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Flut in Großbritannien : Hochwasser macht Politik

Evakuierung in Datchet, die Themse schwillt weiter an. Bild: AP

Land unter in England: Während die Städte evakuiert werden, schieben sich Politiker und Katastrophenschützer gegenseitig die Schuld an falsch koordinierter Hilfeleistung zu.

          3 Min.

          Es hat eine Weile gedauert, aber nun sehen die Briten ihren Premierminister endlich am Ort des Wettergeschehens, am Dienstag sogar mit signalfarbener Schutzweste und einem schmucken blauen Helm. Im Hintergrund reparierten Arbeiter einen überfluteten Bahndamm, und David Cameron stimmte die Bevölkerung auf eine wochenlange Naturkrise ein, für deren Bewältigung die Regierung alle nötige Hilfe bereitstellen werde. Sein Hauptappell richtete sich an die eigene Mannschaft: „Jeder sollte sich jetzt auf seine wichtige Aufgabe konzentrieren.“

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Das konnte nur als Rüffel verstanden werden, denn einen Gutteil ihrer Arbeitszeit verbrachten Kabinettsmitglieder und Katastrophenschützer in den vergangenen Tagen und Wochen mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. Im Mittelpunkt der Kritik steht der Leiter der staatlichen Umweltbehörde, Lord Smith, der nicht nur erstaunlich lange wartete, bis er den Krisengebieten seinen ersten Besuch abstattete, sondern zuweilen das Gespür für das rechte Wort zur rechten Zeit vermissen lässt. Da er außerdem der Labour Party angehört und überdies der Vorwahlkampf im Königreich begonnen hat, ist die Versuchung groß, die Fluten zu politisieren.

          Eine Familie in Wraysbury, westliche von London, muss ihr Haus wegen der Flut verlassen. Bilderstrecke

          Die schärfste Attacke ritt bislang der konservative „Minister für die Kommunen“, Eric Pickles. Am Wochenende entschuldigte er sich in einem Interview für die Fehler, die der Regierung bei der Katastrophenhilfe unterlaufen seien, um gehässig anzufügen: „Wir haben uns zu sehr auf den Rat der Umweltbehörde verlassen – wir dachten, wir hätten es mit Experten zu tun.“ Das konnte Smith natürlich schlecht auf sich sitzen lassen, und so schoss er gleich mit einem Doppelgeschütz zurück. „Wenn ich jemanden das Fachwissen meiner Mitarbeiter kritisieren höre, die hundert mal mehr von Flut-Management verstehen als jeder Politiker, kann ich das nicht ruhig übergehen“, sagte er. Sollte es tatsächlich an geeigneten Schutzmaßnahmen fehlen, dann liege dies an den Budgetvorgaben aus dem Schatzkanzleramt.

          Nicht nur Pickles, der den zuständigen Umweltminister derzeit aus Krankheitsgründen vertritt, legt dem Behördenleiter den Rücktritt nahe. Auch in Interviews wird der Lord nun regelmäßig gefragt, ob er im Amt bleiben wolle. Eine kalte Dusche verpasste ihm am Dienstag Verteidigungsminister Philip Hammond, der den Einsatz der Armee in den Überschwemmungsgebieten koordiniert. Auf die Frage, ob er Lord Smith unterstütze oder nicht, sagte er in der BBC: „Politiker lassen sich nicht auf Ja-Nein-Fragen ein.“

          Miliband in wetterfester Kleidung in Berkshire

          Naturereignisse und die Reaktionen darauf haben schon so manche politische Landschaft verändert, weshalb die Nervosität in Downing Street 10 zu steigen beginnt. Dass das „politische Fußballspiel“ (Smith) gerade erst begonnen hat, dokumentierte am Dienstag Ed Miliband, der Vorsitzende der Labour Party. In wetterfester Kleidung präsentierte er sich in Berkshire und ließ sich die Flutschäden in Purley on Thames zeigen. „Unwürdig“ sei es, sagte er mit sorgenvoll gefalteter Stirn, wenn man in Zeiten der nationalen Krise mit dem Finger auf andere zeige – und brachte seinen eigenen in Anschlag. Er nannte die Überschwemmungen einen „Weckruf für die Regierung“ und verlangte, dass der Katastrophenschutz keinesfalls Sparzwängen zum Opfer fallen dürfe. Ganz beiläufig spannte er so den Bogen zur Unterhauswahl im Frühjahr 2015, wenn die rigide Haushaltspolitik der konservativ-liberalen Regierung zur Abstimmung steht.

          Wie gut derlei Instrumentalisierungen bei den Betroffenen ankommen, ist fraglich. Hunderte mussten schon ihre Häuser verlassen. Pessimisten fürchten, dasselbe Schicksal könnte in den kommenden Tagen, womöglich Wochen mehrere Tausend treffen. Die Sturmwarnungen reißen nicht ab, und die Themse schwillt westlich von London weiter an. Vom „extremsten Wetter, das wir je gesehen haben“ spricht die Umweltbehörde inzwischen. Mit dem Begriff vom „Jahrhunderthochwasser“ wird noch sparsam umgegangen – mit ihm waren die Überschwemmungen vom vergangenen Winter versehen worden.

          Cameron ist offenkundig bemüht, den Eindruck wetterpolitischer Rankünen zu verscheuchen. Aber ein klares Bekenntnis zu Lord Smith ist auch ihm nicht zu entlocken. Kenner von Downing Street 10 wollen wissen, dass die Entscheidung gegen Smith schon gefallen ist – angeblich soll er gehen, sobald sich die Wetterlage beruhigt hat. Womöglich bedarf es dafür nicht einmal eines Rausschmisses: Smith' Vertrag läuft im Juli aus, und bis dahin könnte der Regen aufgehört haben.

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