https://www.faz.net/-gum-yrg0

Havarierter Atomreaktor in Fukushima : Betreiber wappnet sich gegen drohende Explosion

  • Aktualisiert am

Am Auffanglager für die Opfer des schweren Erdbebens in Fukushima Bild: REUTERS

Nach tagelangem Auslaufen von stark radioaktiv verseuchtem Wasser ist das Leck an einer Leitung des japanischen Atomkraftwerks in Fukushima geschlossen worden. Die Betreiberfirma Tepco will nun mit Stickstoff eine drohende Explosion in Reaktor 1 verhindern.

          Aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima in Japan fließt nach Angaben des Betreibers kein hochradioaktives Wasser mehr ins Meer. Das Leck sei mit Hilfe von Flüssigglas geschlossen worden, teilte Tepco am Mittwoch mit. Es sei bereits am Dienstag weniger Wasser aus dem Leck ausgetreten, nachdem Flüssigglas und ein Härtungsmittel eingesetzt worden seien, sagte ein Tepco-Sprecher. „Nun tritt kein Wasser mehr aus.“

          Techniker von Tokyo Electric Power (Tepco) hatten sich seit Tagen bemüht, Risse in einem Betonschacht zu schließen. Dabei füllten sie Beton sowie eine Mischung aus Sägespäne, Zeitungen und Kunstharz in den Schacht. Der Durchbruch gelang, als sie Flüssigglas in den Boden unterhalb des Schachts pressten.

          Doch noch immer bleibt das Problem, wie die rund 60.000 Tonnen kontaminiertes Meereswasser gelagert werden sollen, mit dem die Brennelemente gekühlt wurden. Tepco hat damit begonnen, insgesamt 11.500 Tonnen schwachradioaktives Wasser von einem Auffangbecken ins Meer abzulassen, um Platz für stärker verstrahltes Wasser zu schaffen. Tepco plant nun, Tanks zu bauen, die so viel Wasser aufnehmen können wie sechs Olympia-Schwimmbecken. Zudem soll ein Schwimmtank umgebaut und eingesetzt werden.

          In Fukushima haben die Schulen am Mittwoch wieder mit dem Unterricht begonnen: Ein Mädchen wartet vor ihrem Klassenzimmer

          Im Pazifik wurde in der Nähe des AKW radioaktives Jod gemessen, das 4800-mal über dem zulässigen Grenzwert lag. Südlich von Fukushima wiesen Medienberichten zufolge Jungfische erhöhte Cäsium-Werte auf. Einen ersten Höhepunkt erreichten die Jodwerte an der Schleuse zum Reaktor 2 am Samstag, als sie 7,5 Millionen Mal den zulässigen Grenzwert überstiegen.

          Stickstoff soll Explosion verhindern

          Zugleich bemühten sich die Tepco-Arbeiter, das Kühlsystem in vier durch das Erdbeben und den Tsunami beschädigten Reaktorblöcken wieder in Gang zu setzen. Bis dieses Problem gelöst ist, muss mit Meerwasser gekühlt werden, um eine Überhitzung der Brennelemente und eine Kernschmelze zu verhindern. Die Zeitung „Sankei“ berichtete am Mittwoch, die Regierung und Tepco überprüften derzeit, ob für drei Reaktoren ein externes Kühlsystem neu gebaut werden könnte, um die Brennelemente von außen zu kühlen.

          Mit Stickstoff will Tepco zudem eine weitere Explosion im Kraftwerk verhindern. Wie die japanische Zeitung „Yomiuri Shimbun“ am Mittwoch unter Berufung auf das Unternehmen berichtete, soll voraussichtlich noch am Abend in das Gebäude von Reaktor 1 Stickstoff zugeführt werden, um eine Wasserstoffexplosion zu verhindern. Es bestehe die Gefahr, dass sich durch die beschädigten Brennstäbe Wasserstoff im Reaktorgebäude angesammelt hat. Die Brennstäbe hatten zeitweise aus dem Wasser geragt und hatten sich gefährlich erhitzt. Um die Temperatur angesichts der ausgefallenen Kühlsystem zu senken, ließen die Arbeiter stündlich sechs Tonnen Wasser einlaufen. Tepco überlege nun, auch in den Reaktoren 2 und 3 Stickstoff zuzuführen.

          Nachtragshaushalt von 35 Milliarden Dollar

          Bei dem Erdbeben am 11. März und der Flutwelle wurden fast 28.000 Menschen getötet oder werden noch vermisst. Die Naturkatastrophe hat nicht nur zehntausende Japaner obdachlos gemacht. Auch die Wirtschaft hat einen schweren Dämfer erhalten. Die materiellen Schäden werden auf mindestens 300 Milliarden Dollar geschätzt.

