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Flughafen Paris : Nach dem Einsturz droht der Abriß des Unglücksterminals

Der eingestürzte Teil des Terminals in Roissy Bild: AP

Der kühne Bau aus Glas und Stahl sollte die Zukunft des Pariser Flughafens sichern. Nach seinem Teileinsturz, der vier Menschenleben forderte, droht dem Geschäftsmodell des Flughafens der Kollaps.

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          Der kühne zylinderförmige Bau aus Glas und Stahl sollte das futuristische Schaufenster des Pariser Flughafens sein - jetzt droht dem erst vor knapp einem Jahr eingeweihten Terminal 2E womöglich der Abriß. "Wenn die Stützringe, die das Terminal halten sollen, nicht mehr repariert werden können, dann werden wir alles bis auf den Boden abreißen", sagte Pierre Graff, der Direktor der Flughafenbetreibergesellschaft ADP ("Aeroports de Paris"). Damit wäre Frankreich auch genau jenes Terminal los, das bislang als einziges dem neuen Riesen-Airbus A380 gewachsen gewesen wäre.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Seit ein Teil des Dachs der Wartehalle - immerhin 20 Meter breit und 30 Meter lang - am Sonntag morgen einstürzte und vier Menschen unter sich begrub, liegt auch die Geschäftsstrategie der Flughafengesellschaft in Trümmern. Das wurde erst recht deutlich, als am Montag wegen Anzeichen für akute Einsturzgefahr das gesamte 700 Meter lange Terminal vollständig geräumt wurde. Nach Angaben von Flughafenmitarbeitern hatten Zeugen in dem Gebäude knirschende Geräusche gehört.

          Das "technische Meisterwerk", wie das Terminal bei seiner Eröffnung gefeiert worden war, sollte das Image der französischen Luftfahrt in der Welt nach dem Concorde-Crash aufpolieren. Hauptnutzer Air France wollte damit zudem die "Drehscheibe Paris Charles de Gaulle" gegenüber der Konkurrenz stärken. Sechs Millionen der insgesamt 48 Millionen Flughafennutzer sollten jährlich durch das Terminal 2E geschleust werden, beim Bauende 2007 sollte die Zahl auf neun Millionen angestiegen seien. So hatten es die Pläne der Flughafengesellschaft vorgesehen, die während der Bauzeit von 1999 bis Juni 2003 insgesamt 750 Millionen Euro in den Bau gesteckt hat. Doch jetzt kommen erst mal keine Fluggäste mehr, sondern die Ermittler der staatlichen Justizbehörden.

          Neben den Stuhlreihen für wartende Passagiere brach die Decke am Sonntag ein

          Zu Pfusch verleitet?

          Noch ist vollkommen unklar, warum das Dach plötzlich zusammenbrach. Der für den Bau verantwortliche Architekt, der Franzose Paul Andreu, flog aus Peking ein, um seiner Fassungslosigkeit vor dem Trümmerfeld Ausdruck zu verleihen. Der Nachrichtenagentur AFP sagte Andreu, er sei von dem Unfall "erschüttert". Zugleich verwies Andreu, der in der chinesischen Hauptstadt derzeit ein großes Nationaltheater errichtet, darauf, daß für Terminal 2E gängige Baumaterialien wie Beton, Stahl und Glas verwendet wurden. Die Konstruktion des Terminals sei "kühn". Er verfüge jedoch über keinen Hinweis, der eine Vermutung über die Ursache des Unglücks zulasse. ADP-Chef Graff sagte: "Die besten Fachleute sind vor Ort. Sie sind ratlos."

          Vertreter der Gewerkschaften, die aufgrund der Privatisierung bei ADP und bei Air France um ihre letzten Pfründe bei den einst staatlichen Unternehmen fürchten, haben die Spekulationen über die Einsturzursache angeheizt. Mehreren Zeitungen wurden Informationen zugespielt, in der die auf schnellen Profit gerichtete Strategie der Betreibergesellschaft und der Air France angeprangert werden. Das Terminal sei unter unglaublichem Zeitdruck errichtet worden, vielleicht habe die "unverantwortliche Fristsetzung" zu Pfusch verleitet. So lauten zumindest die nicht überprüfbaren Gerüchte, die von Gewerkschaftsvertretern in Umlauf gebracht wurden.

          Panne beim letzten Kontrollbesuch

          Auch die Tatsache, daß sich an dem Terminalbau etwa 400 Unternehmen beteiligten, gilt als verdächtig. Die große Zahl der Zulieferbetriebe habe die Verantwortlichkeit verwischt, hieß es. Unbestritten ist, daß der Bau des Terminal 2E erheblich schneller und etwa 20 Prozent kostengünstiger als das Vorgängerterminal 2F vonstatten ging. Trotzdem waren zum Schluß Sonderprämien und Nacht- und Feiertagsschichten notwendig geworden, um den Bau zu vollenden. Die Eröffnung, die für den 17. Juni 2003 angesetzt worden war, mußte kurzfristig verschoben werden auf den 25. Juni 2003.

          Die Erklärung, die ADP für die Verzögerung lieferte, war abenteuerlich. Die Sicherheitskommission habe ihr grünes Licht nicht rechtzeitig erteilen können, weil die staatliche Post streikte, teilte ADP mit. Die Sicherheitskommission habe daher die Pläne mit den technischen Angaben nicht rechtzeitig erhalten. Journalisten wollten hingegen herausbekommen haben, daß es beim letzten Kontrollbesuch der Sicherheitskommission zu einigen Zwischenfällen kam. Als die Mitglieder der staatlichen Kontrollkommission zur Abnahmevisite durch das neue Terminal spazierten, stürzte vor ihnen eine Deckenleuchte zu Boden und zersprang in tausend Stücke. Die Kommission deckte ebenfalls Mängel an den Feuerschutzvorkehrungen und an den Notausgängen auf. Doch die Flughafengesellschaft weist darauf hin, daß die Struktur der Halle bei den Überprüfungen nie in Zweifel gezogen worden sei.

          Durch das Dach tropfte es durch

          Diese Zweifel scheinen inzwischen angebracht, zumal Flughafenbeschäftigte berichten, daß das Dach bei Regen Feuchtigkeit durchließ. War der Bau, in dem der "Figaro" eine "Kathedrale aus Beton, Stahl und Glas" sah, zu kühn? Die 650 Meter lange Wartehalle führte mit Brücken zu 17 Flugzeug-Andockstationen. Diese mit Glas verkleidete, 70 Meter breite Röhre aus Stahlbeton mußte sich ohne Säulen selbst tragen. Das sieht zwar elegant aus, an der Solidität darf jedoch gezweifelt werden. Die Betonzylinder dehnen sich bei Hitze bis zu acht Zentimeter mehr aus als der Glasmantel. Flexible Aufhängungen und eine besondere Belüftung waren nötig, um diesen Hitzeeffekt abzumindern. Die Untersuchung wird zeigen, ob diese Vorkehrungen ausreichten.

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