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Angeklagter gegen Einstellung : Love-Parade-Prozess geht vermutlich weiter

Bei dem Unglück kamen im Juli 2010 21 junge Menschen auf dem Weg zum Technospektakel Love Parade ums Leben. (Archivbild) Bild: dpa

Der erste von zehn Angeklagten hat zum Vorschlag des Gerichts, das Verfahren einzustellen, Stellung genommen. Er will wohl einen Freispruch für sich erreichen. Die Chancen dafür stehen aber nicht gut.

          Der Prozess zur Love-Parade-Katastrophe wird aller Voraussicht nach weitergeführt. Wie der Sprecher des Landgerichts Duisburg am Mittwoch in Düsseldorf sagte, hat einer der Angeklagten dem Gericht mitgeteilt, dass er sich eine Einstellung weder mit noch ohne Geldauflage vorstellen könne. In einem Rechtsgespräch mit Verteidigern, Staats- und Nebeklägeranwälten hatte die 6. Große Strafkammer des Duisburger Landgerichts Mitte Januar dargelegt, dass sie die strafprozessuale Aufarbeitung zu dem Unglück, bei dem im Juli 2010 21 junge Menschen auf dem Weg zum Technospektakel Love Parade ums Leben kamen und mehr als 600 weitere Personen verletzt wurden, ohne Urteil enden lassen möchte.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Für sieben der Angeklagten schlug das Gericht wegen „absehbar geringer“ individueller Schuld eine Einstellung ohne jede Auflage vor. Bei den anderen drei Angeklagten nahm das Gericht nach vorläufiger Prüfung  eine „mittlere Schuld“ an. Für sie schlug die Kammer eine Einstellung gegen Geldauflage vor. Die anderen Angeklagten sowie die Staatsanwaltschaft haben noch bis zum 5. Februar Zeit, sich zum Einstellungs-Vorschlag des Gerichts zu äußern. Die Kammer kann das Verfahren in jedem einzelnen Fall nur mit der Zustimmung der Staatsanwaltschaft sowie des jeweiligen Angeklagten einstellen. Angeklagte sind Mitarbeiter der Stadt Duisburg, die mit der Genehmigung der Love Parade auf dem ehemaligen Güterbahnhof der Stadt betraut waren und sechs Mitarbeiter der privaten Veranstalterfirma Lopavent. Bei einem dieser vier Lopavent-Angestellten handelt es sich um den Angeklagten, der sich nun gegen die Verfahrenseinstellung ausgesprochen hat.

          Dem Angeklagten dürfte es darum gehen, einen Freispruch für sich zu erreichen. Ob diese Strategie aufgeht, ist allerdings schon allein mit Blick auf den Kalender fraglich. Auch einige der Verteidiger hatten nach dem Rechtsgespräch Mitte Januar darauf hingewiesen, dass sie nur geringe Chancen für Freisprüche sehen, weil in dem komplizierten Verfahren nicht vor dem zehnten Jahrestag der Katastrophe mit einem Urteil zu rechnen sei und der Prozess so „in die Verjährung laufen“ werde.

          Der Vorsitzende Richter Mario Plein hatte Mitte Januar in seiner Begründung für den Einstellungsvorschlag gesagt, zwar hätten die beinahe 100 Hauptverhandlungstage in dem seit Dezember 2017 laufenden Großverfahren „erheblich zur Aufklärung der Geschehnisse bei der Veranstaltung“ beigetragen. Zugleich hatte Plein aber auch deutlich gemacht, wie schwer die strafrechtliche Zuordnung der individuellen Schuld sein dürfte. Denn neben Planungsfehlern ist das Unglück aus Sicht der Kammer durch kollektives Versagen vieler Personen am Veranstaltungstag mit verursacht worden. Plein wies vor zwei Wochen beispielsweise auf die zum falschen Zeitpunkt auf der Zugangsrampe zum Festivalgelände eingerichtete Polizeikette hin oder die unkoordinierte Öffnungen der Vereinzelungsanlagen einige hundert Meter davor. „Es gibt ganz viele Schuldige“, hatte Plein gesagt.

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