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Zugunglück vor 50 Jahren : Erst der Knall, dann Dunkelheit

Feuerwehrleute retten eine der Verletzten aus den ineinander verkeilten Wagen des Zuges. Bild: dpa

Am 17. November 1966 starben sieben Menschen, als bei Oberliederbach zwei Züge kollidieren. Helfer, Opfer und jene, die durch Zufall nicht im Zug gewesen sind, erinnern sich an das schwere Unglück vor 50 Jahren.

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          Immer wenn Herbert Köhler mit seinem Auto zwischen Oberliederbach und Unterliederbach unterwegs ist, beschleicht ihn ein mulmiges Gefühl. „Dort auf der Höhe, wo heute die Abfüllanlage der Coca-Cola steht, ist es passiert“, sagt er. Seine Gedanken führen den 74 Jahre alten Rentner aus Hofheim oft zurück zu jenem verregneten frühen Novemberabend, einem Donnerstag, der sich morgen zum fünfzigsten Mal jährt. Das schwere Zugunglück ist in den 44 Jahren, in denen sich Köhler für die freiwillige Feuerwehr in Hofheim engagiert, das mit Abstand schlimmste Ereignis. Sieben Menschen sterben bei dem Frontalzusammenstoß zweier Züge, 70 werden teilweise lebensgefährlich verletzt, und manch einer bleibt für den Rest seines Lebens behindert.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Wie es zur Tragödie kommt, schildert diese Zeitung damals so: Der Lokführer, ein Familienvater mit fünf Kindern und untadeligem Ruf, verlässt am Bahnhof Kelkheim-Hornau das Führerhaus, um zur Toilette zu gehen. Vor dem Verlassen des Zuges schaltet er das Getriebe auf Fahrtrichtung Frankfurt, den Motor lässt er im Leerlauf und zieht den Fahrhebel an. Die Handbremse jedoch zieht der 44 Jahre alte Triebwagenführer nicht - und so nimmt das Unglück seinen Lauf.

          Der 75 Meter lange, moderne Triebwagenzug setzt sich führerlos, mit einem einzigen Passagier an Bord, in Bewegung und nimmt auf der abschüssigen Strecke schnell Fahrt auf. Er rast mit Tempo 130 durch die Bahnhöfe Kelkheim-Münster und Oberliederbach. Die Stationsleiter bemerken das drohende Unheil und versuchen es mit Alarm-Telefonaten abzuwenden, doch sie können es nicht mehr verhindern. Warum der Passagier, ein junger Mann, der im ersten Waggon sitzt, nicht zur Notbremse greift und den Zug stoppt, wird für immer unklar bleiben. Möglicherweise schläft er. So findet der Zweiundzwanzigjährige den Tod.

          Der Steuerwagen zerplatzt geradezu an der Front der Dampflok

          Bei Oberliederbach stößt die führerlose Eisenbahn mit dem entgegenkommenden Personenzug 2177 der Königsteiner Kleinbahn AG zusammen. Der 75 Meter lange Steuerwagen zerplatzt geradezu an der Front der Dampflok. Dach und Seitenwände schieben sich wie eine Decke über die Lok und den ersten Wagen. Die drei ersten Wagen hinter der Dampflok rutschen ineinander und verkeilen sich. Allein die Wagen fünf bis sieben bleiben auf dem Gleis stehen.

          Vor 50 Jahren kollidierten bei Oberliederbach diese beiden Züge.
          Vor 50 Jahren kollidierten bei Oberliederbach diese beiden Züge. : Bild: Lutz Kleinhans

          Herbert Köhler ist damals 24 Jahre alt. Der Feuerwehrmann zählt mit seinen Kollegen aus Hofheim zu den ersten Helfern, die den Unfallort erreichen. Was sie sehen, als sie mit den Scheinwerfern ihrer Fahrzeuge gegen 18 Uhr die Szenerie beleuchten, ist grauenhaft: „Die Züge hatten sich ineinander verkeilt, Trümmer lagen überall herum, einige Passagiere sprangen aus den Fenstern, andere schrien um Hilfe.“ Er muss bei der Bergung der Verletzten und Toten schlimme Anblicke ertragen, es sind die schrecklichsten, die er als Feuerwehrmann je zu sehen bekommt.

          Manche Situationen von damals hat er noch so deutlich vor Augen, als wären sie gestern geschehen, wie er sagt. Eine Frau, die mit dem Oberkörper aus dem Zugabteil ragt, umklammert ihre beiden Einkaufstaschen, die sie trotz allen Zuredens nicht loslassen will. Schließlich wird sie mitsamt der Einkäufe auf eine Trage gelegt, und auch den Ärzten gelingt es nicht, die Hände von den Taschen zu lösen. Köhler erinnert sich auch an einen Jugendlichen, der unverletzt und völlig entgeistert zwischen den Trümmern des Zuges steht. Und er denkt an eine sehr junge Frau, die an der Unfallstelle den Verletzungen erliegt. „Wenn Sie so etwas erleben, das geht nicht spurlos an Ihnen vorbei, da muss man schlucken“, sagt Köhler.

          „Ein plötzlicher, lauter Knall und Dunkelheit“

          Spuren hinterlässt das Unglück auch bei Hannelore Weigelt. Sie sitzt im vollbesetzten Unglückszug, hat aber Glück im Unglück und kommt mit einem Schleudertrauma davon. Doch ihr Halswirbel schmerzt seit dieser Zeit immer wieder, wenn sie die seither nötige Gymnastik nicht macht. Dennoch habe sie einen Schutzengel gehabt, findet die Rentnerin und frühere Vorsitzende der Liederbacher Landfrauen.

