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Havarie der „Costa Concordia“ : Eine Uniform, ein Kugelschreiber, ein Leben

„Wir wollten nicht so enden wie auf der `Titanic´“: Schäfer zuhause in Öhringen Bild: Marcus Kaufhold

Stefanie Schäfer, 24, arbeitete an Bord der „Costa Concordia“, als das Kreuzfahrtschiff havarierte. Sie und andere Opfer klagen jetzt auf Entschädigung. Treibende Kraft: ein amerikanischer Anwalt, der das Geschäft mit dem Schmerz kennt wie wenig andere.

          Als Stefanie Schäfer zur „Miss Bravissimi“ gewählt wurde, gab es 150 Euro und eine Urkunde. Zudem bekam die „Mitarbeiterin des Monats“ ein Foto zusammen mit Kapitän Francesco Schettino: rauf auf die Bühne, die Hand des Kapitäns geschüttelt, herzlichen Glückwunsch, danke schön, fertig, runter von der Bühne.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das Foto mit Schettino gehört zu den vielen Dingen, die Schäfer, 24, auf der „Costa Concordia“ zurücklassen musste, als das Schiff eine Woche später, am 13. Januar, vor der Insel Giglio im Mittelmeer mit einem Felsen kollidierte, leckschlug und kenterte. Schäfer kam mit dem Leben davon; 30 der gut 4200 Menschen, die ebenfalls an Bord waren, fanden den Tod, zwei werden offiziell noch vermisst.

          Und während sich heute am italienischen Unglücksort die Bergung der „Costa Concordia“ weiter verzögert und das Wrack zur vielfotografierten Touristenattraktion geworden ist, treten Leute auf den Plan, die dafür sorgen wollen, dass jemand Verantwortung übernimmt für die Havarie oder doch zumindest: dass jemand Überlebende und Angehörige der Toten entschädigt für Angst und Schmerz und Leid.

          An diesem Punkt drängt John A. Eaves Jr., 45, Anwalt aus Jackson im amerikanischen Bundesstaat Mississippi, ins Bild; er hat nach eigenen Angaben inzwischen rund 150 Kläger, allein 40 Deutsche, als Mandanten eingesammelt, darunter auch Stefanie Schäfer. Manche haben Angehörige auf dem Schiff verloren, manche haben physische Verletzungen davongetragen, viele leiden unter posttraumatischen Belastungen. Die hübsche und intelligente Schäfer, die fließend Englisch spricht, ist für Eaves, der für jeden Überlebenden mindestens 200 000 und für jeden Todesfall zwei bis drei Millionen Dollar erstreiten will, das ideale sympathieheischende Opfer. Das festzustellen übrigens ist keine Unterstellung; das sagt er selbst genau so, der amerikanische Schmerzensgeldprofi.

          Klagespezialist mit dem Talent zur Selbstdarstellung: John A. Eaves in Rom

          Begonnen hatte die Geschichte von Schäfer und der „Costa Concordia“ in der Banalität des Berufslebens. Als die junge blonde Frau im Oktober 2011 dort antrat, war das ihre erste Anstellung auf einem Kreuzfahrtschiff. Die Mittelmeerroute, die in Savona begann, in Civitavecchia (bei Rom) endete und dazwischen Marseille, Barcelona, Palma und Palermo quetschte, gehörte nicht zu ihren Wunschdestinationen. Karibik, Südsee oder Australien, das wäre es gewesen. „Als ich auf der Liste den Namen der Reederei und die Route sah, dachte ich nur: ,Ich soll jetzt auf dem Mittelmeer rumschippern?’“, erinnert Schäfer sich heute, zu Hause in Öhringen, einem 23.000-Einwohner-Städtchen unweit von Heilbronn.

          Nach dem Abitur und der Ausbildung zur Kosmetikerin hatte sie sich bei einem internationalen Spa-Ausstatter beworben, um auf Kreuzfahrten zu arbeiten; die Firma richtet Spa-Zentren auf Schiffen ein und stellt dort Kosmetikerinnen, Friseure, Masseure, Fitness-Trainer. Ihr Arbeitgeber schickte Schäfer zu einem mehrwöchigen Training in London - und dann auf die „Costa Concordia“.

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