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Hauseinstürze in Erftstadt : „Es ist eine katastrophale Lage, wie wir sie hier noch nie hatten“

Ein Foto, das die Bezirksregierung Köln am Freitag verbreitete, zeigt die Überschwemmungen in Erftstadt-Blessem. Feuerwehr und Polizei berichteten, dass in der Nähe einer Kiesgrube (im Vordergrund) eine Häuserzeile versunken sei. Die Grube war von den Wassermassen der Erft geflutet und die Häuser unterspült worden. Bild: dpa

Die Lage in den Überschwemmungsgebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland Pfalz bleibt vielerorts angespannt. In Erftstadt-Blessem sind mehrere Häuser eingestürzt. Der Verkehr ist massiv beeinträchtigt. Die Zahl der Todesopfer steigt stetig.

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          Beim Einsturz von Häusern in Erftstadt-Blessem sind Menschen ums Leben gekommen. „Es gibt Todesopfer“, sagte eine Sprecherin der Bezirksregierung Köln am Freitag. In der Ortschaft war es zu massiven und schnell fortschreitenden Unterspülungen von Häusern gekommen. Von der Bezirksregierung verbreitete Luftbilder und Fotos von dpa-Fotografen zeigen Erdrutsche von gewaltigem Ausmaß. Häuser wurden mitgerissen und verschwanden. Autos lagen in neu entstandenen riesigen Erdlöchern neben Betonteilen der ehemaligen Kanalisation. Es seien Menschen in Autos auf überfluteten Straßen eingeschlossen worden. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa sind drei Wohnhäuser, sowie Teile der historischen Burg eingestürzt.

          Dazu sind in der Nähe von Erftstadt-Blessem Teile der gesperrten Autobahn 1 in den Fluss Erft gestürzt. Dies berichtete ein dpa-Reporter als Augenzeuge. Nach seinen Angaben brachen schätzungsweise mehr als 40 Meter des Standstreifens in mehreren Stücken mit einem Knacken ab und fielen in den Fluss. Auf den Abschnitten hätten sich keine Fahrzeuge befunden. Auch ein Stück Lärmschutzwand sei eingestürzt.

          „Die Menschen haben fluchtartig ihre Gebäude verlassen“

          Nach Angaben des zuständigen Landrates des Rhein-Erft-Kreises, Frank Rock (CDU), ist die Lage weiter unübersichtlich. Er habe noch keine konkrete Zahl über Todesopfer oder Vermisste, sagte Rock am Freitag dem TV-Sender ntv. Es seien noch 50 Menschen mit Booten gerettet worden, aber auch wieder Menschen auf eigene Faust in bereits evakuierte Häuser zurückgekehrt. Die Flut sei sehr schnell gekommen. Senken hätten binnen zehn Minuten unter Wasser gestanden. Es habe kaum Zeit gegeben, die Menschen zu warnen. „Es ist eine katastrophale Lage, wie wir sie hier noch nie hatten“, sagte Rock. Ein Erkundungstrupp des Katastrophenschutzes sei in dem Ort unterwegs. „Wir durchleben gerade eine Krise, deren Dimensionen heute noch nicht abschätzbar sind“, hatte Rock bereits am Donnerstag gesagt.

          Am Freitag deutete sich bei sinkenden Pegelständen an einigen Orten etwas Entspannung an. Das Verteidigungsministerium hat dennoch wegen der Notlage einen militärischen Katastrophenalarm ausgelöst. Damit könnten Entscheidungen von den Verantwortlichen am Ort schneller getroffen werden, erläuterte ein Sprecher. Eingesetzt werden derzeit etwa Hubschrauber, Räumpanzer, Krankenwagen, Boote, Truppentransport-Panzer und eine Fähre. Auch aus anderen Bundesländern kamen am Freitag Einsatzkräfte zur Unterstützung.

          Auch in der Eifel hat sich die Situation trotz Überlaufens der Rurtalsperre über Nacht leicht entspannt. „In der Nacht gab es nur einen geringen Anstieg der Rur“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr Düren am Freitagmorgen. „Aufgrund des Anstiegs ist es zu keinen zusätzlichen Einsätzen gekommen.“ Am Freitagmorgen liefen demnach keine Einsätze im Stadtgebiet Düren.

          Ein Regionalzug steht im Bahnhof des Ortes Kordel in Rheinland-Pfalz, umspült vom Hochwasser der Kyll. Als der Strom ausfiel, blieb auch die Bahn am Mittwoch liegen. Bilderstrecke
          Flut-Katastrophe im Westen : Talsperren laufen über, Häuser sind zerstört

          Unterdessen ist die Zahl der Todesopfer in NRW und Rheinland-Pfalz auf mehr als 100 gestiegen. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer sagte am Freitag, inzwischen gebe es in ihrem Land 63 Tote. Zuvor hatte Nordrhein-Westfalen 43 Tote gemeldet. In Nordrhein-Westfalen sind nach Angaben des Bundesamtes für Bevölkerung und Katastrophenschutz (BBK) in Bonn 23 Städte und Landkreise von Überschwemmungen betroffen. In Rheinland-Pfalz ist der Kreis Ahrweiler Schwerpunkt der Katastrophe, mindestens 362 Menschen wurden hier verletzt, wie die Polizei in Koblenz am Freitag mitteilte. Aus Sicht der Polizei würden knapp unter 100 Menschen vermisst.

          Rheinland-Pfalz stellte als kurzfristige Unterstützung 50 Millionen Euro bereit, um etwa Schäden an Straßen, Brücken und anderen Bauwerken zu beheben. Ministerpräsidentin Dreyer sagte im ZDF, für den Aufbau der betroffenen Landstriche sei auch die Hilfe des Bundes nötig. Die Bundesregierung will nach Auskunft des Finanzministeriums nächste Woche über Aufbauhilfen für Bürger und Kommunen entscheiden.

          Laschet kündigte ein mehrstufiges Hilfsprogramm für die Opfer der Unwetterkatastrophe in NRW an. „Wir werden große finanzielle Kraftanstrengungen brauchen“, sagte der Ministerpräsident und Unions-Kanzlerkandidat nach der Sondersitzung des Kabinetts. Die bisher für Soforthilfen bei Starkregen-Ereignissen zur Verfügung stehenden Mittel würden „bei weitem nicht ausreichen“. Gespräche über eine Beteiligung des Bundes liefen bereits. Die Bundeskanzlerin habe ihn angerufen und Hilfe zugesagt, ebenso Finanzminister Olaf Scholz (SPD). Das sei ein wichtiges Signal, sagte Laschet. Neben Hilfen für Härtefälle bei Privatleuten und Unternehmen seien Strukturhilfen für beschädigte Straßen und Anlagen nötig.

          Der Zugverkehr in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ist wegen der Überflutungen weiterhin massiv beeinträchtigt. Zahlreiche Strecken seien komplett gesperrt oder nur eingeschränkt befahrbar, teilte die Deutsche Bahn am Freitag in Düsseldorf mit. „Die Wassermassen haben Gleise, Weichen Signaltechnik, Bahnhöfe und Stellwerke in vielen Landesteilen von NRW und Rheinland-Pfalz stark beschädigt.“ Allein in Nordrhein-Westfalen seien Gleise auf einer Länge von rund 600 Kilometern betroffen. Die Ermittlung der Schäden laufe weiter auf Hochtouren.

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