          Als kaufmännische Angestellte im Rechnungswesen in Frankfurt habe sie noch Einkäufe für die dreijährige Tochter gemacht und sei deshalb erst in letzter Minute in Höchst in den vierten Waggon hinter der Dampflok gestiegen. Der Platz im zweiten Waggon, den ihr ein Bekannter aus Fischbach stets freihält, bleibt an diesem Abend unbesetzt. Abgehetzt sucht sich Weigelt stattdessen in dem hinteren Abteil einen freien Platz und döst nach eigenem Bekunden vor sich hin, während die einzige und letzte Dampflok der Königsteiner Bahn mit 45 Stundenkilometern durch das herbstliche Liederbachtal bummelt. Dann geschieht es: „Ein plötzlicher, lauter Knall und Dunkelheit“, erinnert sich die Siebenundsiebzigjährige. „Der Aufprall schob den gesamten Waggon in Schräglage, Bänke wurden aus ihrer Verankerung gerissen, aus der Decke rieselte Staub.“

          Mit einer Leiter wird das Ausmaß des Unglücks begutachtet.
          Mit einer Leiter wird das Ausmaß des Unglücks begutachtet. : Bild: dpa

          Doch die Mutter aus dem Liederbacher Stadtteil Niederhofheim hat ihre Pappschachtel mit den Einkäufen unter ihre Beine geschoben, deswegen verkeilt sich die Bank in dem großen Paket und sie erleidet lediglich leichte Verletzungen, die ihr eine herausgebrochene Eisenstange am Hals zufügt. „Die Blessuren habe ich zunächst gar nicht gespürt“, sagt Weigelt.

          14 Wochen lang kann Weigelt nicht arbeiten gehen

          In dem Zug 2177 aus Höchst sollte eigentlich auch der damalige Abschlussschüler der Pestalozzischule in Kelkheim, Ralph Armagni, sitzen, dessen Schulklasse an dem Nachmittag an einer Informationsveranstaltung der Farbwerke Hoechst teilgenommen hatte und die sich auf der Rückfahrt befindet – aber Armagni schwänzte. Er habe sich damals kein bisschen für Chemie interessiert und sei nicht mitgefahren, was ihm vielleicht das Leben gerettet habe, vermutet der 66 Jahre alte Kelkheimer. Eine seiner Mitschülerinnen verliert einen Unterschenkel, andere Schüler tragen eher kleine Blessuren davon. Eine der Schulkameradinnen, die ebenfalls in dem Zug sitzt, ist laut Armagni die Tochter jenes Triebwagenfahrers, dessen Zug sich führerlos in Bewegung gesetzt hat. „Was für ein Schicksal.“

          Auch der frühere Kelkheimer Stadtbrandinspektor Wilhelm Hoppe, der damals bei der Hoechst AG beschäftigt ist, entkommt dem Unglück nur durch Zufall. Eine Betriebsstörung im Werk, die vor Beginn der Abendschicht noch behoben werden muss, hindert den damals 35 Jahre alten Mann daran, den Unglückszug zu nehmen. Die unerwartete Mehrarbeit verärgert ihn zunächst sehr, da am Kelkheimer Bahnhof schon seine Tochter auf ihn wartet, um gemeinsam seiner Frau ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen, wie er sich erinnert. Hoppe nimmt erst den nächsten Zug - „und auch da wachte ein Schutzengel über mich“, sagt er. Denn am Bahnhof Oberliederbach sieht er bei dem Zwischenstopp einen aufgeregt winkenden Mann, der auf das Führerhaus zustürmt und den Lokführer gerade noch von der Weiterfahrt abhält. Wenige Sekunden später wäre der Zug losgefahren gewesen und kurz darauf in die Unglücksstelle gerast, wie Hoppe sagt. Der Familienvater steigt aus und fährt per Anhalter nach Hause.

          Der Staatsanwalt beschlagnahmte noch am Abend des Unglückstages, als die Rettungsmannschaften mit Schweißbrennern unter Scheinwerferlicht die Toten und Verletzten bargen, die beiden Züge und begannen mit der Ermittlung der Unfallursache.
          Der Staatsanwalt beschlagnahmte noch am Abend des Unglückstages, als die Rettungsmannschaften mit Schweißbrennern unter Scheinwerferlicht die Toten und Verletzten bargen, die beiden Züge und begannen mit der Ermittlung der Unfallursache. : Bild: dpa

          Einem weiteren Zusammenstoß hat auch die größte Sorge von Hannelore Weigelt gegolten. „Denn es dauerte lange, bis Hilfe zu den eingeschlossenen Passagieren kam“, erinnert sie sich. Die Menschen klagen laut und schreien um Hilfe, wie sie schildert. „Es ist schrecklich gewesen.“ Ihr Mann, der sie am Bahnhof in Oberliederbach abholen will, wird wie viele andere auch vom Knall des kilometerweit hörbaren Zusammenstoßes aufgeschreckt. Er fährt in Panik zur Unfallstelle, sucht überall nach seiner Frau - und findet sie nicht. Was er nicht wissen konnte: Die Feuerwehr hat Hannelore Weigelt schon aus dem Zugwrack befreit, und sie läuft nach Hause und schließt dort die dreijährige Tochter fest in die Arme.

          14 Wochen lang kann Weigelt nicht arbeiten gehen, ein schweres Schleudertrauma hindert sie daran. Monatelang hört sie nachts immer wieder das „Sch-Sch-Sch“-Schnaufen der Dampflok und deren schrillen Signalton. Doch sie sagt: „Ich habe unverschämtes Glück gehabt.“ Denn jener Bekannte, der im zweiten Triebwagen saß und ihr wie immer einen Platz freigehalten hat, zählt zu den sieben Todesopfern.

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