https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/ungluecke/germanwings-unglueck-lubitz-vater-erntet-scharfe-kritik-14940319.html

Germanwings-Absturz : Nach Faktencheck bleibt wenig von Lubitz-Gutachten übrig

  • Aktualisiert am

„Etwas Vergleichbares noch nicht erlebt“

Der von Lubitz mit einem Gutachten beauftragte Flugunfallexperte Tim van Beveren sagte, dass er nach dem Absturz Hinweise bekommen habe, dass es bei dem abgestürzten Flugzeug schon früher „Probleme“ gegeben habe. Eine Crew hätte sich demnach im Cockpit eingesperrt und sich nicht befreien können. Er habe den Hinweis weitergegeben, dieser sei aber nicht untersucht worden. Er argumentierte außerdem, dass durch Atemgeräusche im Cockpit zwar klar gewesen sei, dass Andreas Lubitz lebte – aber nicht, ob er bei Bewusstsein war. Seiner Einschätzung nach sei nicht mal klar erwiesen, wer zum Zeitpunkt des Absturzes im Cockpit saß.

Gedenkstätte für die Opfer des Flugzeugabsturzes des Germanwings Fluges im französischen Le Vernet.
Gedenkstätte für die Opfer des Flugzeugabsturzes des Germanwings Fluges im französischen Le Vernet. : Bild: dpa

Die Ermittler sind sich aber sicher: Andreas Lubitz saß am 24. März 2015 allein im Cockpit einer Maschine der Lufthansa-Tochter Germanwings, die an einem Berg in den südfranzösischen Alpen zerschellte. Alle 150 Menschen an Bord des Airbus starben. Es wird von einer absichtlichen Tat und einem Alleinverschulden des 27-Jährigen ausgegangen. Die Toten kamen vor allem aus Deutschland und Spanien. Allein 65 Opfer stammten aus Nordrhein-Westfalen.

Was spricht gegen Lubitz?

Die Ermittler stützen sich auf deutliche Hinweise: In den Tagen vor dem Absturz suchte der junge Mann im Internet nach „Code Cockpittür“, „Selbstmord“ und der Onlinevorlage einer Patientenverfügung, die er ausdruckte und unterschrieb. Bereits auf dem Hinflug nach Barcelona stellte Lubitz mehrfach kurzzeitig die Höhe auf etwa 30 Meter ein, als er alleine im Cockpit war. Vielleicht habe er da „nur gespielt“, sagte van Beveren bei der Pressekonferenz. Allerdings wurde dann auch auf dem Rückflug die Höheneinstellung verändert, außerdem erhöhte Lubitz vor dem Aufprall die Geschwindigkeit.

Den Piloten ließ Lubitz nicht mehr in die Kabine, obwohl der laut den Aufzeichnungen des Voicerekorders klopfte, rief und klingelte. Van Beveren sagte, das Keypad könne beschädigt gewesen sein, mit dem sich sonst die Tür öffnen lässt. „Es wird nur alle 12.000 Stunden bei der Wartung überprüft.“

Insgesamt lieferte der Gutachter kein alternatives Szenario, das den Absturz erklären würde. „Ich weiß nicht, was passiert ist, niemand weiß es“, sagte er. Auch für Lubitz müsse aber die Unschuldsvermutung gelten. „Hätte er überlebt, würde man ihn in einem Prozess in zehn Minuten freisprechen.“

Am Unglücksort in den französischen Alpen wurde unterdessen eine Skulptur zum Gedenken an die Opfer enthüllt. An der nicht öffentlichen Gedenkfeier in Le Vernet nahmen mehr als 500 Angehörige teil. Bei dem Gedenkelement handelt es sich um eine vergoldete Kugel mit einem Durchmesser von fünf Metern, die aus 149 Elementen besteht. So viele Menschen starben außer Lubitz bei dem Unglück. Der Kopilot selbst wurde also nicht in die Trauer mit einbezogen, was der Germanwings-Mutterkonzern Lufthansa allerdings nicht kommentieren wollte. Die Skulptur sei nach den Wünschen der Angehörigen gefertigt worden, sagte ein Sprecher lediglich.

Die Gedenk-Skulptur des Malers und Bildhauers Jürgen Batscheider
Die Gedenk-Skulptur des Malers und Bildhauers Jürgen Batscheider : Bild: dpa

Im Inneren der Sonnenkugel befindet sich den Angaben zufolge ein kristallförmiger Zylinder, in dem Holzkugeln eingeschlossen werden, die die Angehörigen der Opfer mit persönlichen Erinnerungsstücken befüllen können. Die Skulptur soll unmittelbar an der Absturzstelle ihren endgültigen Platz finden.

Faktencheck

AUSSAGE: Die Ermittler seien von einem dauerdepressiven Kopiloten Andreas Lubitz ausgegangen.

BEWERTUNG: Falsch.

FAKTEN: Die Staatsanwaltschaft versichert, das habe sie nie behauptet. Vielmehr sei Lubitz 2009 wegen einer Depression erfolgreich behandelt worden. Erst Ende 2014 hätten sich dann Symptome gezeigt, die auf eine neue (psychische) Erkrankung deuteten. Fachärzte hätten aber diesmal keine Depression diagnostiziert, sondern eine andere Störung. In der Pressekonferenz von Günter Lubitz wird dies dann auch so wiedergegeben und der Vorwurf damit selbst ad absurdum geführt.

AUSSAGE: Die Ermittler seien voreingenommen gewesen.

BEWERTUNG: Zweifelhaft, eher falsch.

