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Flutkatastrophe in England : Weinen oder das Spektakel genießen

Land unter in Süd- und Mittelengland Bild: REUTERS

Die Bilder aus Großbritannien erinnern an die Elbe- und Oder-Flutkatastrophe in Deutschland. Doch die Menschen sind erstaunlich gelassen: „Ich kann es einfach nicht fassen“, sagt der Besitzer eines überfluteten Pubs. „Daher trinken wir jetzt erst mal was und kümmern uns später um alles andere“.

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          Bill and Madeleine Hindley hatten ihr Haus gerade schön hergerichtet, um es einem möglichen Käufer zu zeigen. Nur wenige Stunden später floss zum Entsetzen des Rentnerehepaars braune Brühe durch ihr geliebtes Heim. „Das Wasser stieg und stieg. Alles schwamm herum, unsere Polstergarnitur, das Fernsehgerät, der umgekippte Kühlschrank. Ich versuchte zu retten, was zu retten war, aber alles war nicht in Sicherheit zu bringen“, erzählt die 75 Jahre alte Engländerin. Mit ihrem 81 Jahre alten gehbehinderten Mann harrt sie im ersten Stock des Hauses aus und wartet darauf, dass die Flut zurückgeht. „Unseren Hausverkauf können wir wohl aufgeben. Wenn das Wasser verschwindet, wird der Geruch unerträglich sein. Außerdem, wer kauft schon ein von Überflutung gefährdetes Haus? Wir leben hier seit 20 Jahren, und nie ist so etwas passiert.“

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen erleben die Briten eine der schwersten Überflutungen ihrer Geschichte. Am schlimmsten getroffen waren diesmal die Grafschaften Worcestershire, Gloucestershire und Oxfordshire nordwestlich von London. Nach tagelangen schweren Regengüssen bedeckten die Fluten auch am Montag noch ganze Landstriche. Baumkronen und Häuser ragten aus den schlammigen Wassermassen wie Inseln hervor. Mit Bangen verfolgt die Bevölkerung das unaufhörliche Steigen des Wasserstands der Severn und der Themse. Die Behörden befürchten ein schlimmeres Ausmaß der Katastrophe als bei der letzten verheerenden Überflutung von 1947.

          Einer der größten Einsätze der Armee

          Mehr als 350.0000 Menschen fürchten um die Trinkwasserversorgung. Mehr als 1000 mussten die vergangenen Nächte in Notunterkünften verbringen. Die britische Armee sprach von einem ihrer größten Einsätze in Friedenszeiten. Hunderte wurden mit dem Hubschrauber aus ihren überfluteten Häusern gerettet. Vor weniger als einem Monat war es in Nordengland schon zu katastrophalen Überschwemmungen gekommen. Sieben Personen kamen ums Leben, 7000 warten noch immer darauf, wieder in ihre Häuser zurückkehren zu können. In einigen Teilen Mittelenglands fiel innerhalb eines Tages so viel Regen wie normalerweise innerhalb von zwei Monaten. Dieser Sommer ist der nasseste Sommer seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen. Mancherorts stand das Wasser in Straßen und Gärten hüfthoch. Autofahrer mussten ihre Fahrzeuge verlassen, Touristen saßen in ihren Hotelzimmern fest. Noch ist nach Angaben der Meteorologen keine Entwarnung in Sicht. Am Montag regnete es weiter. Die Flüsse Severn und Themse drohen über die Ufer zu treten, was die ohnehin katastrophalen Zustände noch verschärfen würde.

          Land unter in Süd- und Mittelengland Bilderstrecke

          Die größte Sorge gilt zurzeit der Trinkwasserversorgung. Nach Angaben des Unternehmens Severn Trent Water haben 150 000 Bewohner von Gloucestershire kein Leitungswasser, weil eine Wasseraufbereitungsanlage überschwemmt wurde. 250 000 weitere Bürger könnten in den nächsten Tagen von der Versorgung abgeschnitten sein. In Lastwagen wurde Trinkwasser aus anderen Teilen des Landes gebracht. Von Panikkäufen war die Rede. „Alle scheinen auf den gleichen Gedanken gekommen zu sein. Der Mann vor uns hatte seinen Einkaufswagen voll mit Wasserflaschen“, erzählte ein Kunde in Cheltenham. Kleinere Geschäfte limitierten den Verkauf von Milch auf eine Pint-Flasche pro Person und waren trotzdem in kürzester Zeit ausverkauft. Auch das Stromnetz brach vielerorts zusammen. Rettungsdienste versuchten am Montag fieberhaft zu verhindern, dass eine halbe Million Menschen von der Elektrizitätsversorgung abgeschnitten wird. Die ersten Flutopfer besichtigten am Montag entsetzt ihre Häuser. Die Versicherungswirtschaft schätzt den Schaden beider Fluten auf mindestens drei Milliarden Euro. Viele Opfer haben jedoch keinen Versicherungsschutz.

          Auf den Armen in die nächste Stadt getragen

          In den Zeitungen und im Rundfunk ist von einer überwältigenden Hilfsbereitschaft die Rede. Berichtet wurde etwa von einem Mann, der eine weinende Rentnerin an einer Bushaltestelle antraf. Sie wartete auf den Bus, der an diesem Tag gewiss nicht mehr gekommen wäre. Kurzerhand habe der Mann die Frau samt ihren Einkäufen auf den Armen in die nächste Stadt getragen. In Gloucester rettete ein Mann einen Autofahrer durch das Schiebedach seines in den Fluten steckengebliebenen Fahrzeugs. „Der Mann stand offensichtlich unter Schock. Er war um nichts so sehr besorgt wie um seine Zigaretten, die er hoch über den Kopf hielt.“ Allerdings machen auch Warnungen die Runde, dass sich nicht alle so vorbildlich verhielten. Neugierige behinderten die Rettungsarbeiten. Diebe machten sich offensichtlich schon an liegengebliebenen Fahrzeugen zu schaffen.

          Premierminister Gordon Brown flog am Montag mit dem Hubschrauber in die Flutgebiete. Er versprach Unterstützung bei den Rettungsarbeiten. Von vielen Seiten wurde Kritik laut, dass die Regierung unvorbereitet gewesen sei und zu spät auf die Überflutungen reagiert habe. Der Wetterdienst hatte schon am vergangenen Mittwoch wolkenbruchartige Regenfälle für den Freitag und das Wochenende angekündigt. Die Umweltbehörde prognostizierte weitere Überflutungen in Folge des Klimawandels.

          Erst mal was trinken

          In einigen Orten indes bewiesen die Briten wieder einmal eine erstaunliche Gelassenheit in Katastrophensituationen. Im einem Pub in Upton upon Severn saßen die Angestellten auf Barhockern vor dem Lokal, weil innen alles überflutet war, und tranken aus dem Keller geretteten Sekt. „Was soll man machen? Man kann entweder weinen oder das Spektakel genießen“, sagte der Pächter Jonathan Butler. „Wir sind erst im September hierher gekommen, haben 200.000 Pfund (300.000 Euro) in die Renovierung des Pubs gesteckt und haben keine Versicherung. Ich kann es einfach nicht fassen. Daher trinken wir jetzt erst mal was und kümmern uns später um alles andere.“

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