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Notstand ausgerufen : In Venedig wächst die Wut

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Begutchten das Ausmaß der Schäden: Silvio Berlusconi (M.), ehemaliger Ministerpräsident von Italien und Forza Italia-Parteichef, mit Luigi Brugnaro (2. Reihe,M.), Bürgermeister von Venedig, und Renato Brunetta (3.v.r), Leiter der Abgeordnetengruppe von Forza Italia, auf dem Markusplatz. Bild: dpa

Mehr als 80 Prozent der Stadt stehen zwischenzeitlich unter Wasser, die Bewohner sind entsetzt – und sauer auf die Politik: Diese gibt zwar jetzt Millionen Soforthilfe, habe beim Hochwasserschutz aber komplett versagt und stattdessen rücksichtslos den Tourismus gefördert.

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          Wegen der verheerenden Überschwemmungen in Venedig hat die italienische Regierung am Donnerstag den Notstand für die Lagunenstadt beschlossen. Dies teilte der Ministerrat nach einer Sitzung am Donnerstag mit. Damit werden 20 Millionen Euro an Soforthilfen freigegeben. Ministerpräsident Giuseppe Conte sagte, dass Privatleute mit Soforthilfen von 5000 und Geschäftsleute von 20.000 Euro rechnen könnten. Conte hatte am Donnerstag Venedig besucht.

          Schulen und Museen in Venedig blieben am Donnerstag geschlossen. Conte nahm in der Stadt an einer Krisensitzung teil und besuchte Ladenbesitzer, deren Geschäfte durch das schmutzige Salzwasser verwüstet wurden. „Ich lebe davon. Was soll ich sonst machen?“, sagte der 54-jährige Stefano Gabbanato, der seinen Zeitungskiosk am Dogenpalast bis zum nächsten Hochwasser wieder geöffnet hat – und derzeit vor allem Gummistiefel verkauft. Die Hochwasserkatastrophe sei „ein Stich in das Herz unseres Landes“, sagte Conte.

          „Ein Stich in das Herz unseres Landes“: Regierungschef Giuseppe Conte bei einem Besuch in Venedig über die Hochwasserkatastrophe

          Auf dem Markusplatz wateten unbeirrt Touristen durch die Pfützen und machten Selfies mit den Überschwemmungen im Hintergrund. „Es ist komisch. Touristen machen Fotos, während die Stadt leidet“, sagte die österreichische Touristin Cornelia Litschauer. Der Hongkonger Jay Wong berichtete, seine Venedig-Reise sei durch das Hochwasser „ein Abenteuer“ und eine „tolle Erfahrung“ geworden.

          Selfies im Hochwasser: Das sorgt für Wut bei den Bewohnern der Stadt.

          Nach dem schlimmen Hochwasser am Dienstagabend waren Einheimische und Touristen in Gummistiefeln durch überflutete Gassen gewatet. Viele Anlegestellen für die berühmten Touristen-Gondeln wurden weggerissen. Ein 78-jähriger Mann wurde durch einen Stromschlag getötet, als Wasser in sein Haus eindrang.

          Venedig ist in dieser Woche vom schwersten Hochwasser seit Jahrzehnten heimgesucht worden. Getrieben durch heftigen Wind war der Wasserstand in der Nacht zu Mittwoch auf 187 Zentimeter über dem normalen Meeresspiegel gestiegen. Das war der höchste Wert seit 1966. Mehr als 80 Prozent der historischen Stadt stehen unter Wasser. Am Donnerstag sank der Pegel vormittags auf 113 Zentimeter. Für Freitagvormittag wurden aber 145 Zentimeter vorhergesagt. Die Schulen sollen geschlossen bleiben, der Dogenpalast schließt am Freitag ebenfalls. Es habe schon viele Absagen von Urlaubern gegeben, sagte Laura Ferretto vom Hotelverband Federalberghi Veneto.

          Im ganzen Norden Italiens, aber auch in anderen Landesteilen werden für die nächsten Tage weiter heftige Niederschläge erwartet. In Venedig ist das Ausmaß der Schäden noch nicht abzusehen. In der Unesco-Welterbestadt entbrannte ein Streit über den mangelnden Flutschutz.

          Ein Milliarden-Projekt mit dem Namen „Mose“ – kurz für „Modulo Sperimentale Elettromeccanico“ – sollte eigentlich schon 2014 in Betrieb gehen. Dabei sollen riesige Barrieren an drei Eingängen zur Lagune hochgefahren werden und die Stadt schützen, sobald der Meeresspiegel eine kritische Marke überschreitet. Vor mehr als 15 Jahren begannen die Arbeiten, die schon knapp sechs Milliarden Euro kosten. Ein Korruptionsskandal verzögerte das umstrittene Mammutwerk. Auch gibt es seit jeher Kritik, dass ein Eingriff in das sensible Ökosystem der Lagune mehr schade als nutze.

          Nach den Bildern der Zerstörung beeilten sich Politiker zu versichern, dass das Projekt nächstes Jahr fertig werde. „In den letzten Jahren gab es viele Skandale. Es gab schwere Verzögerungen“, gestand Infrastrukturministerin Paola De Micheli in einem Radiointerview ein. Jetzt seien aber bereits 93 Prozent fertiggestellt.

          Wissenschaftler führen die zunehmenden Fluten in Venedig auf den Klimawandel zurück, der den Meeresspiegel steigen lässt. „Das Hochwasser in Venedig bringt das Problem der absoluten Trägheit an die Oberfläche, mit der man in Italien das Phänomen des Meeresspiegelanstiegs angeht“, erklärte Luigi Merlo vom Handelsverband Confcommercio. Viele Kritiker halten auch die großen Kreuzfahrtschiffe für eine Gefahr. Weil für sie immer tiefere Fahrrinnen ausgehoben würden, entwickelten sich Teile der Lagune zu einem offenen Meeresarm.

          Übernächste Woche soll eine Sonderkommission über die „Probleme Venedigs“ beraten, wie Conte ankündigte. Dabei soll es seinen Angaben zufolge auch um ein geplantes Anlegeverbot für große Kreuzfahrtschiffe und das umstrittene Hochwasserschutzsystem gehen.

          Und so müssen erst Bilder wie von einem überschwemmten Markusdom um die Welt gehen, dass sich Italien wieder des Problems bewusst wird. Kulturdenkmäler seien durch salziges und schmutziges Wasser in Mitleidenschaft gezogen worden, sagte Kulturminister Dario Franceschini und sprach von einem „Notfall“. Kunstwerke in Sammlungen oder Material in Archiven und Bibliotheken seien aber nach ersten Erkenntnissen nicht beschädigt worden.

          Während Touristen Selfies mit den Wassermassen machten, waren die Bewohner schockiert. „So was habe ich noch nicht gesehen. Es ist eine Katastrophe. Es ist wie ein Krieg. Wir haben es gewusst“, sagte der Venezianer Ezio Toffolutti der Deutschen Presse-Agentur. Läden und Supermärkte seien alle im Erdgeschoss, die habe es deshalb schlimm erwischt. „Eine schreckliche Zeit“, sagte der viel in Deutschland tätige Bühnenbildner.

          Ministerpräsident Conte traf am Donnerstag auch Kioskbesitzer Walter Mutti, der bei der Flut alles verloren hatte. Bilder hatten gezeigt, wie sein Kiosk in den braunen Wassermassen davon trieb. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo er sein könnte“, sagte Mutti in einem Interview der Zeitung „La Repubblica“ auf die Frage nach dessen Verbleib.

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