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Haiti : Land der Katastrophen

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Streng bewacht: Seit 2004 sorgen UN-Friedenstruppen in Haiti für Ordnung Bild: AFP

Mit dem verheerenden Erdbeben wurde Haiti abermals bis ins Mark getroffen. Naturkatastrophen, Misswirtschaft und instabile politische Verhältnisse haben aus der einstigen französischen Kolonie das Armenhaus Amerikas gemacht.

          Armut, Kriminalität, Korruption, Misswirtschaft, politische Revolten, Umweltzerstörung und Naturkatastrophen - die einst reiche französische Karibik-Kolonie Haiti ist heute ein geplagter Inselstaat. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Menschenrechtssituation in dem seit 1804 unabhängigen Land als katastrophal, auch das Auswärtige Amt warnt Touristen vor Reisen in den ärmsten Staat des amerikanischen Kontinents. Traurige Berühmtheit erlangte das Nachbarland der malerischen Dominikanischen Republik während der fast 30-jährigen Diktatur der Familie Duvalier. Zehntausende Haitianer wurden während der brutalen Herrschaft des finsteren Landarztes und Voodoo-Anhängers François „Papa Doc“ Duvalier (1957 bis 1970) ermordet.

          Nach dessen Tod führte sein nicht weniger skrupelloser Sohn Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier die Familiendiktatur fort. Sie endete erst 1986, als verzweifelte Hungerrevolten ihn zur Flucht ins Ausland zwangen. Nach chaotischen Jahren und wiederholten Militärputschen wurde der katholische Priester Jean-Bertrand Aristide Ende 1990 zum neuen Hoffnungsträger der verarmten und eingeschüchterten Bevölkerung. Doch bereits siebeneinhalb Monate nach seinem haushohen Wahlsieg wurde der Präsident im September 1991 vom eigenen Militär gestürzt und ins Exil gezwungen. Erst nach dem Einsatz von 20.000 amerikanischen Soldaten im Herbst 1994 konnte Aristide wieder zurückkehren.

          Die Hoffnungen der Haitianer auf mehr Ruhe und Sicherheit währten aber wieder nur kurz. Eine zweite Amtszeit Aristides stand bereits zu Beginn im Februar 2001 unter den Vorwürfen von Wahlmanipulationen, Machtmissbrauch und Korruption. Die Opposition erkannte seinen Wahlsieg nicht an und organisierte große Proteste. Am 29. Februar 2004 wurde Aristide schließlich in einer blutigen Rebellion und auf Druck der Vereinigten Staaten und Frankreichs gestürzt. Seitdem soll die UN-Friedensmission „Minustah“ für Sicherheit und Ordnung sorgen.

          Instabile politische Lage

          Die seit Jahrzehnten instabile politische Lage und die prekäre wirtschaftliche Situation des Landes haben großen Teile der Bevölkerung verelenden lassen. Rund 80 Prozent der Haitianer leben am Rande des Existenzminimums und müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen. Auch häufige Naturkatastrophen wie Dürren, Überschwemmungen und Erdbeben verschlimmern die Lage der mehr als neun Millionen Einwohner immer wieder. So starben alleine zwischen 2004 und 2008 bei Hurrikans und Überschwemmungen mehr als 5500 Menschen, etwa 1,1 Millionen Haitianer wurden obdachlos.

          Die geografische Lage an der Grenze zwischen der karibischen und nordamerikanischen Kontinentalplatte sorgt regelmäßig für zerstörerische Erdbeben in der Karibik. Weil fast alle Wälder gerodet sind, sind die Folgen der Naturkatastrophen für die einheimische Landwirtschaft besonders verheerend. Wegen des vielerorts verwitterten und unfruchtbaren Bodens können die Bauern laut Welthungerhilfe nur noch knapp die Hälfte des Nahrungsmittelbedarfs decken. Grundnahrungsmittel sind für viele Menschen unbezahlbar. Armut und Gewalt haben Millionen Haitianer ins reichere Ausland getrieben.

          Obwohl die Karibik weltweit als Inbegriff für malerische Sandstände, Palmen und Urlaubsidylle gilt, verirrt sich kaum mehr ein Tourist nach Haiti. 1980 zählte das Land noch rund 300.000 ausländische Besucher. Das längst widerlegte Gerücht, dass Aids in Haiti seinen Ursprung habe und die politische Instabilität machten dem Fremdenverkehr im Laufe der 80er Jahre jedoch den Garaus.

          Wenn die Erde bebt

          Das Beben in Haiti mit einer Stärke von 7,0 auf der Richterskala gilt als eines der schwersten in dem Land seit Jahrzehnten. Doch auch viele andere Regionen der Welt werden immer wieder von heftigen Erdstößen heimgesucht.

          Ein Überblick über die schwersten Beben der vergangenen Jahre:

          30. September 2009: Ein Erdbeben der Stärke 7,6 erschüttert die indonesische Insel Sumatra, mehr als tausend Menschen kommen ums Leben.

          6. April 2009: Bei einem Beben der Stärke 6,2 in der italienischen Abruzzenregion um L'Aquila sterben 295 Menschen.

          12. Mai 2008: In der Provinz Sichuan im Südwesten Chinas sterben bei einem verheerenden Beben der Stärke 8,0 mindestens 70.000 Menschen, rund 18.000 Menschen werden bis heute vermisst.

          27. Mai 2008: Bei einem starken Erdbeben nahe der indonesischen Stadt Yogyakarta kommen 6000 Menschen ums Leben. 1,5 Millionen Menschen verlieren ihr Obdach.

          8. Oktober 2005: Mehr als 75.000 Menschen sterben bei einem Erdbeben der Stärke 7,6 im Nordwesten Pakistans und Kaschmir, etwa 3,5 Millionen verlieren ihre Häuser.

          28. März 2005: Bei einem Erdbeben auf der indonesischen Insel Nias vor Sumatra kommen 900 Menschen ums Leben.

          26. Dezember 2004: Ein schweres Unterwasser-Erdbeben vor der Küste Sumatras löst eine gigantische Tsunami-Welle aus. In mehreren Anrainerstaaten des Indischen Ozeans sterben etwa 220.000 Menschen. Indonesien ist mit 168.000 Toten am stärksten betroffen.

          26. Dezember 2003: Bei einem Beben der Stärke 6,7 in der iranischen Stadt Bam werden mehr als 31.000 Menschen getötet und 18. 000 weitere verletzt.

          26. Januar 2001: Im indischen Bundesstaat Gujarat sterben 25.000 Menschen bei einem verheerenden Beben. Mehr als 160.000 Menschen werden verletzt.

          17. August 1999: Bei einem Beben der Stärke 7,6 in der Westtürkei kommen fast 20.000 Menschen ums Leben.

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