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Bundeskanzerin Merkel verspricht Millionenhilfe : Ohne Gummistiefel

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (Zweiter von links) verladen Sandsäcke in Pirna Bild: dpa

Angela Merkel besucht die Flutgebiete. In Pirna muss sie ihren Weg im Umgang mit dem Hochwasser finden. Es ist ein anderer als der ihres Vorgängers.

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          Die Frage am Dienstagvormittag im Pirnaer Zentrum lautet, wer wohl schneller sein wird: das Hochwasser oder die Kanzlerin. Unaufhaltsam dringt die Elbe seit dem Morgen in die Innenstadt ein und fließt auch die Dohnaische Straße mitten in der historischen Altstadt hoch, wo Angela Merkel am Mittag erwartet wird. Fast jeder hier trägt inzwischen Gummistiefel, denn auch in höher gelegenen Stadtteilen drückt das Wasser aus Gullideckeln nach oben und bildet Pfützen, die zu Seen werden.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Stadtverwaltung hat die Bürger gebeten, freiwillig ihre Wohnungen zu verlassen, und viele kommen dem nach. Zu frisch noch ist die Erinnerung an den August 2002, als die Elbe plötzlich zwei Meter hoch in Pirna stand. Jetzt fahren vollgepackte Autos aus dem Zentrum, viele verlassen die Innenstadt auch zu Fuß mit Rollkoffern. In die Gegenrichtung sind Kleintransporter mit Sandsäcken unterwegs. Freiwillige Helfer laden die schneeweißen Säcke vor Läden und Haustüren ab, um damit Kellerfenster und Eingänge zu sichern. Pirna ist jetzt Frontgebiet im Kampf gegen die Flut, auch wenn die Sandsackbarrieren wie Sahnehäubchen auf der braunen Brühe wirken, die sie umspült.

          Bild: F.A.Z.

          “Hören Sie bloß auf“, sagt der Inhaber eines Uhren- und Schmuckgeschäfts, der gerade Barometer und Wanduhren in Seidenpapier legt und alles in Kartons verpackt. Seine Stimme stockt, auf die Frage nach der letzten Flut antwortet er nicht, sondern zeigt hoch auf ein kleines Messingschild, das er an der Wand neben seinem Ladentisch angebracht hat: „Hier stand die Elbe 2002“, steht darauf, darunter ist ein Strich. Bis zur Decke sind es etwa 20 Zentimeter. Die Verkaufsregale sind schon abgebaut, aus dem Kontor tragen Helfer Aktenschränke, Schreibtisch und einen Kühlschrank nach draußen. Wo er die Möbel hinbringt? „Erst mal nach Hause“, lautet die Antwort.

          Wer in der Innenstadt wohnt oder arbeitet, hat für die Bundeskanzlerin an diesem Tag keine Zeit. „Wahlkampf“, das Wort fällt häufig. Es wurde ja auch oft genug bemüht in den vergangenen Tagen. Verärgert über den Besuch ist jedoch kaum jemand, ein bisschen Aufmerksamkeit für ihre geschundene Stadt und damit verbunden vielleicht Spenden und Aufbauhilfe, das, so hoffen sie hier, könnte so ein Besuch bringen.

          An den Straßenrändern stehen Möbelwagen, in denen ganze Ladeneinrichtungen verschwinden. Aus dem Geschäft einer Landfleischerei wuchten Helfer eine Kühltheke auf einen Autoanhänger. „Der einzige Vorteil ist, dass wir uns diesmal vorbereiten konnten“, sagt der Inhaber.

          2002 blieb ihnen hier dafür keine Zeit, und als das Wasser abzog, waren Pirnas Straßen voll mit durchweichten Schränken, Papier, Kartons und Waren, die die Flut wie Spielzeug umhergeschoben hatte. Diesmal aber sind alle Geschäfte leer geräumt, Türen mit Folien abgeklebt und Schaufenster mit Sperrholzplatten verriegelt. Gleichwohl wissen sie hier auch, dass das Wasser immer seinen Weg findet. Es wird Monate dauern, bis Wände und Fußböden wieder trocken und die Geschäfte eingeräumt sind.

          Um zehn Zentimeter steigt der Pegel am Vormittag pro Stunde, die Dohnaische Straße steht schon fast bis zur Hälfte unter Wasser. Die Kanzlerin soll schon in der Stadt sein, heißt es. Ihr erster Besuch gilt dem Krisenstab. Die Stadt ist vorbereitet. „Aber ab jetzt können wir nichts mehr beeinflussen“, sagt ihr Pirnas Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke von den Freien Wählern. „Welcher Pegel auch immer kommt, wir müssen ihn ertragen.“ Natürlich hofft er, dass der Scheitel des Hochwassers nicht über dem von 2002 liegt. Elf Meter waren es damals, und die sind auch für diesen Mittwochmittag prognostiziert.

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