FAKTEN: Die Ermittlungen waren aufwendig, haben lange gedauert und füllen 19.000 Blatt Papier. Außerdem waren damit Ermittlungskommissionen mit einer größeren Zahl Polizisten befasst, sowie Experten der französischen und der deutschen Flugunfalluntersuchung. Experte Tim van Beveren greift die Aussagen des französischen Staatsanwalts 48 Stunden nach dem Absturz als verfrüht an. Doch sollten deswegen auch alle anderen voreingenommen gewesen sein?

AUSSAGE: Die These von der Alleinschuld von Andreas Lubitz sei unhaltbar.

BEWERTUNG: Zweifelhaft, eher falsch.

FAKTEN: Auch wenn es für den Vater des Kopiloten schwer zu ertragen sein mag: Die Indizien sprechen fast alle gegen seinen Sohn. Der recherchierte vor dem Todesflug im Netz nach Selbstmordmethoden, in seinem Gewebe wurden zwei Antidepressiva festgestellt. Er hatte eine depressive Vorerkrankung, litt an Schlaflosigkeit und der Angst, zu erblinden, manipulierte schon beim Hinflug kurzzeitig die Flughöhe am Autopiloten, beschäftigte sich mit dem Schließmechanismus der Cockpittür.

AUSSAGE: Van Beveren behauptet, er habe Hinweise auf eine Crew, die sich in dem Unglücksjet schon einmal selbst ausgesperrt habe. Ein irrtümliches Aussperren der Cockpit-Crew sei also möglich.

BEWERTUNG: Fraglich.

FAKTEN: Erfahrene Verkehrspiloten weisen darauf hin, dass so etwas am Boden unter ganz bestimmten Umständen vorkommen könnte, schließen es in der Luft aber aus. In der Regel ist die Cockpittür im Fluge elektronisch verriegelt und wird von der Crew erst geöffnet, wenn ein Besatzungsmitglied um Einlass bittet. Im Notfall kann ein Crewmitglied auch von außen per Notfall-Code die Tür entriegeln. Piloten können aber auch diesen Mechanismus umgehen, wenn sie von innen bewusst den Schalter auf „lock“ (Verriegeln) stellen.

Der Kopilot hat nach Überzeugung der Ermittler den Chefpiloten ausgesperrt, sein Klopfen ignoriert, die Maschine auf Kollisionskurs programmiert, zum Schluss auch noch beschleunigt. Das alles auf gleichzeitiges technisches Versagen zurückzuführen, bei plötzlich eintretender Ohnmacht des Kopiloten, scheint abwegig.

AUSSAGE: Andreas Lubitz könnte bewusstlos gewesen sein.

BEWERTUNG: Zweifelhaft, eher falsch.

FAKTEN: Seine Atemzüge sind auf dem Stimmrekorder zu hören. Sie verändern sich nicht. Im Cockpit wurden bewusste Manöver durchgeführt, die Maschine am Ende beschleunigt - so steht es im Untersuchungsbericht. Eine Bewusstlosigkeit könnte allenfalls kurz vor dem Aufschlag eingetreten sein - da war die Maschine aber schon auf Kollisionskurs programmiert. Vor einer Bewusstlosigkeit - etwa durch giftige Dämpfe - hätte er vermutlich gehustet oder schneller geatmet.

AUSSAGE: Luftlöcher könnten dazu geführt haben, dass Lubitz eine niedrigere Flughöhe wählte und die Maschine schließlich abstürzte.

BEWERTUNG: Zweifelhaft, eher falsch.

FAKTEN: Die Flughöhe wurde nicht bloß niedriger, sondern auf Kollisionskurs eingestellt. Zudem hätte ein Wechsel der Flughöhe per Funk mit den Fluglotsen abgestimmt werden müssen. Nur in sehr schweren Notfällen können Verkehrsjets ohne vorherige Genehmigung der Luftaufsicht ihre Flughöhe verlassen. In allen anderen Fällen ist dazu eine Freigabe erforderlich. Andernfalls drohen Kollisionen mit Flugzeugen, die wegen der Höhenstaffelung in unteren Luftschichten unterwegs sind. Eine Bitte der Germanwings-Besatzung um Freigabe für einen Sinkflug wurde bisher jedoch nicht bekannt. Dies geben die Aufzeichnungen von Flugdatenschreiber und Stimmrekorder nicht her. Die Untersuchung ergab daher: Das Wetter hatte keinen Einfluss. (dpa)

Topmeldungen

Wertvolle Fracht: Flüssiggas-Tanker nördlich von Qatar

Kampf ums Gas : Europa räumt den LNG-Markt leer

Mit viel Geld kaufen die reichen Industriestaaten das Flüssiggas auf. Die Versorgungsrisiken in den Schwellenländern wachsen entsprechend.
Hat mal wieder Ärger: Boris Johnson am Donnerstag vor 10 Downing Street

Sex-Affäre bei den Tories : Was wusste der Premierminister?

Boris Johnson hat stets versichert, Christopher Pincher in Unkenntnis von dessen Fehlverhalten gegenüber Männern befördert zu haben. Jetzt widerspricht ihm ein Lord im Oberhaus. Dem britischen Premier droht neues Ungemach – auch parteiintern.
Das kleine Wasserkraftwerk Schwaigerloh1: 160 Kilowatt bei einer Fallhöhe von 5,7 Metern

Umstrittene Förderung : Der große Streit um die kleine Wasserkraft

Klimaminister Habeck will kleine Wasserkraftanlagen nicht mehr fördern. Der Schaden, den sie der Natur zufügten, stünde in keinem Verhältnis zur produzierten Strommenge. Die Betreiber fühlen sich an den Pranger gestellt. Für sie geht es um ein Stück Kulturgeschichte und Familientradition.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.