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Flugzeugabsturz in Kolumbien : Der dunkelste Tag des AF Chapecoense

Suche nach Überlebenden in den Trümmern. Bild: AP

Beim Absturz eines Charterflugzeugs in Kolumbien kommen mehr als 70 Menschen ums Leben – unter ihnen fast die ganze Mannschaft eines Fußballvereins.

          Noch kurz vor dem Abflug nahm Abwehrspieler Filipe Machado mit seinem Handy ein Video auf: die Mannschaft des AF Chapecoense, aufgereiht in Flugzeugsitzen, sichtlich bester Laune. Und wohl auch ein bisschen aufgeregt, schließlich wollten sie auf ihrer Reise nach Kolumbien den Grundstein legen für den größten Erfolg in der Geschichte ihres Vereins. Es wurde ihr dunkelster Tag.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          An diesem Mittwoch sollte die Mannschaft des Clubs aus der Stadt Chapecó im südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina in Medellín das Hinspiel im Finale des Vereinswettbewerbs Copa Sudamericana gegen den kolumbianischen Traditionsverein Atlético Nacional bestreiten. Beim Landeanflug auf den Flughafen im Nordwesten Kolumbiens aber stürzte das Charterflugzeug in der Nacht zum Dienstag ab. Fast die ganze Mannschaft kam ums Leben. Insgesamt wurden mindestens 75 Menschen getötet. Sechs Personen überlebten das Unglück nach Angaben der kolumbianischen Behörden schwer verletzt.

          An Bord waren Spieler, Betreuer und Begleiter des Clubs sowie zahlreiche Journalisten. Die Regierung in Brasília ordnete am Dienstag eine dreitägige Nationaltrauer an. „Etwas, das ein großes Fest werden sollte, ist in einer Tragödie geendet“, sagt Federico Gutiérrez, der Bürgermeister von Medellín.

          Das Flugzeug zerbrach in drei Teile

          Nach Angaben des Polizeichefs von Medellín, José Acevedo, zerschellte das vierstrahlige Flugzeug des Typs Avro RJ85 gegen 22 Uhr Ortszeit (vier Uhr Dienstag MEZ) in der Nähe des Ortes La Unión an dem Berg El Gordo. Es zerbrach in drei Teile. Der Anflug auf den internationalen Flughafen Río Negro im Osten der Metropole gilt als schwierig. Zum Zeitpunkt des Unglücks herrschte in der Gegend um Medellín schlechtes Wetter. Bevor das Flugzeug vom Radar verschwand, hatten die Piloten offenbar Probleme mit der Elektronik gemeldet und vom Kontrollturm des Flughafens von Medellín daraufhin die Erlaubnis zum sofortigen Landeanflug erhalten.

          Die Spieler von Chapecoense nach ihrem Sieg in Chapeco in der vergangenen Woche

          Nach dem Absturz gab es an der Unfallstelle keine Explosion, was darauf hindeuten könnte, dass dem Flugzeug nach mehreren Warteschleifen das Kerosin ausgegangen sein könnte. Die Maschine könnte wegen Treibstoffmangels abgestürzt sein, sagte Alfredo Bocanegra, Direktor der kolumbianischen Luftfahrtbehörde. Nach anderen Berichten könnte der Pilot das Kerosin auch bewusst abgelassen haben, um eine Explosion bei einer Notlandung zu verhindern.

          Ein Torhüter starb offenbar auf dem Weg ins Krankenhaus

          Polizisten seien als erste zu der schwer zugänglichen Unglücksstelle gelangt, teilte die Luftfahrtbehörde mit. Die Gegend war wegen des Nebels nur auf dem Landweg zu erreichen, nicht aus der Luft. Nach Angaben der Behörden konnten an der schwer zugänglichen Unglücksstelle sechs Menschen lebend geborgen werden. Bei den Überlebenden handelt es sich demnach um den Abwehrspieler Alan Ruschel, zwei seiner Mannschaftskameraden, eine bolivianische Flugbegleiterin und einen brasilianischen Journalisten. Einer der Torhüter des Teams starb offenbar auf dem Weg ins Krankenhaus.

          An Bord des Charterflugzeugs vom Typ British Aerospace 146 befanden sich insgesamt 72 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder. Es gehörte der bolivianischen Fluggesellschaft Lamia, die bis vor kurzem noch in Venezuela beheimatet war und immer wieder Flüge für südamerikanische Fußballmannschaften durchgeführt haben soll. Ein Direktflug nach Medellín, wie ursprünglich geplant, wurde von der brasilianischen Luftfahrtbehörde Anac untersagt, da diesen nur eine brasilianische oder eine kolumbianische Fluglinie hätte durchführen dürfen. Die Mannschaft von Chapecoense reiste deshalb mit einem Linienflug nach Santa Cruz in Bolivien, wo sie an Bord des Lamia-Charterflugzeugs stieg.

          „Dies ist ein trauriger Tag für den Fußball“

          Chapecoense war erst 2013 von der „SérieC“, der dritten Liga des brasilianischen Fußballs, in die zweite Liga aufgestiegen, wo ihr 2014 der Durchmarsch in die erste Liga „SérieA“ glückte. Vor gut 20 Jahren spielte der spätere Bundesliga-Profi Paulo Rink bei Chapecoense. Seit dem Aufstieg in die erste Liga hat der Club aus der Stadt mit gut 200.000 Einwohnern mit außergewöhnlichen Leistungen geglänzt. Im vergangenen Jahr hatte Chapecoense mit dem Erreichen des Viertelfinales der Copa Sudamericana schon den größten Erfolg der Vereinsgeschichte gefeiert, den die Sensationsmannschaft in diesem Jahr mit der Qualifikation zur Finalteilnahme sogar noch übertraf. Der Wettbewerb ist nach der Copa Libertadores der zweitwichtigste Club-Wettbewerb in Südamerika und entspricht der Europa League des europäischen Fußballverbands Uefa.

          Der südamerikanische Fußballverband Conmebol entschied nach der Katastrophe, dass das Finale des Wettbewerbs in diesem Jahr nicht ausgetragen wird. „Dies ist ein trauriger Tag für den Fußball“, sagte Juan Carlos de la Cuesta, der Präsident des gastgebenden Vereins Atlético Nacional. Die Katastrophe hat zumal in Brasilien, aber auch in den anderen Ländern des fußballbegeisterten Halbkontinents große Bestürzung und Anteilnahme ausgelöst. Anhänger von Chapecoense twitterten: „Betet für uns.“

          Das Unglück weckt Erinnerungen an die Flugzeugkatastrophe nahe München vom 6. Februar 1958, bei der 23 Spieler und Betreuer des englischen Clubs Manchester United starben. Die Mannschaft befand sich nach einem Europapokal-Spiel gegen Roter Stern Belgrad auf der Heimreise, als sich das Unglück beim Start bei winterlichem Wetter nach einer Zwischenlandung ereignete.

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