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Forscher tief unter der Erde : Raus aus den Hohlräumen!

Nicht für die Unterwelt gemacht: Menschen wie Höhlenforscher Johann Westhauser (hier bei Dreharbeiten für den ZDF-Film „Deutschland von unten“) gefährden unnötig ihr eigenes Leben und das anderer Menschen. Bild: Wolfgang Zillig

Auf Erden und in der Luft ist alles ermessen und vermessen, doch in der Tiefe wächst ein neues akademisches Proletariat heran. Die Sehnsucht der Höhlenforscher lässt sich nur mit dem Wissensdrang des Menschen nicht erklären.

          Höhlenbewohner sind unheimliche Geschöpfe. Man sieht sie nicht, sie entziehen sich dem Licht, kennen keinen Wechsel von Tag und Nacht, und in ihrer Flucht vor den Zumutungen des oberirdischen Lebens haben sie die radikale Richtung eingeschlagen: Nicht nach oben, zum Licht, zieht es sie, sondern nach unten, in die Finsternis; nicht zur Wärme, die Leben spendet, sondern in lebensfeindliche Kälte.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Vielleicht kann man es den Höhlensüchtigen, die sich mit etwas Anmaßung Höhlenforscher nennen, nicht einmal verdenken. Auf Erden ist alles ermessen und vermessen, die Lüfte sind erobert bis in Höhen, in denen gar keine Luft mehr ist. Wo also soll man hin? Unter Wasser, wie all die Hobbytaucher und die Apnoetaucher, die jenseits der menschlichen Grenzen ihren Sinn suchen. Und unter die Erde, wo mehr zu finden sein kann als eine Reiseroute zum Mittelpunkt der Erde, nämlich zum Beispiel der Tod.

          Geburtskanal-Erfahrungen gibt es im Spaßbad reichlich

          Jeder Höhlenforscher wird einwenden, dass alle Anstrengungen in die Sicherheit gehen. Aber der Fall des Verletzten aus der Riesending-Höhle zeigt nicht zum ersten Mal, dass hier fahrlässig Grenzen überschritten werden. Der Mensch ist aus dem Meer geboren worden oder von den Bäumen herabgeklettert. Er hat leidlich zu schwimmen gelernt und kann mit Geräten ziemlich sicher fliegen.

          Die Retter liegen sich nach der geglückten Aktion in den Armen.

          Aber er ist ganz sicher nicht dazu bestimmt, sich in 1000 Metern Tiefe durch schmale, verwinkelte, feuchte und rutschige Gänge zu quetschen und von Steinen erschlagen zu lassen. Geburtskanal-Erfahrungen gibt es im Spaßbad mit Tunnelrutsche reichlich. Der Unterschied zu den mörderischen Tiefen: Dort unten gefährdet man nicht nur sich selbst, sondern im Fall des Unglücksfalles gleich auch noch mögliche Retter.

          Solche Gedanken werden sich auch die Abenteuerlustigen machen. Ihre Motive müssen also so stark sein, dass sie alle Zweifel überwinden. Der Hang zur Tiefe rührt natürlich schon daher, dass sich hier der Normalsterbliche zum Speläologen promoviert fühlen darf, weil er als eine Art Hilfswissenschaftler Nachrichten von Wasserläufen an Hydrologen und von Gesteinsformationen an Geologen weiterreichen darf. Da wächst also in der Tiefe ein ganz neues akademisches Proletariat heran.

          Mit dem Forscherdrang des Menschen nicht zu erklären

          Aber die Sehnsucht, die nach unten geht, kann man nicht nur mit dem Forscherdrang des Menschen erklären, der als erster Neuland betritt wie einst David Livingstone am Sambesi. Man will tief auch in sich selbst eindringen, also in die Menschheits- und die eigene Geschichte. Die Erzählungen von Drachen und anderen Untieren, die aus den Tiefen kommen, ist ein Widerschein des existentiellen Angstreizes, der aus der Tiefe kommt.

          Jeder weiß, dass man ein Bett nicht mitten ins Schlafzimmer stellt und dass man allein auf weiter Flur und in der gefräßigen Natur Gefahren ausgesetzt ist. In einer Höhle also fühlt man sich auf irritierende Weise sicher, vielleicht sogar geborgen.

          Man möchte ein solches Erlebnis niemandem nehmen. Aber es bleibt doch der ungute Eindruck, dass die Höhlenforscher sich als Extremsportler empfinden, die für den Kick ihres Lebens einen Risikosport ausüben. Die vielen Todesopfer unter Wingsuit-Springern und beim Base-Jumping zeigen, dass die Risiken heute nicht extrem genug sein können. Während aber die Sportler, die von Hochhäusern und von Klippen springen, nur sich selbst gefährden, mussten nun bei der Rettung aus der Riesending-Höhle Dutzende Retter hinabsteigen und in einer extrem komplizierten Aktion ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen. Bei dem Unfall treffe niemanden die Schuld, sagte die Frau des Verletzten, schon bevor ihr Mann in Sicherheit war, um aller Kritik zuvorzukommen. Ja, sollen wir jetzt die Felsbrocken verantwortlich machen?

          Solche Rettungsaktionen stellen die Bergwacht, die ohnehin schon unter den vielen Flachlandtirolern in den Alpen ächzt, vor große Schwierigkeiten. Nicht umsonst mussten in diesem Fall Retter aus der Schweiz und aus Italien herbeigeschafft werden. Niemand will sich sein Geschäftsmodell ruinieren, deshalb geht die Bergwacht milde mit den Opfern um. Da es sich um einen Freizeitsport handelt, sind zudem die Verbände von der Gunst ihrer Mitglieder abhängig. Den Spaß an und in den Bergen will zuallerletzt die Tourismuswirtschaft verderben. Daher sind alle wohlmeinenden Beteuerungen, wie viele Fixseile angebracht und wie viele Wege hinaus gebahnt sind, Makulatur. Es ist doch bezeichnend, dass man Ärzte, die überhaupt in 1000 Meter Tiefe gelangen können, an einer Hand abzählen kann.

          Nein, hier geht es nicht um Freizeitsport und ums pure Vergnügen. Wie im Höhlengleichnis von Platon, so glauben auch die Höhlenbewohner von heute in den Schatten an der Wand die Wirklichkeit zu erkennen. Dabei sehen sie nur eine Illusion, von der sie auf ewig wissen möchten, dass es wirklich die Wirklichkeit ist.

          Man muss nicht gleich zur Idee des Guten gelangen, wenn man aus der Höhle hinaus ins Licht tritt. Aber zu erkennen, dass man unter Tage nicht nur einer philosophischen, sondern womöglich einer lebenspraktischen Täuschung aufsitzt – das wäre eine Erkenntnis, die über alle Entdeckerfreuden hinausginge.

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