          Medienberichten zufolge plant die japanische Regierung einen ersten Nachtragshaushalt über 35 Milliarden Dollar zum Wiederaufbau von Straßen, Häfen und Schulen sowie für neue Arbeitsplätze in den schwer zerstörten Regionen im Nordosten des Landes. Neue Schulden sollten dafür aber nicht aufgenommen werden, berichtete die Zeitung „Asahi“. Um das Vertrauen der Märkte nicht zu erschüttern, sollten keine neuen Anleihen begeben werden. Vielmehr sollten die Mittel durch eine Kürzung von Ausgaben an anderer Stelle aufgebracht werden.

          Im Umkreis von 20 Kilometern um das Atomkraftwerk ist jeder Fischfang verboten. Die Regierung setzte neue Grenzwerte für die zulässige Strahlenbelastung bei Fischen und Meeresfrüchten fest. Eine Fischerkooperative der Präfektur Fukushima äußerte sich erbost darüber, dass Tepco absichtlich radioaktives Wasser in den Pazifik leitet. Auch Südkorea äußerte sich besorgt über die Einleitung des verseuchten Wassers ins Meer und bat Japans Außenministerium um genauere Angaben. Das Ministerium musste jedoch zunächst selbst Angaben zu den Strahlenwerten einholen, wie ein Sprecher sagte.

          Tepco erwägt Entschädigungsfonds

          Als erstes Land verhängte Indien am Dienstag ein Importverbot für Lebensmittel aus ganz Japan. Das Verbot trete sofort in Kraft, erklärte die indische Regierung in Neu Delhi. Es gelte zunächst für drei Monate oder bis es „glaubwürdige Informationen“ gebe, „dass die Strahlengefahr auf akzeptable Grenzen gesunken“ sei. Bislang hatten mehrere Länder wie China, die Vereinigten Staaten und Singapur Einfuhrverbote für Lebensmittel aus bestimmten japanischen Gebieten erlassen, nicht aber für Produkte aus dem ganzen land.

          Tepco erwägt einen Entschädigungsfonds für die Opfer der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Wie die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press am Mittwoch meldete, würden sich demnach sowohl der Betreiber als auch der Staat daran beteiligen. Wie hoch die Entschädigung für die Opfer am Ende ausfällt, wird noch geprüft. Es sind nicht nur die Bewohner betroffen, auch Landwirte, Fischer und Produktionsfirmen haben enorme Schäden durch die weiter andauernde Katastrophe erlitten. Tepco wird nach Einschätzung von Analysten kaum in der Lage sein, alle Kosten allein zu tragen. Ministerpräsident Naoto Kan hatte denn auch zuvor versichert, dass die Regierung letztendlich die Verantwortung trägt. Auch über eine Verstaatlichung des Atombetreibers wird diskutiert.

          Ratingagentur prüft Herabstufung von Toyota

          Die Ratingagentur Moody“s hat am Mittwoch eine mögliche Herabstufung des japanischen Autobauers Toyota in Aussicht gestellt. Als Grund wurden Bedenken hinsichtlich weiterer Produktionsausfälle nach dem schweren Erdbeben und dem anschließenden Tsunami am 11. März genannt. Die finanzielle Lage des Konzerns werde durch die Probleme stark belastet, hieß es.

          Derzeit liegt die Bewertung des Autobauers durch Moody“s bei der drittbesten Note Aa2. Ob eine Herabstufung erfolge, hänge davon ab, wie schnell die Produktion in Japan wieder aufgenommen werde, sagte die Ratingagentur.

          Topmeldungen

          So sieht sich 8Chan selbst: Twitterprofil der Plattform.

          Internetforum „8chan“ : Der Alpha und die Betas

          Vom Meme zum Massaker: Wie radikalisieren sich junge Männer in Internetforen wie „8chan“? Warum verehren sie Donald Trump? Und warum gibt es sie überhaupt?

          Eintracht Frankfurt : Wie ein Achtelfinale

          Eintracht-Torhüter Kevin Trapp erwartet ein „großes“ Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg und misst ihm besondere Bedeutung bei. Rund um das Stadion gelten für die rund 1200 Anhänger besondere Auflagen.
          Sparen, damit man es im Alter krachen lassen kann: Haben sich womöglich die Präferenzen der Menschen verändert?

          Debatte über das Sparen : Lieber später als heute das Geld auf den Kopf hauen

          Bisher dachten Wissenschaftler, Menschen geben Geld lieber heute als später aus. Doch in einer alternden Gesellschaft könnte sich das ändern. Das würde auch das Phänomen negativer Zinsen erklären. Müssen Ökonomen ihre Lehrbücher umschreiben?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.