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Zugunglück vor 50 Jahren : Erst der Knall, dann Dunkelheit

Als kaufmännische Angestellte im Rechnungswesen in Frankfurt habe sie noch Einkäufe für die dreijährige Tochter gemacht und sei deshalb erst in letzter Minute in Höchst in den vierten Waggon hinter der Dampflok gestiegen. Der Platz im zweiten Waggon, den ihr ein Bekannter aus Fischbach stets freihält, bleibt an diesem Abend unbesetzt. Abgehetzt sucht sich Weigelt stattdessen in dem hinteren Abteil einen freien Platz und döst nach eigenem Bekunden vor sich hin, während die einzige und letzte Dampflok der Königsteiner Bahn mit 45 Stundenkilometern durch das herbstliche Liederbachtal bummelt. Dann geschieht es: „Ein plötzlicher, lauter Knall und Dunkelheit“, erinnert sich die Siebenundsiebzigjährige. „Der Aufprall schob den gesamten Waggon in Schräglage, Bänke wurden aus ihrer Verankerung gerissen, aus der Decke rieselte Staub.“

Mit einer Leiter wird das Ausmaß des Unglücks begutachtet.
Mit einer Leiter wird das Ausmaß des Unglücks begutachtet. : Bild: dpa

Doch die Mutter aus dem Liederbacher Stadtteil Niederhofheim hat ihre Pappschachtel mit den Einkäufen unter ihre Beine geschoben, deswegen verkeilt sich die Bank in dem großen Paket und sie erleidet lediglich leichte Verletzungen, die ihr eine herausgebrochene Eisenstange am Hals zufügt. „Die Blessuren habe ich zunächst gar nicht gespürt“, sagt Weigelt.

14 Wochen lang kann Weigelt nicht arbeiten gehen

In dem Zug 2177 aus Höchst sollte eigentlich auch der damalige Abschlussschüler der Pestalozzischule in Kelkheim, Ralph Armagni, sitzen, dessen Schulklasse an dem Nachmittag an einer Informationsveranstaltung der Farbwerke Hoechst teilgenommen hatte und die sich auf der Rückfahrt befindet – aber Armagni schwänzte. Er habe sich damals kein bisschen für Chemie interessiert und sei nicht mitgefahren, was ihm vielleicht das Leben gerettet habe, vermutet der 66 Jahre alte Kelkheimer. Eine seiner Mitschülerinnen verliert einen Unterschenkel, andere Schüler tragen eher kleine Blessuren davon. Eine der Schulkameradinnen, die ebenfalls in dem Zug sitzt, ist laut Armagni die Tochter jenes Triebwagenfahrers, dessen Zug sich führerlos in Bewegung gesetzt hat. „Was für ein Schicksal.“

Auch der frühere Kelkheimer Stadtbrandinspektor Wilhelm Hoppe, der damals bei der Hoechst AG beschäftigt ist, entkommt dem Unglück nur durch Zufall. Eine Betriebsstörung im Werk, die vor Beginn der Abendschicht noch behoben werden muss, hindert den damals 35 Jahre alten Mann daran, den Unglückszug zu nehmen. Die unerwartete Mehrarbeit verärgert ihn zunächst sehr, da am Kelkheimer Bahnhof schon seine Tochter auf ihn wartet, um gemeinsam seiner Frau ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen, wie er sich erinnert. Hoppe nimmt erst den nächsten Zug - „und auch da wachte ein Schutzengel über mich“, sagt er. Denn am Bahnhof Oberliederbach sieht er bei dem Zwischenstopp einen aufgeregt winkenden Mann, der auf das Führerhaus zustürmt und den Lokführer gerade noch von der Weiterfahrt abhält. Wenige Sekunden später wäre der Zug losgefahren gewesen und kurz darauf in die Unglücksstelle gerast, wie Hoppe sagt. Der Familienvater steigt aus und fährt per Anhalter nach Hause.

Der Staatsanwalt beschlagnahmte noch am Abend des Unglückstages, als die Rettungsmannschaften mit Schweißbrennern unter Scheinwerferlicht die Toten und Verletzten bargen, die beiden Züge und begannen mit der Ermittlung der Unfallursache.
Der Staatsanwalt beschlagnahmte noch am Abend des Unglückstages, als die Rettungsmannschaften mit Schweißbrennern unter Scheinwerferlicht die Toten und Verletzten bargen, die beiden Züge und begannen mit der Ermittlung der Unfallursache. : Bild: dpa

Einem weiteren Zusammenstoß hat auch die größte Sorge von Hannelore Weigelt gegolten. „Denn es dauerte lange, bis Hilfe zu den eingeschlossenen Passagieren kam“, erinnert sie sich. Die Menschen klagen laut und schreien um Hilfe, wie sie schildert. „Es ist schrecklich gewesen.“ Ihr Mann, der sie am Bahnhof in Oberliederbach abholen will, wird wie viele andere auch vom Knall des kilometerweit hörbaren Zusammenstoßes aufgeschreckt. Er fährt in Panik zur Unfallstelle, sucht überall nach seiner Frau - und findet sie nicht. Was er nicht wissen konnte: Die Feuerwehr hat Hannelore Weigelt schon aus dem Zugwrack befreit, und sie läuft nach Hause und schließt dort die dreijährige Tochter fest in die Arme.

14 Wochen lang kann Weigelt nicht arbeiten gehen, ein schweres Schleudertrauma hindert sie daran. Monatelang hört sie nachts immer wieder das „Sch-Sch-Sch“-Schnaufen der Dampflok und deren schrillen Signalton. Doch sie sagt: „Ich habe unverschämtes Glück gehabt.“ Denn jener Bekannte, der im zweiten Triebwagen saß und ihr wie immer einen Platz freigehalten hat, zählt zu den sieben Todesopfern.

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