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Grubenunglück : Kapazität auf Kosten der Sicherheit

  • -Aktualisiert am

Kumpel in Fuxin: Warten auf Neuigkeiten Bild: AP

Das Bergwerksunglück in der chinesischen Stadt Fuxin zeigt, daß sich viele Gruben-Betreiber im Reich der Mitte hauptsächlich um ihren Profit kümmern. Die Bergleute zahlen mit ihrem Leben.

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          Erst zu Neujahr besuchte Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao ein Kohlebergwerk bei Tongchuan, um den Angehörigen von 166 Bergleuten, die bei einer Grubenexplosion ums Leben gekommen waren, sein Beileid auszudrücken. "Dieser Unfall ist uns eine Lehre, die wir mit Blut bezahlt haben", sagte Wen Jiabao damals. "Wir müssen besser auf Sicherheit achten, damit solche Dinge nicht wieder passieren. Wir müssen verantwortlich gegenüber den Bergleuten, dem Volk und den Kindern sein. Kohle ist das Rückgrat der chinesischen Energieversorgung. Die Bergleute verdienen unsere Achtung, Respekt und die Sorge der gesamten Gesellschaft." Zeitungsbilder zeigten den Ministerpräsidenten mit Tränen in den Augen bei einem Kind eines der tödlich verunglückten Kumpel.

          Sechs Wochen nach dem Besuch des Ministerpräsidenten in einem Kohlebergwerk sind schon wieder tote Bergleute zu beklagen, diesmal in der nordöstlichen Provinz Liaoning. 203 Bergleute kamen dort am Montag nach einer Explosion in der Stadt Fuxin ums Leben. Es ist das größte Bergwerksunglück in China seit 15 Jahren, und es hätte kaum zu einem schlechteren Zeitpunkt passieren können. Es ist Feiertagszeit in China. Das ganze Land ist in Neujahrsferien, und die staatliche Medienaufsicht ist angewiesen, zu diesen Zeiten möglichst keine schlechten Nachrichten zu verbreiten, um dem Volk die Feiertagsstimmung nicht zu verderben. Zwar lassen sich große Ereignisse auch in China nicht mehr geheimhalten. Wohl aber können die Behörden Journalisten daran hindern, sich selbst an Ort und Stelle ein Bild zu machen. Chinesische Journalisten wurden am Dienstag davon abgehalten, zu dem Bergwerk Sunjiawan vorzudringen. Man wies sie an, nur die Berichte der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua zu verbreiten.

          Kohle wird mit Menschenleben teuer bezahlt

          Nach deren Darstellung ereignete sich die Grubengasexplosion am Montag nachmittag. Zehn Minuten zuvor hatten die Bergleute während ihrer Arbeit in 242 Metern Tiefe ein Beben gespürt. Zum Zeitpunkt der Explosion waren mehr als 200 Männer unter Tage. 203 starben, nur 22 konnten gerettet werden, 13 waren am Dienstag noch unter Tage eingeschlossen. Parteichef Hu Jintao und Ministerpräsident Wen Jiabao riefen dazu auf, alles zu tun, die Überlebenden zu retten. Die Zentralregierung schickte eine Arbeitsgruppe zum Unglücksort. Das chinesische Fernsehen berichtete über den Besuch der Pekinger Parteiabgesandten und die Rettungsarbeiten. Nach Angaben des Fernsehberichts werden die Ursachen des Unglücks untersucht. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit einem Erdbeben der Stärke 2,2, das in der Region am Montag gemessen wurde. Das Bergwerk Sunjiawan in der Nähe der Stadt Fuxin fördert jährlich 1,5 Millionen Tonnen Kohle. Es gehört der Fuxin-Kohle-Gruppe, einem der größten Kohleförderer Chinas. Das Bergwerk beschäftigt 3100 Menschen und gilt als ein besonders gasgefährdetes Bergwerk.

          Chinas Kohle wird mit Menschenleben teuer bezahlt. Die Todesrate in den chinesischen Bergwerken ist 100 Mal höher als die in den Vereinigten Staaten und 30 Mal höher als die in Südafrika. Im vergangenen Jahr sind in der ganzen Volksrepublik nach offiziellen Angaben 6027 Menschen bei Bergwerksunglücken ums Leben gekommen. Fast immer ergeben die anschließenden Untersuchungen, daß mangelnde Sicherheitsvorkehrungen der Grund für die Unfälle waren und daß im Fall von Unfällen mehr Menschen gerettet werden könnten, wenn man auf Notmaßnahmen geachtet hätte. Im vergangenen Jahr gab es eine regelrechte Serie von großen Explosionen.

          Sicherheitsvorschriften werden mißachtet

          Dabei gibt es auch in China reichlich Sicherheitsvorschriften und Gesetze. Doch sie werden mißachtet. Sicherheitsmaßnahmen kosten Geld, und viele der Betreiber maximieren lieber ihren Profit, als daß sie in Sicherheitsvorkehrungen und Ausrüstungen investieren. Die weitverbreitete Korruption verschärft das Übel. Sicherheitsinspektoren lassen sich von Minen-Betreibern bestechen, Kohleminenbesitzer "kaufen" Sicherheitszertifikate und offizielle Bescheinigungen. Lange hat man nur die kleinen Bergwerke in Privatbesitz getadelt. Doch im vergangenen Jahr ist nur allzu offensichtlich geworden, daß auch Großunternehmen, wie jetzt in Fuxin, und Staatsbetriebe es mit der Sicherheit nicht so genau nehmen. Denn zu den üblichen Unsicherheitsfaktoren kommt ein erhöhter Produktionsdruck. Chinas Wirtschaftsboom schluckt Energie, und die kommt hauptsächlich aus Kohlekraftwerken. Die Preise für Kohle sind gestiegen. Die meisten Bergwerke produzieren derzeit über Kapazität - auf Kosten der Sicherheit.

          Die chinesische Regierung, die seit zwei Jahren unter der Devise "näher am Volk" regiert, hat wiederholt gemahnt, gedroht, Inspektoren ausgeschickt und einige Verantwortliche bestraft. Der Besuch des Ministerpräsidenten im Bergwerk an Neujahr setzte ein deutliches Zeichen, daß es der Pekinger Regierung ernst war mit ihrer Sorge um die Sicherheit der Bergwerke. Doch ein symbolischer Besuch in einem Bergwerk ändert die Wirklichkeit noch lange nicht.

          Im chinesischen Internet-Chatrooms gab es am Dienstag auffallend viele kritische Äußerungen. Ein Nutzer schrieb: "Warum muß erst immer ein großes Unglück passieren, bevor etwas unternommen wird? Warum greift man nicht durch? Warum muß das immer wieder passieren?" Ein anderer schrieb unverhohlen: "Tatverdächtige: der Minister für Arbeitssicherheit, sein Vize, die Aufsichtsbehörde der Provinz, der Gouverneur und sein Vizegouverneur."

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