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Flugzeugkatastrophe in Moskau : „Ich habe Passagiere hinausgeschubst. Ich habe sie am Kragen gepackt“

Das russische Passagierflugzeug vom Typ Suchoi Superjet-100 brennt bei seiner Notlandung auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo. Bild: dpa

Das Modell SSJ-100 des russischen Flugzeugherstellers Sukhoi hat keinen guten Ruf – und das nicht erst seit dem Unglück in Moskau.

          Videoaufnahmen künden vom Grauen an Bord des Sukhoi Superjets-100, in dem am Sonntagabend am Moskauer Flughafen Scheremetjewo 41 Menschen ums Leben gekommen sind. Es ist zu sehen, wie das Flugzeug landet, ohne Erfolg, aufprallt, wieder aufsetzt, ein Triebwerk fängt Feuer. Andere Aufnahmen zeigen, wie Menschen das Flugzeug über eine Rutsche im Vorderteil verlassen und davonrennen. Es gibt auch Bilder aus dem Inneren: Man sieht Flammen vor dem Fenster, hört Schreie, einen Mann, der ruft: „Alle zum Ausgang!“ 37 Personen, unter ihnen die beiden Piloten und zwei weitere Besatzungsmitglieder, gelang die Flucht nach draußen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Um 18.03 Uhr war Flug SU-1492 der staatlichen Fluggesellschaft Aeroflot abgehoben. Um 18.25 Uhr informierte die Besatzung über eine Notsituation, da war das Flugzeug auf 3600 Meter Höhe. Fünf Minuten später und angeblich erst im zweiten Anlauf erfolgte die Notlandung in Scheremetjewo. Ein „technischer Defekt“ soll die Ursache für die erzwungene Rückkehr gewesen sein. Worin dieser bestand, war zunächst unklar und wird noch untersucht. Einer der beiden Piloten wurde mit der Aussage zitiert, durch einen Blitzeinschlag kurz nach dem Start sei die Verbindung zur Flugkontrolle verlorengegangen. Bald darauf seien auch Notfrequenzen ausgefallen.

          Aeroflot lobt schnelle Rettung von Überlebenden

          Immer wieder werden Flugzeuge von Blitzen getroffen, normalerweise hat das laut Fachleuten aber keine schwerwiegenden Folgen. Flugzeuge bilden einen Faradayschen Käfig wie auch Autos. Und alle elektronischen Systeme an Bord sind darauf ausgelegt, den „elektromagnetischen Impuls“ durch einen Blitz unbeschadet zu überstehen. Auch warum das russische Flugzeug mit vollen Tanks und damit mit Übergewicht landete, blieb unklar. Wahrscheinlich wurde dabei ein Tank durch weggeschleuderte Teile des Fahrgestells beschädigt und so das tödliche Feuer ausgelöst.

          Aeroflot lobte, dass die Rettung der Insassen nur 55 Sekunden gedauert habe, schneller als im Reglement vorgesehen. Laut der Zeitung „Kommersant“ gelang es der Mehrheit der Geretteten, ihre persönlichen Gegenstände mitzunehmen. Eine Stewardess sagte dem Newsportal Lenta.ru, auf dem Weg zum Ausgang hätten Passagiere Verwandte angerufen. „Ich habe Passagiere hinausgeschubst. Ich habe sie am Kragen gepackt, damit sie die Evakuierung nicht verzögern.“

          Das Modell SSJ-100 wird von der Aktiengesellschaft „Sukhoi Civil Aircraft Company“ in Komsomolsk am Amur produziert. Das Unglücksflugzeug wurde laut „Kommersant“ im September 2017 Aeroflot übergeben und zuletzt im April gewartet. Es gab demnach aber schon einmal einen Zwischenfall: Im Januar 2018 hätten beim Landevorgang die Klappen unter den Tragflächen nicht funktioniert, die Landung sei aber geglückt. Insgesamt hat der SSJ-100 keinen guten Ruf. Berichtet wurde über mehrere Zwischenfälle, als problematisch gelten besonders die Triebwerke und die lange Lieferzeit für Ersatzteile.

          Der Vorfall vom Sonntag ist der zweite mit Todesopfern: Bei einem Demonstrationsflug in Indonesien waren vor sieben Jahren alle 45 Menschen an Bord umgekommen. Das Flugzeug war, offiziell nach Piloten- und Lotsenfehlern, an einem Berg zerschellt.

          Nur 139 SSJ-100 sind überhaupt in Benutzung: 106 in Russland, davon einschließlich des nun verunglückten Flugzeugs 50 bei Aeroflot, 33 im Ausland. Der SSJ-100 war nach Medienberichten für den Export konzipiert, erwies sich aber als nicht konkurrenzfähig gegenüber Boeing und Airbus.

          Im Februar 2018 hatte das russische Newsportal „The Insider“ einen Aeroflot-Piloten zitiert, der sich über die mangelnde Qualität des SSJ-100 beschwerte. Allerdings werde das Flugzeug Aeroflot aufgezwungen, denn das Projekt „gehöre“ Präsident Wladimir Putin. Tatsächlich war die Entwicklung eine Prestigeangelegenheit, in die viel Staatsgeld floss. Ebenfalls im Februar 2018 hatte der einzige westeuropäische Abnehmer, CityJet aus Irland, sieben (angeblich mit russischem Staatsbankgeld) geleaste SSJ-100 zurückgegeben. Laut der Zeitung „Wedomosti“ erfolgte das aufgrund sehr langer Wartezeiten auf Ersatzteile.

          Am Flughafen Scheremetjewo wurden am Sonntag viele Flüge verzögert oder umgeleitet. Viele Passagiere sahen das Geschehen auf der Rollbahn entsetzt mit an. In Murmansk wurde eine dreitägige Trauer ausgerufen.

          Die Behörden versprachen Entschädigung – für die Hinterbliebenen in Höhe von gut 13.700 Euro, für die angeblich fünf Verletzten in Höhe von gut 6850 Euro. Das Ermittlungskomitee leitete ein Strafverfahren ein. Für Aeroflot ist es das erste Unglück mit Toten seit 2008, als eine Boeing 737 in Perm abstürzte, wobei 88 Menschen ums Leben kamen. Allerdings kam es in Russland in den vergangenen Jahren zu mehreren schweren Flugzeugunglücken.

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