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Flugzeugabsturz in Iran : Streit um die Blackboxen

  • Aktualisiert am

Rettungskräfte am Ort des Absturzes der ukrainischen Passagiermaschine nahe Teheran Bild: AFP

Kurz nach dem Start stürzt in der Nähe von Teheran ein Passagierflugzeug der Ukraine International Airlines ab. Die Blackboxen wurden nun gefunden – doch über die Auswertung gibt es Streit. Das Auswärtige Amt geht nicht davon aus, dass Deutsche ums Leben gekommen sind.

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          Iranische Experten der Luftfahrtbehörde untersuchen die zwei Blackboxen der ukrainischen Passagiermaschine, die am Mittwoch in der Nähe Teherans abgestürzt ist. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Isna wurden die beiden Blackboxen gefunden. Außerdem bestätigte die Staatsanwaltschaft in Teheran, dass die Überreste der 176 Passagiere zur Identifikation in der Gerichtsmedizin seien. Einem Bericht der iranischen Nachrichtenagentur Mehr zufolge will die iranische Luftfahrtbehörde die Blackboxen allerdings „nicht dem Hersteller und den Vereinigten Staaten“ übergeben. Nach Auffassung des zivilen Luftfahrtamts in Iran sollen die Blackboxen in dem Land ausgewertet werden, wo der Absturz sich ereignete. Iran beruft sich dabei auf die internationale Zivilluftfahrtorganisation. Nach Angaben iranischer Nachrichtenagenturen würden ukrainische Ermittler an der Untersuchung teilnehmen können – eine Einbeziehung amerikanischer Ermittler sei demnach nicht vorgesehen, auch wenn der Hersteller des Flugzeugs aus Amerika stamme.

          Nach iranischen Angaben habe der Pilot vor dem Absturz keine Probleme an die Flugverkehrskontrolle kommuniziert. Zugleich sagte der Chef der iranischen Luftfahrtbehörde, dass die Ermittlungen noch zu weit am Anfang stünden, um die genaue Ursache des Absturzes zu benennen. Das Auswärtige Amt bestätigte die Angaben über deutsche Staatsbürger unter den Opfern zunächst nicht. Möglicherweise waren es Personen mit Wohnsitz in Deutschland. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur in Berlin handelt es sich um Personen, die in Deutschland als Schutzsuchende registriert waren. Zuvor hatte der ukrainische Außenminister von drei Toten aus Deutschland gesprochen.

          Die Blackbox eines Flugzeugs besteht aus einem Flugdatenschreiber und einem Stimmaufzeichnungsgerät. Der erste Teil zeichnet Informationen wie Flugstrecke, Flughöhen, Geschwindigkeit und die Lage des Flugzeugs auf. Anhand der Daten lässt sich auch nachvollziehen, wann die Piloten welche Steuerungsbefehle gegeben haben. Der zweite Teil nimmt die Gespräche im Cockpit auf. Im Fall eines Unglücks helfen die Informationen dabei, den Unfallhergang aufzuklären. Damit die Blackbox einen Absturz übersteht, ist sie extrem widerstandsfähig konstruiert und im Heck des Flugzeugs untergebracht.

          Die Passagiermaschine der Fluggesellschaft Ukraine International Airlines mit der Flugnummer PS752 war am Mittwochmorgen um fünf Uhr morgens in der Nähe des Imam-Chomeini-Flughafens der iranischen Hauptstadt Teheran abgestürzt. Die Maschine vom Typ Boeing 737-800, die auf dem Weg nach Kiew war, hatte der Airline zufolge nach dem Start bereits eine Höhe von 2400 Metern erreicht, bevor es nur wenige Minuten nach dem Start zum Absturz kam. Dabei sind nach Angaben der Ukraine 176 Menschen ums Leben gekommen. Bei den Opfern soll es sich um 167 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder handeln.

          737-800 ein bewährter Mittelstreckenjet

          Die etwa vier Jahre alte Maschine des Typs Boeing 737-800 sei zuletzt vor zwei Tagen technisch überprüft worden. Die 1992 gegründete größte ukrainische Airline verfügt nach eigenen Angaben über 42 Flugzeuge und hat wöchentlich rund 1100 Flüge in insgesamt 38 Länder. Hauptaktionär ist der Oligarch Igor Kolomoiski. Für die Fluggesellschaft ist es der erste Absturz einer Passagiermaschine. Die Fluggesellschaft stellte bis auf weiteres alle Flüge nach Teheran ein.

          Boeing reagierte kurz nach dem Absturz mit einem Tweet: „Uns sind die Medienberichte aus Iran bekannt und wir tragen gerade mehr Informationen zusammen.“ Bei dem abgestürzten Flugzeug handelt es sich offenbar um das Modell 737-800, das eine Variante des Krisenmodells 737 Max ist. Letzteres wurde nach zwei Abstürzen vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Die 737-800 war davon aber nicht betroffen. Der Flugzeugtyp gilt als bewährter Mittelstreckenjet.

          Über die Absturzursache herrscht Unklarheit. Die iranische Luftfahrtbehörde sprach einem Bericht des iranischen Nachrichtensenders Chabar zufolge kurz nach dem Absturz von einem technischen Defekt, ließ aber offen, wie sie zu diesem Rückschluss kam. Der Chef der iranischen Rettungskräfte sagte, dass die Maschine in Brand geraten sei. Die Botschaft der Ukraine in Iran schloss „Terrorismus“ als Grund für den Crash aus. Ob ein Zusammenhang des Absturzes der ukrainischen Maschine mit der militärischen Eskalation des Konflikts zwischen Iran und den Vereinigten Staaten besteht, war zunächst völlig unklar. In der Nacht hatte Iran zwei Militärbasen im Irak mit Raketen angegriffen, darunter den Luftwaffenstützpunkt Ain al Assad und die amerikanische Basis von Arbil.

          Nach Angaben der ukrainischen Regierung waren drei Deutsche an Bord. Das Auswärtige Amt konnte dies noch nicht bestätigen, sondern wartet auf weitere Informationen über die Identität der Verunglückten. 82 Insassen stammen laut der ukrainischen Regierung aus Iran, 63 aus Kanada, zehn aus Schweden, wie die ukrainische Regierung auf Grundlage vorläufiger Zahlen mitteilte. Zwei weitere Passagiere sowie die aus neun Personen bestehende Crew kommen aus der Ukraine. Vier weitere Insassen sind aus Afghanistan und drei aus Großbritannien. Die Ukraine will in Iran eigene Ermittlungen einleiten und dafür eine Untersuchungskommission einsetzen, der Vertreter der staatlichen Ermittlungsbehörden und Experten für zivile Luftfahrt angehören sollen.

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