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Wiederaufbau Notre-Dame : „Das wäre viel zu gefährlich“

„Das Problem ist die Statik, die Steine haben sehr wahrscheinlich ihre Festigkeit verloren.“ Bild: Mark Hermenau

Es gibt erste Zeichen des Neubeginns aus Notre-Dame, sogar ein erster Gottesdienst fand bereits wieder statt. Ein Besuch auf der Baustelle mit der früheren Dombaumeisterin von Köln.

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          Dieses Symbol gefällt Barbara Schock-Werner: „Es ist doch ein starkes Signal, dass zwei Monate nach dem Brand wieder ein Gottesdienst in Notre-Dame gefeiert wird.“ Die energische 71-Jährige, einstmals Kölner Dombaumeisterin, koordiniert für die Bundesregierung die deutschen Spenden- und Hilfsangebote, an denen es nach dem verheerenden Brand am 15. April nicht gemangelt hat. Es ist Freitag, gut einen Tag vor der geplanten Messe, und gerade hat Schock-Werner sich von neuem im Inneren der Kathedrale umsehen dürfen – mit einem Sicherheitshelm auf dem Kopf. Den besonders einsturzgefährdeten Bereich unter dem von der Feuersbrunst zerstörten Vierungsturm durfte aber auch sie nicht anschauen: „Das wäre viel zu gefährlich. Selbst die Bauarbeiter werden nicht dahin vorgelassen.“

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Eine Messfeier mit Geistlichen in liturgischen Gewändern und Bauhelmen auf dem Kopf, wie sie für Samstagabend zum Jahrestag geplant war – das hat es in der langen, bewegten Geschichte der Kathedrale noch nicht gegeben. In die Kapelle im Ostteil des mehr als 850 Jahre alten Kirchenbaus sollte ohnehin nur eine kleine Schar von Gläubigen eingelassen werden, unter ihnen frisch geweihte Priester, Stiftsherren und Mitarbeiter des Erzbistums Paris.

          Schock-Werner hat sich die Kapelle zusammen mit dem verantwortlichen Denkmalpfleger Philippe Villeneuve angesehen und schildert, wie dort jeden Tag der Staub zusammengefegt und auf den Bleigehalt untersucht wird. Der Brand hat das Blei der Dachverkleidungen schmelzen lassen und damit jede Menge des Schadstoffs freigesetzt. Schwangere und Kinder unter sieben Jahren, die in der Nähe von Notre-Dame wohnen, sind inzwischen zur Blutabnahme aufgefordert worden. Bei einem Kind wurde bereits ein überhöhter Bleiwert im Blut festgestellt.

          „Das Problem ist die Statik“

          Schock-Werner steht am Seine-Ufer und deutet mit der Hand auf die Plane, die als Regenschutz über das Gewölbe der Kathedrale gespannt wurde. Bei ihrem Rundgang mit Villeneuve hat sie die Erkenntnis gewonnen, dass es noch keinen Grund zur Entwarnung gebe. „Das Problem ist die Statik“, sagt sie und erklärt: „Auf den Gewölben liegen nicht nur Tonnen verkohlter Balken. Die Steine sind auch großer Hitze ausgesetzt gewesen und haben sehr wahrscheinlich ihre Festigkeit verloren“, so die frühere Dombaumeisterin. So werde noch immer befürchtet, dass die Gewölbe einstürzen könnten. An der Decke seien vorübergehend Plastiknetze angebracht worden, die bald durch Stahlnetze ersetzt werden sollen, um zu verhindern, dass bei einem Gewölbeeinsturz weitere Schäden im Kirchenschiff entstehen.

          In die Debatte über den Wiederaufbau will sich die Kunsthistorikerin lieber nicht einmischen. Die nach Kriegsende beschlossene Modernisierung des Vierungsturms am Kölner Dom zeige aber, wie schwer ein solches Unterfangen sei. „Ich glaube, eine Mehrheit der Franzosen möchte den gewohnten Anblick von Notre-Dame wiederfinden“, sagt Schock-Werner. Ihre Expertise bietet sie gern an, sofern sie danach gefragt wird. „Ich bin sehr beeindruckt von der Qualität der bereits erfolgten Sicherungsarbeiten, die ich sehen konnte“, sagt sie. Der Dachstuhl und der Dachreiter könnten ganz sicher originalgetreu rekonstruiert werden, da die Originalpläne alle vorhanden seien.

          Das bestätigt Marie-Christine Labourdette, die das Museum „Cité de l’architecture et du patrimoine“ am Trocadéro-Platz leitet. Die 57-Jährige nennt sich selbst die „Erbhüterin“ des architektonischen Schatzes, den Eugène Viollet-le-Duc der Nachwelt hinterlassen hat. Zur ständigen Sammlung der Cité de l’architecture zählen alle Pläne und Gipsabgüsse, die der Freund des Schriftstellers Victor Hugo von der 1844 begonnenen Restaurierung von Notre-Dame erstellt hat. „Viollet-le-Duc hatte die geniale Idee, die mittelalterliche Pracht der Kathedrale wiederherzustellen, und der Vierungsturm war Teil dieses Plans“, sagt Labourdette.

          Der Architekt setzte sich selbst ein Denkmal

          Der Architekt habe viel über die Rolle der Baudenkmäler für den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachgedacht und gefordert, dass sich alle Franzosen an der gewagten Renovierung beteiligt fühlen sollten. Hugo habe ihm mit seinem Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ in diesem Bestreben geholfen. „Heute muss es uns wieder gelingen, dass sich die Gesellschaft für den Wiederaufbau engagiert“, meint Labourdette.

          Die deutsche Koordinatorin für Notre-Dame-Hilfe Barbara Schock-Werner sieht einen kompletten Wiederaufbau der Kathedrale innerhalb von fünf Jahren skeptisch.

          Es sei ein kleines Wunder, dass die Statuen der zwölf Apostel und der vier Evangelisten am Vierungsturm wenige Tage vor dem Brand mit einem 200 Meter hohen Kran zur Renovierung in ein Atelier in der Dordogne transportiert worden seien. Darunter befindet sich auch die Statue des heiligen Thomas, dessen Gesichtszüge denen Viollet-le-Ducs nachempfunden sind. Der Architekt setzte sich so selbst ein Denkmal – seine Figur ist die einzige, die zum Turm hinaufblickte.

          Beim Wiederaufbau müssten die 16 Statuen alle ihren angestammten Platz wiederfinden, meint Labourdette. Die Eile, mit der Präsident Emmanuel Macron zur Renovierung antreibt, hält sie für nötig. Ziel sei es, dass sich die Kathedrale bis 2024 in ihrer bekannten Silhouette präsentiere, das Dach repariert sei und die Menschen das Gotteshaus besuchen könnten. „Aber die Restaurierungsarbeiten werden auch danach noch viele Jahre weitergehen.“

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