teil des Stroms in Serbien entsteht. In Kolubara sind unter anderen deutsche Hilfskräfte vom THW mit Hochleistungspumpen im Einsatz, um zu verhindern, dass die Generatoren des Kraftwerks beschädigt werden.

          Hilfsgelder der EU kommen - und werden hoffentlich überwacht

          Serbien werde die Folgen der Flutkatastrophe ohne fremde Hilfe nicht überwinden können, stellt Čadež fest. Serbiens Regierungschef Vučić sagte am Dienstag, sein Land benötige Medikamente, Babynahrung und später Baumaterial zum Wiederaufbau: „Wir sind dringend auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen.“ Vučić dankte Russland, Slowenien, der EU-Kommission, Deutschland, der Türkei, Mazedonien, Montenegro, Ungarn, Rumänien „und allen anderen europäischen Ländern“ für die bislang geleistete Hilfe. Auch in Bosnien werden viele Straßen ausgebessert und zum Teil neu gebaut werden müssen.

          Allein in der Gegend um das ostbosnische Srebrenica soll es 40 Erdrutsche gegeben haben, die Teile des Straßennetzes mit sich rissen. Die EU hat umfangreiche Hilfen in Aussicht gestellt. Zwar geht es für Serbien nicht um Summen von bis zu einer Milliarde Euro, wie serbische Zeitungen noch am Montag fälschlicherweise berichteten, doch mit Hilfen von mehreren hundert Millionen Euro kann das Land rechnen. Zu hoffen ist, dass die EU deren Verwendung überwachen wird, denn Serbien und Bosnien blicken auf eine lange staatliche und halbstaatliche Tradition der Verschwendung von Hilfsgeldern zurück.

          Dafür haben Serben und Bosnier in diesen Tagen der Not eine Tugend an sich entdeckt, die viele sich nicht zugetraut hätten – sie zeigen große Hilfsbereitschaft. Ständig werden die Listen der benötigten Waren und Medikamente im Internet aktualisiert, weil in einigen Fällen einstweilen genügend Spenden eingegangen sind. Freiwillige organisieren Transporte in besonders hart getroffene Orte und helfen beim Errichten von Dämmen aus Sandsäcken, Unternehmen stellen Sachspenden zur Verfügung.

          „Der Regen hat auch Grenzen weggespült“

          Besonders auffällig ist die Hilfsbereitschaft in der sonst allzu oft zwischen den Interessen muslimischer Bosniaken, orthodoxer Serben und katholischer Kroaten zerriebenen Gesellschaft Bosniens. „Das große Unglück hat die Menschen geeint“, schreibt die bosnische Journalistin Amra Zimić. Menschen aus dem (muslimisch dominierten) Bihac retten Menschen aus dem (vornehmlich serbischen) Doboj, Bürger der (muslimisch-kroatischen) Föderation eilen dem (vor allem serbischen) Bijeljina zu Hilfe, Freiwillige aus der bosnischen Serbenrepublik helfen im (muslimischen) Žepče. Der Kampf gegen das „Wassermonstrum“ habe Geschichten von großer Menschlichkeit und herausragendem Mut erklingen lassen, so Zimić. „Die Regenfälle haben außer Häusern, Ställen und Feldern auch die eingebildeten ethnischen Grenzen zwischen Städten und Kantonen fortgespült.“ Erst wenn alles wieder getrocknet und die bosnische Sintflut nur noch eine Erinnerung ist, dürften die Grenzen wieder sichtbar werden.

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