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Flutkatastrophe : Hört auf die Tiere!

  • -Aktualisiert am

Viele Tiere hat ihr Instinkt gerettet Bild: AP

Es war nicht einmal notwendig, einen siebten Sinn zu haben, um gewarnt zu sein. Vor der Katastrophe gab es mehr Hinweise und damit Möglichkeiten, sie zu verhindern, als zunächst bekannt. Wer hat versagt?

          3 Min.

          Sarmao Kathalay hat es gewußt. Er hat seine 180 Schutzbefohlenen im Tempel War Samakkitham auf einen nahen Berg in Sicherheit gebracht, bevor die Welle zuschlug. Der Stammesführer der Morgan-Seezigeuner, die auf der thailändischen Insel Koh Surin Tai vor Phuket leben, vermochte die Zeichen zu lesen, welche ihm die See am Morgen des zweiten Weihnachtstages gab: "Die Alten unter uns wissen: Wenn die See sich schnell zurückzieht, kommt sie mit voller Wucht wieder", sagt der 65 Jahre alte Mann.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          An diesem Morgen, so berichten Phuket-Urlauber, zog sich das Meer fast einen Kilometer zurück. Doch viele von ihnen zückten die Kamera, einige folgten der See sogar weiter den Strand hinab - in den sicheren Tod.

          Warnung in den Tiefen des Internets

          Was die Seenomaden aus Erfahrung wußten, sagte den Wildtieren ihr Instinkt: Aus praktisch allen betroffenen Gebieten wird berichtet, die Tiere seien der Katastrophe meist entkommen. In Sri Lanka sollen sich Elefanten, Leoparden und andere Tiere im überspülten Nationalpark Yala rechtzeitig vor der Welle auf Hügel zurückgezogen und so überlebt haben.

          Doch war es nicht einmal notwendig, einen siebten Sinn zu haben, um gewarnt zu sein. Vor der Katastrophe gab es mehr Hinweise und damit Möglichkeiten, sie zu verhindern, als zunächst bekannt. Der offensichtlichste: Der Geologische Dienst Amerikas (U.S. Geological Survey) warnte auf seiner Internetseite schon Minuten nach dem Beben vor der Entstehung eines "Tsunami im Erdbebengebiet", allerdings in den Tiefen des Internets versteckt und erst hinter der Entwarnung für die Pazifikregion. Im amerikanischen Kongreß laufen nun Vorbereitungen, ein mögliches Versagen der Behörde für Meeres- und Atmosphärenforschung (NOAA) zu untersuchen.

          Sie konnten sich zu keiner Warnung durchringen

          Eine Sprecherin der republikanischen Senatorin Olympia Snowe, die jenem Ausschuß vorsitzt, der die Aufsicht über die NOAA hat, sagte, man prüfe, warum die Behörde nicht in der Lage gewesen sei, "wertvolle, lebensrettende Informationen" über die Flutwelle an die elf betroffenen Länder weiterzugeben. Die NOAA teilte mit, sie habe 16 Minuten nach dem Empfang von Informationen über das Seebeben Warnungen vor einer möglichen Flutwelle an die Länder herausgegeben, die dem Warnsystem für den Pazifischen Ozean angeschlossen seien. Da Indien, Sri Lanka und die Malediven nicht dazugehörten, sei das entsprechende Bulletin jedoch nicht an diese Länder versandt worden.

          Auch in Thailand diskutierten führende Meteorologen schon um kurz nach 8 Uhr am Morgen - die Welle erreichte Phuket um kurz vor 10 Uhr -, ob nicht aufgrund des Erdbebens tödliche Wellen entstehen könnten. Sie konnten sich indes zu keiner Warnung durchringen - offenbar aus Sorge vor einer Panik unter der Bevölkerung und aus Rücksicht auf die Tourismusindustrie. "Vor fünf Jahren gaben wir nach einem Erdbeben in Papua-Neuguinea eine solche Warnung heraus, aber die Tourismusbehörde beschwerte sich, das schade dem Fremdenverkehr", läßt sich die Seismologin Sumalee Prachub in Bangkok zitieren.

          Fax an den ehemaligen Minister

          In Indien geraten die Beamten ebenfalls in Erklärungsnot: Der Seismologe Arun Bapat sagte, er habe seit Jahrzehnten vor Tsunamis gewarnt, doch sei nicht auf ihn gehört worden: "In den vergangenen einhundert Jahren gab es vier Tsunamis in Indien, und jeder weiß, daß ein Erdbeben dieser Größenordnung einen Tsunami hervorbringt."

          Indische Zeitungen merkten unterdessen an, die Luftwaffe habe mehr als eine Stunde bevor die Welle auf die indische Festlandküste schlug, gewußt, daß ihr Stützpunkt auf den östlicher liegenden Nikobaren überflutet worden sei. Zudem wird berichtet, der Meteorologische Dienst des Landes habe innerhalb von Minuten das Erdbeben registriert. Ein Fax mit einer Warnung indes sei an diesem Sonntag erst zweieinhalb Stunden später an den Minister für Wissenschaften und Technologie gegangen - aber leider an den Vorgänger des seit dem Regierungswechsel im Sommer amtierenden Ministers.

          „Ein Land, das führend bei den Call-Centern der Erde ist, schafft es nicht einmal, in einem solchen Fall Telefone einzusetzen", äußert ein Kommentator bitter. Dabei scheint Indien doppelt Pech zu haben: Zum einen gibt es entlang der betroffenen Küste ein gut ausgebautes Taifun-Warnsystem, was aber in diesem Fall nicht greifen konnte. Zum anderen gaben die Behörden am Donnerstag eine Warnung vor einem neuen Tsunami heraus - doch war das ein falscher Alarm, der zur Panik führte.

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