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Haiti : Das Erdbeben gegen die Cholera

Bild: afp

Viele Katastrophenhelfer sind beim Kampf gegen die Epidemie im Einsatz - dennoch breitet sich die Krankheit in Haiti weiter aus. Die schlechte Infrastruktur, die Lebensgewohnheiten und die politische Lage lassen nicht viel Hoffnung aufkommen.

          3 Min.

          Lutz Hahn ist gerade in Port-au-Prince in einem Camp unterwegs, das auf einer Müllhalde errichtet wurde. Mit 40 Mitarbeitern klärt Hahn, für „World Vision“ im Einsatz, die Menschen auf, wie sie sich vor einer Ansteckung schützen können. Sie verteilen Seife, kontrollieren das Wasser, fordern die Menschen auf, ihre sanitären Anlagen zu reinigen und nur sauberes Wasser zu trinken. Auch medizinische Getränke gegen Durchfall und Wasserreinigungstabletten werden verteilt.

          Anne-Christin Sievers

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die Cholera war am Dienstag vor einer Woche im Departement L’Artibonie nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince ausgebrochen. Bislang starben 284 Menschen, mehr als 3800 sind erkrankt und werden behandelt. Aber die Dunkelziffer wird laut Weltgesundheitsorganisation weit höher liegen: 75 Prozent der Infizierten zeigten keine Symptome und verbreiteten die Krankheit unwissentlich. So könnte die Cholera weitergetragen werden – auch in die Dominikanische Republik. Trotz der WHO-Warnungen öffnete das Nachbarland fünf Märkte an der Grenze wieder, weil dort sanitäre Einrichtungen und Kontrollen eingerichtet worden seien. Wer die Grenze überquere, müsse sich die Hände waschen und einen Gesundheitsfragebogen ausfüllen.

          Der schwächste Staat des Kontinents

          Doch die aktuellen Zahlen widersprechen positiven Einschätzungen. Auch die schlechte hygienische Infrastruktur (die Weltbank will nun den Wiederaufbau von Straßen, Wohnhäusern und Kanalisation mit 30 Millionen Dollar fördern) und die Lebensgewohnheiten lassen nicht viel Hoffnung aufkommen. So nehmen die Leute weiterhin Wasser einfach aus dem Fluss – auch weil sie keine Erfahrung mit der Cholera haben. Laut WHO gab es seit mehr als 100 Jahren keine Cholera-Epidemie in dem Karibikstaat. Dadurch ist die natürliche Resistenz der Bevölkerung gegen das Bakterium gering. Gerade bei Unterernährten und den 2,2 Prozent HIV-Positiven verläuft die Erkrankung schwer.

          Warten auf den Arzt: Ein Mann liegt vor dem Krankenhaus in Arcahaie, nördlich von Port-au-Prince

          Hinderlich bei der Cholera-Bekämpfung ist auch die schwierige politische Lage in Haiti. „Die Regierung trägt zwar eine Verantwortung für die Situation, für die bisher außerordentlich schwachen Hygiene- und Schutzmaßnahmen sowie für die schlechte ärztliche Versorgung“, sagt Dirk Günther, ehemaliger Regionaldirektor bei der Welthungerhilfe für Haiti und die Dominikanische Republik, der am Freitag wieder in das Krisengebiet reist. „Aber nicht mehr oder weniger als alle Regierungen seit 20 Jahren vor ihr.“

          Haiti sei der schwächste Staat des amerikanischen Kontinents mit der höchsten Verwundbarkeit. Nach Ende der Diktatur Duvaliers habe das Land kein funktionierendes Regierungssystem etablieren können: „Das Gesundheitssystem ist sehr schwach und wird seit Jahren von internationalen Nichtregierungsorganisationen aufrechterhalten.“

          Die Behörden befürchten eine Ausbreitung der Krankheit

          Jetzt müsse der Staat vor allem die Aktivitäten der internationalen Helfer koordinieren und überwachen. Bisher werde die Koordination allerdings hauptsächlich von den Vereinten Nationen übernommen. „Zu den Themen Gesundheit, Wasser und Sanitär sowie Kommunikation wurden Arbeitsgruppen eingerichtet, an denen Regierungsmitglieder aus den jeweiligen Ministerien beteiligt sind“, erläutert Imogen Wall, Sprecherin des Büros der Vereinten Nationen zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA). Hier stimme man ab, welche Ressourcen die internationale Gemeinschaft zur Verfügung stellen kann und wie sie am besten eingesetzt werden sollten. „Die Ministerien für Gesundheit und für Wasser und Sanitär sind die stärksten des Landes“, sagt Wall. „Man wird hier niemanden finden, der sagt, dass die Regierung ihren Job schlecht macht.“

          Zehntausende leben nach dem Erdbeben am 12. Januar in Camps der Hauptstadt Port-au-Prince unter zum Teil schwierigen hygienischen Bedingungen. Die Behörden befürchten, die Erkrankung könne sich auf sie ausbreiten. „Dann würde es an medizinischem Personal fehlen“, meint Hahn, „an Medikamenten, Hygieneartikeln und an geeigneten Orten, an denen wir die Erkrankten isolieren können.“

          300 Menschen protestieren gegen „Ärzte ohne Grenzen“

          Nach Angaben von Günther wurden schon nach dem Erdbeben in den Camps besondere Hygienemaßnahmen getroffen: „Vielleicht kommt man dort wegen des Camp-Managements sogar besser gegen die Cholera an als in den normalen Wohngebieten.“ Denn häufig sei die Versorgung dort noch schlechter als in den Lagern. Haiti komme durch das Erdbeben mit der Cholera sogar besser zurecht: „Durch die Katastrophe im Januar verfügen die Leute in den Camps über eine bessere Gesundheits- und Wasserversorgung als zuvor. Seit dem Erdbeben sind viel mehr internationale Organisationen vor Ort, die jetzt sofort reagieren können.“

          In Zukunft, so meint Günther, müsse die Regierung gestärkt werden, „damit sich keine Parallel-Organisation aufbaut“. Staatliche Einrichtungen wie öffentliche Hospitäler müssten durch Personal und medizinische Ausrüstung unterstützt werden: „In die staatlichen Krankenhäusern gehen die Menschen zuerst, wenn sie Symptome bemerken. Hier ist die Gefahr groß, dass sich die Seuche durch falsches Management der Klinik ausbreitet.“

          Doch die Organisationen haben noch mit weiteren Problemen zu kämpfen. So protestierten am Dienstag etwa 300 Menschen dagegen, dass in ihrem Viertel in Saint-Marc eine Klinik der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ für 400 Cholera-Kranke eingerichtet wird. Sie schleuderten angeblich Steine und sogar ein Molotow-Cocktail gegen das Behandlungszentrum. Blauhelmsoldaten mussten die einheimische Polizei dabei unterstützen, die aufgebrachten Menschen zu beruhigen.

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