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Hilfe nach Tsunami : Die Starken setzen sich durch

Zerstörte Moschee in Palu Bild: Reuters

Im Katastrophengebiet in Indonesien reichen die Hilfsgüter längst nicht für alle. Viele Opfer sind zu schwach, um sich an dem Rennen um die bunten Pakete zu beteiligen – und gehen leer aus.

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          Wer im Lager für Erdbebenopfer in Palu überleben will, muss sich durchsetzen können. Als ein paar Kartons mit Keksen, Instantnudeln und Milchpulver verteilt werden, sind sie in Windeseile von einem Pulk Menschen auseinander gefleddert. Die Glücklichen rennen nach der Rangelei greinend mit einigen bunten Paketen im Arm davon. Die weniger Glücklichen gehen leer aus. „Es ist unfair. Die Starken bekommen am meisten“, sagt Dahlia Taha, eine Mutter von zwei Töchtern. Ihr Ehemann Yusrin Hussain leide an einer Lungenkrankheit und sei zu schwach, um sich an dem Rennen um die Hilfsgüter zu beteiligen. Sie selbst habe zu viel Angst. Sie könnte fallen und in dem Gewühl niedergetrampelt werden. Ihre Familie ist deshalb auf die Unterstützung ihrer Nachbarn angewiesen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Der Familie fehlt es fast an allem. In Gegensatz zu ihren Nachbarn aus Kampung Lere, dem Ortsteil der Stadt Palu, aus dem die Bewohner dieses Lagers stammen, haben sie nicht einmal eine Plastikplane über dem Kopf. Schon sechs Nächte haben sie unter freiem Himmel verbracht. Sie kauerten sich auf einer dünnen Matte auf dem Steinboden zusammen. Etwas Reis und Nudeln sind ihre einzigen Nahrungsmittel. Dabei befinden sie sich mitten in Palu, wo nach dem Erdbeben mit mehr als 1400 Toten eigentlich als erstes die Hilfe eintreffen sollte. In den ländlichen Gebieten, wo ebenfalls viele Menschen getötet wurden, ist teilweise noch gar nichts angekommen.

          Dahlia Taha berichtet, dass sie gerade im Bad war, als die Erde bebte. „Ich bin in der Dusche hin- und hergeflogen wie ein Ping-Pong-Ball.“ Nachdem das Erdbeben vorbei war, rannte sie mit ihren Töchtern aus dem Haus. Als der Tsunami kam, waren sie schon zu weit weg, um noch etwas davon mitzubekommen. Aber von ihren Nachbarn habe sie gehört, dass die Welle fast turmhoch gewesen sei. Kampung Lere wirkt nun wie eine Geisterstadt. Unter zerborstenen Fenstern liegen Haufen aus ineinander verkeilten Holzlatten, Wellblech und Steinen.

          Im Lager sitzt ein paar Meter weiter eine junge Frau mit einem Baby im Arm. Der 28 Jahre alten Ninda und ihrer Tochter Alula geht es etwas besser als der Nachbarfamilie. Außer der Plane über ihrem Kopf hat sie auch ein kleines Zelt aus einem engmaschigen Netz. Darunter sind die Mutter und ihre fünf Wochen alte Tochter vor Moskitos geschützt. Nachts macht Ninda allerdings kein Auge zu. Sie fürchtet sich vor weiteren Erdbeben, auch aus Angst um ihre Tochter. „Ich habe mir alle Sachen für das Baby so zurecht gelegt, dass ich sie mir sofort schnappen kann, wenn es wieder losgeht.“ Immer noch gibt es mehrmals am Tag schwächere Nachbeben, die die traumatisierten Einwohner von Palu jedes Mal aufschrecken.

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          Es sei natürlich etwas unangenehm, mit Hunderten Leuten eng nebeneinander in einem Lager leben zu müssen, sagt Ninda. Es gebe keine sanitären Anlagen, kaum frisches Wasser mehr und keine Beleuchtung am Abend. Das Lager liegt auf dem Vorplatz einer großen Moschee mit grünen Zwiebeltürmchen. Das Gebäude ist nicht mehr benutzbar. Durch das Erdbeben sind die verzierten Fenster herausgebrochen und die Wände eingerissen. In der Umgebung sind viele Gebäude noch unversehrt. Doch sie wirken mit den heruntergelassenen Rollläden und verrammelten Geschäften ebenso verwaist wie die Geisterstadt im Tsunamigebiet. Tausende Einwohner haben die Stadt verlassen.

          Vor der Moschee setzt die Mittagshitze ein. Unter den Planen ist es vor allem für die älteren Bewohner unerträglich heiß. Die 65 Jahre alte Ratni Wijantana teilt sich ihr Zelt mit rund 20 anderen Mitgliedern ihrer Großfamilie. Ihr Haus in Kampung Lere ist durch den Tsunami unbewohnbar geworden. Sie selbst ist der Katastrophe nur knapp entkommen. Nachdem die Familie bei dem Beben vor die Tür gerannt war, hatte jemand in der Nachbarschaft plötzlich „Wasser! Wasser!“ gerufen. Daraufhin war die Familie in einem Auto entkommen, kurz bevor die Welle ihre Siedlung überrollte. Im Lager will Ratni Wijantana nicht lange bleiben, aber einen anderen Plan hat sie auch nicht. Die zwei Kilo Reis, die sie für ihre Großfamilie bekommen hat, reichen nicht weit. Sie habe sich deshalb ein strenges Rationierungssystem verordnet, sagt die alte Frau. „Ich warte, bis der Hunger so groß ist, dass es wehtut. Erst dann esse ich etwas.“

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