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Germanwings-Absturz : Nach Faktencheck bleibt wenig von Lubitz-Gutachten übrig

  • Aktualisiert am

Günter Lubitz (links) und Tim van Beveren bei der Pressekonferenz in Berlin Bild: EPA

Zwei Jahre nach dem Germanwings-Absturz wollte der Vater des Kopiloten mit Hilfe eines Gutachtens erklären, warum er nicht an eine Selbsttötung im Cockpit glaubt. Die Bundesregierung wies die Zweifel zurück.

          Zwei Jahre nach dem Germanwings-Absturz hat der Vater des Kopiloten am Freitag erläutert, warum er nicht an eine Selbsttötung seines Sohnes als Absturzursache glaubt. Genau am Jahrestag trat Günter Lubitz in Berlin um 10.45 Uhr vor die Presse. Er rechtfertigte zu Beginn der Pressekonferenz den gewählten Zeitpunkt: „Egal welcher Tag es gewesen wäre, wir wären sowieso beschimpft worden“, sagte er. Er erhoffe sich vom zweiten Jahrestag der Katastrophe mehr Aufmerksamkeit für die Aussage, dass sein Sohn zum Zeitpunkt des Absturzes nicht depressiv gewesen sei. „Wir haben den Tag nicht gewählt, um die Angehörigen zu verletzen.“

          Gleichzeitig versammelten sich Hunderte Menschen auf dem Schulhof des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern zu einer Schweigeminute. Weiße Rosen erinnerten an die 16 Schüler und zwei Lehrerinnen, die unter den 150 Toten waren. Nach der Trauerfeier bezeichnete Schulleiter Ulrich Wessel die Pressekonferenz von Lubitz als „Provokation“ und „Affront gegenüber den Eltern“. Er warf dem Vater eine „Form von Realitätsverlust“ vor.

          Auch die Bundesregierung wies die neu geäußerten Zweifel an der offiziellen Absturzursache der Germanwings-Maschine zurück. „Es gibt für uns keinen Anlass, an der Art und den Ergebnissen der Unfalluntersuchungsbehörde zu zweifeln“, sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums am Freitag in Berlin.  Auch die deutschen Flugunfallexperten der BFU halten an der offiziellen Ursache des Unglücks fest. Es gebe keine Zweifel am Abschlussbericht der französischen Behörden, sagte ein Sprecher der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig.

          Kein „fremdaggressives Verhalten“

          Günter Lubitz hatte vorher erklärt, dass sich seine Trauer von der Trauer der anderen Angehörigen unterscheide: „Ich muss auch damit leben, dass mein Sohn als depressiver Massenmörder dargestellt wird.“ Dabei habe dieser seine Depression im Jahr 2009 überwunden gehabt. Die festgestellten Arztbesuche 2014 und 2015 seien ausschließlich wegen seines Augenleidens nötig gewesen. Kein Arzt oder Therapeut habe damals Suizidgedanken bei seinem Sohn festgestellt, es habe auch keine Hinweise auf ein „fremdaggressives Verhalten“ vorgelegen, sagte er. Er habe seinen Sohn in den Jahren vor dem Absturz als „lebensbejahenden, verantwortungsvollen“ Menschen erlebt. „Unser Sohn war zum Zeitpunkt des Absturzes nicht depressiv.“

          Schulleiter Ulrich Wessel bei der Gedenkfeier am Joseph König Gymnasium in Haltern am See.

          Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hatte bereits vor der Pressekonferenz erklärt, dass der Vorwurf, die Ermittler seien von einer durchgängigen depressiven Erkrankung und Behandlung seit 2008/2009 ausgegangen, „schlicht falsch“ sei. „Das haben wir nie behauptet“, sagte Staatsanwalt Christoph Kumpa. Eine Depression sei bei Lubitz den Ermittlungen zufolge 2009 erfolgreich behandelt worden. Ende 2014 seien Symptome aufgetreten, die Indizien für eine neuerliche psychische Erkrankung seien. Die behandelnden Fachärzte hätten diesmal aber keine Depression, sondern eine andere psychische Erkrankung diagnostiziert - ohne Suizidgefahr. Laut einem „Spiegel“-Bericht geht die Staatsanwaltschaft von einer Angststörung aus.

          Nach der Pressekonferenz trat Staatsanwalt Kumpa am Freitag dem Eindruck entgegen, dass Andreas Lubitz beim Absturz 2015 gesund und lebensfroh gewesen sei. „Er litt seit Monaten unter Schlaflosigkeit, hatte Angst um sein Augenlicht, war verzweifelt“, sagte er. Eine Woche vor dem Absturz habe Lubitz sich – ausweislich der Auswertung seines Computers – über Suizidmöglichkeiten informiert, außerdem über das Schließsystem der Cockpit-Tür.

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