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Grubenunglück in Chile : Der Minen-Einsturz war vorherzusehen

  • -Aktualisiert am

Neue Erkenntinsse nach der Rettung der Bergleute: Drei Stunden vor dem Streckeneinsturz haben die Arbeiter in der Tiefe ungewöhnlich starke Bewegungen im Berg beobachtet und darum gebeten, die Mine verlassen zu dürfen.

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          Das Minenunglück in der chilenischen Atacamawüste, das zu der bislang spektakulärsten, aufwendigsten und riskantesten Rettungsaktion in der Geschichte des Bergbaus geführt hat, war kein zufälliges Ereignis, und es kam auch nicht überraschend wie eine Naturkatastrophe. Drei Stunden vor dem Streckeneinsturz, der am 5. August 33 Bergleuten den Weg an die Oberfläche versperrte, hätten die Arbeiter in der Tiefe ungewöhnlich starke Bewegungen im Berg beobachtet und darum gebeten, die Mine verlassen zu dürfen. Dieses Begehren sei ihnen von ihren Vorgesetzten verweigert worden, berichtete einer der Geretteten, Juan Illanes, der sich als Sprecher der 33 profiliert hat. Ihm pflichteten zwei weitere Bergarbeiter bei, die zusammen mit ihm 70 Tage eingeschlossen waren.

          In der Mine fielen durch die Bewegungen im Berg immer wieder einzelne Steine herunter. In den Tagen vor der Katastrophe seien die Gesteinsbrocken jedoch „herabgeregnet“, begleitet von knirschenden Geräuschen, sagen die Bergleute, die am 13. Oktober mit Hilfe der Rettungskapsel „Phönix 2“ geborgen wurden. Ihre Aussagen werden für den Prozess gegen die Besitzer und Betreiber der Mine San José, die Bergbaugesellschaft San Esteban Primera, möglicherweise von entscheidender Bedeutung sein. Die Minenbesitzer bestritten jedoch am Mittwoch, dass sie gewarnt wurden.

          „Wir waren oben und spürten die Bewegungen des Bergs“

          Es hatte aber auch schon in den Jahren zuvor Warnzeichen gegeben. Am 14. November 2003 war die Mine San Antonio in sich zusammengestürzt, das nur einen Kilometer von San José entfernte „Zwillingsbergwerk“, in dem ebenfalls vor allem Gold und Kupfer abgebaut wurden. Damals gab es keine Opfer, weil die Kumpel rechtzeitig in Sicherheit gebracht wurden. „Wir waren oben und spürten die Bewegungen des Bergs“, sagt der Gewerkschaftsführer Javier Castillo im Gespräch. „In der Nacht zuvor war die Aktivität stärker als üblich, und wir haben bemerkt, dass sich Spalten geöffnet hatten. Wir riefen die Chefs und forderten sie auf, die Mine zu räumen, denn es war abzusehen, dass sie einstürzen würde.“

          Javier Castillo hat immer wieder auf die bedenkliche Lage in der seit dem 19. Jahrhundert ausgebeuteten Mine San José hingewiesen. Kurz nachdem er 1996 als Minenarbeiter eingestellt worden war, wurden die altertümlichen Arbeitsmethoden modernisiert, die Produktionskapazität wurde aufs Doppelte gesteigert. Dabei seien allerdings elementare Sicherheitsmaßnahmen verletzt worden, sagt Castillo. So seien Teile der Minen-Struktur, die zum Abstützen gedacht waren, nicht stark genug. Außerdem sei gegen die Vorschriften auch in den Bereichen Gestein abgebaut worden, die eigentlich zur Stabilisierung des Gangsystems gedacht waren.

          Fast während der gesamten Rettungsaktion waren die Besitzer untergetaucht

          Am 3. Juli verlor bei einem Einsturz in der Mine ein Bergmann sein rechtes Bein. Drei Tage zuvor hatten Castillo und andere Minenarbeiter Bergbauminister Laurence Golborne darauf hingewiesen, dass in den Minen der San-Esteban-Gesellschaft bereits drei Kumpel ums Leben gekommen waren und dass etwas zur Verbesserung der Sicherheit vor allem in den kleineren Minen getan werden müsse. Golborne, der wegen seines Krisenmanagements zur Rettung der 33 Verschütteten immer wieder gelobt wurde, beschied die Gewerkschaftsvertreter, seine Aufgabe sei es vor allem, Arbeitsplätze im Bergbau zu schaffen. Castillo sagt, er habe den Minister gefragt: „Zu welchem Preis?“

          Die Eigentümer der Minengesellschaft San Esteban Primera, Marcelo Kemeny und Alejandro Bohn, mussten sich im Februar einem Gerichtsverfahren stellen, bei dem es um den Tod eines Bergmanns im Jahr 2006 ging – der Prozess wurde nach Zahlung von umgerechnet 133.000 Euro eingestellt. Fast während der gesamten zweimonatigen Rettungsaktion waren die Besitzer untergetaucht. Anfänglich hatten sie versucht, sich zu rechtfertigen, in der San-José-Mine seien die Sicherheitsvorschriften eingehalten worden. Schon wenige Stunden nach dem Streckeneinbruch mussten die Eingeschlossenen aber feststellen, dass in einem Entlüftungsschacht die Treppenstufen fehlten, über die sie an die Erdoberfläche hätten gelangen können. Familienangehörige der Bergleute wiesen darauf hin, dass die Besitzer der Mine das Unglück offenbar zunächst vertuschen wollten. Zu dem Einbruch kam es um 14 Uhr – die Behörden wurden jedoch erst gegen 19.30 Uhr unterrichtet.

          Wegen des höheren Risikos auch bessere Löhne gezahlt

          In der Atacama-Region tätige Bergleute bestätigen, dass in den größeren Minen, vor allem jenen des staatlichen Bergbau-Unternehmens „Codelco“, die Sicherheitsvorschriften durchweg befolgt würden. Vor allem in den mittleren und kleinen Minen, zu denen San José und San Antonio zählen, werde jedoch nachlässig damit umgegangen. Zwar würden dort wegen des höheren Risikos auch bessere Löhne bezahlt, doch zähle für die Unternehmer zuerst der Profit, den sie aus der Gewinnung von Gold, Kupfer und anderen Rohstoffen schlagen. Die Inhaber von San Esteban Primera hätten allen Ernstes daran gedacht, so Javier Castillo, die kollabierte Mine San Antonio wieder zu öffnen, obwohl die Kumpel, die dort arbeiteten, eindringlich davor gewarnt hätten.

          Chile hat bislang nicht die Konvention 176 der internationalen Arbeitsorganisation zum Schutz der Minenarbeiter unterzeichnet, obwohl dem Text bereits 1995 von chilenischen Institutionen zugestimmt worden war. Präsident Sebstián Piñera hat dieser Tage, als er sich auf seiner Europareise in London aufhielt (gerade ist er in Deutschland), bekräftigt, dass die Ratifizierung nun schleunigst nachgeholt werden soll. Er nannte eindeutig die Minenbesitzer als Hauptverantwortliche für die Bergwerkskatastrophe, rüffelte aber auch die Regierung, die möglicherweise nachlässig gewesen sei, weil sie nicht auf die Einhaltung der Normen geachtet habe. Er meinte allerdings nicht seine Leute oder gar sich selbst – sondern die Regierungen, die zuvor im Amt waren.

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