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Hintergrund : Saison der Killertornados

  • -Aktualisiert am

Ein Tornado rückt auf Red Rock, Oklahoma vor. Bild: AP

Weil große Gebirge fehlen, entstehen im Frühjahr immer wieder Wirbelstürme im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten.

          Die Schreckensnachrichten aus dem Kernland Amerikas scheinen in diesen Tagen kein Ende zu nehmen. In den vergangenen zwei Wochen wurden in sechs Bundesstaaten mehr als dreihundert Tornados gezählt, mindestens 24 Menschen kamen in diesen Wirbelstürmen ums Leben. Noch nie zuvor seit Meteorologen über die rotierenden Unwetter in Amerika buchführen, hat es derart viele Tornados in so kurzer Zeit gegeben. Denn in den ersten zwei Maiwochen des bisherigen Rekordjahres 1999 wurden nur 200 solcher "Twister" gezählt.

          Chaussee der Tornados

          Im Prinzip können sich Tornados aus jedem schweren Gewitter entwickeln, aber in einem relativ schmalen Gebiet des amerikanischen Mittleren Westens, das sich von Texas über Oklahoma und Kansas bis nach Missouri und Illinois erstreckt, sind die Wirbelwinde besonders häufig. Das Gebiet wird auch "Twister Alley" genannt, eine Chaussee der Tornados, in dessen rotierenden Stürmen in jedem Frühjahr zwischen April und dem frühen Juli Dutzende Menschen umkommen.

          Von den nahezu 800 Tornados, die im Durchschnitt in jedem Jahr die Vereinigten Staaten heimsuchen, ereignen sich mehr als 500 in diesem Gebiet. Oft sind es nur kleine Windhosen von einigen Metern Durchmesser, denen schon nach wenigen Minuten die Puste ausgeht. Manchmal, wie am 18. März 1925, sind es aber Wirbelstürme mit einem Durchmesser von fast zwei Kilometern, die einen 350 Kilometer langen Pfad der Zerstörung hinterlassen. Damals kamen in den Bundesstaaten Missouri, Illinois und Indiana 689 Menschen ums Leben.

          Verhängnisvolle Kombinationa aus Klima und Topographie

          Daß es entlang der Tornado-Allee überhaupt zu diesen tödlichen Luftwirbeln kommt, liegt an einer gefährlichen Kombination aus Topographie und Klima. Die Landschaft des Mittleren Westens ist weitgehend flach. Außer einigen sanften Mittelgebirgen wie den Ozarks in Arkansas und Missouri gibt es dort nirgendwo eine Bergkette, die sich den aus allen Richtungen heranströmenden Luftmassen in den Weg stellen könnte.

          So dringt vor allem im Frühjahr östlich der Rocky Mountains noch eiskalte Luft aus dem hohen Norden Kanadas bis weit in den Süden der Vereinigten Staaten vor. Zu dieser Jahreszeit hat sich der Golf von Mexiko aber schon so weit erwärmt, daß er subtropische, mit Feuchtigkeit geschwängerte Luft in Richtung Norden schicken kann. Von Westen her kommend mischt sich dann gelegentlich noch trockene Warmluft dazwischen. Wenn diese verschiedenen Luftmassen aufeinanderstoßen, verheißt der Wetterbericht meist nichts Gutes.

          Kraft der Tornados ist groß

          Die Wetterlage wird instabil, weil sich die warme, feuchte Luft unter die kalte, trockene Luft schiebt. Es kommt zu starken Gewittern und Sturmfronten, aus denen sich aus wissenschaftlich bisher noch nicht ganz geklärter Ursache immer wieder Tornados lösen. Voraussetzung für das Entstehen dieser trichterförmigen Luftwirbel sind tiefhängende Cumulonimbus-Wolken, in denen es eine starke Aufwärtsbewegung der Luft gibt. Beim Aufstieg beginnt sich die Luft zunächst langsam zu drehen. Im Inneren dieses Kreisels entsteht ein Unterdruck der - wenn die meteorologischen Bedingungen gerade richtig sind - diese Drehbewegung noch verstärkt. An der Unterseite der Wolken kann sich dann ein "Rüssel" rotierender Luft bilden, der, wenn er bis zum Boden reicht, alles aufsaugt, was in seinem Weg steht.

          Die Kraft solcher Tornados ist sehr groß. Die Wirbel können beladene Eisenbahnwaggons wie Spielzeug umwerfen, Bäume ausreißen und Häuser versetzen. Genaue Messungen über die Windgeschwindigkeiten in einem Tornado gibt es nicht, weil es keine Anemometer gibt, die diesen Kräften standhalten. Aus den Kratern, die von Tornados bewegte Teile beim Aufschlag auf Mauern in der Umgebung gerissen haben, hat man aber auf Geschwindigkeiten von mehr als 500 Kilometern in der Stunde geschlossen. Gleichzeitig kann der Luftdruck im Inneren eines Tornados auf weit unter 900 Hektopascal sinken - normal sind 1013 Hektopascal.

          Zurück bleiben nur Fundamente

          Oft nähern sich die wirbelnden Windhosen Gebäuden derart schnell, daß keine Zeit mehr zum Druckausgleich bleibt. Der Unterdruck im Tornado läßt dann Gebäude regelrecht explodieren. Das geschah am Wochenende auch wieder in Oklahoma City, denn von vielen Häusern blieb nur noch ein kahles Fundament übrig. Der starke Wind verteilte die Trümmer der Häuser auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern. Vor einem derartigen Killertornado - sie erreichen eine Stärke von fünf auf der nach dem Meteorologen Fujita benannten fünfteiligen Skala - kann man sich nur entweder in Betonbunkern oder durch rechtzeitige Flucht schützen.

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