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Fischsterben in der Oder : Warnung vor dem Wasser

Auf der Oder: In Widuchowa (Polen) wird der Fluss mithilfe eines flexiblen Damms von toten Fischen gereinigt. Bild: dpa

Feuerwehrleute, Polizisten und Freiwillige haben zuletzt tonnenweise tote Fische aus der Oder geholt. Bundesumweltministerin zeigt sich „sehr betroffen“ – und plant noch am Abend ein Treffen mit ihrer polnischen Amtskollegin.

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          Das Fischsterben in der Oder, die mit ihrem Unterlauf bis zur Ostsee auch die deutsch-polnische Grenze bildet, gibt weiterhin Rätsel auf. Klar ist bisher nur, dass die ersten Alarmsignale seit Ende Juli die polnische, die deutsche und die brandenburgische Regierung mit etwa zehn Tagen Verspätung erreichten. Inzwischen wurden auch aus zwei weiteren Regionen Polens, deren Flüsse nicht in die Oder münden, darunter der Fluss Ner in Mittelpolen, Fischsterben gemeldet.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          An der Oder selbst waren am Wochenende nach Angaben des polnischen Innenministeriums etwa 2000 Polizisten, mehr als 300 Feuerwehrleute sowie zusätzlich Soldaten im Einsatz, um den Fluss zu beobachten und tote Fische zu bergen. Seit Beginn des Fischsterbens sind allein in Polen tonnenweise tote Fische aus dem Fluss geholt worden. Polens Polizei setzte für Hinweise, die zur Ermittlung der Schuldigen führen, eine Belohnung von einer Million Złoty aus (etwa 210.000 Euro). Die Behörden in beiden Ländern empfahlen der Bevölkerung, auf Baden, Angeln und die Entnahme von Wasser aus der Oder zu ver­zichten.

          Die Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) zeigte sich nach einem Besuch am Samstag in Frankfurt an der Oder „sehr betroffen“ von der Umwelt­katastrophe. Sie kündigte eine gemeinsame Expertenbewertung und einen Austausch der Analyseergebnisse beider Länder an. Lemke bemängelte die anfangs fehlende Zusammenarbeit der Behörden. „Die deutsch-polnische Zusammenarbeit hat an dieser Stelle ganz offensichtlich nicht funktioniert“, kritisierte die Ministerin. Sonst hätte Deutschland früher Informationen dazu bekommen.

          Sie habe bereits mit ihrer polnischen Kollegin Anna Moskwa gesprochen und werde dies auch weiterhin tun. Für Sonntagabend war nach Angaben des Bundesumweltministeriums ein Treffen in der grenznahen polnischen Stadt Stettin geplant, an dem neben Lemke und Moskwa auch Polens Infrastrukturminister Andrzej Adamczyk sowie die Umweltminister von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, Axel Vogel (Grüne) und Till Backhaus (SPD), teilnehmen sollten.

          Quecksilber als Ursache ausgeschlossen

          Erst am Dienstag oder Mittwoch vergangener Woche hatte die Verschmutzung die deutsche Grenze erreicht. Am Freitag sagte Umweltminister Vogel, man habe eine Quecksilberbelastung in der Oder festgestellt; die Ursache für das Fischsterben könne jedoch eine Kombination von Faktoren wie Hitze, geringer Wasserführung und Giftstoffen gewesen sein. Es gebe derzeit historische Niedrigwasserstände. Das könne dazu führen, dass jeder Stoff im Wasser in einer höheren Konzentration vorliege.

          Bild: F.A.Z.

          Zugleich hat jedoch die polnische Umweltaufsichtsbehörde mit nach eigenen Angaben „sehr präzisen“ Unter­suchungen über die vergangenen Tage und an mehreren Stromabschnitten Quecksilber als Ursache ausgeschlossen. Ministerin Moskwa sagte am Wochen­ende, die Laborwerte zeigten einen hohen Salzgehalt des Oderwassers an, in diesem Punkt deckten sich deutsche und polnische Untersuchungen. Ein Zusammenhang mit dem Fischsterben sei denkbar, ebenso „die Aktivierung anderer toxischer Stoffe im Wasser oder am Grund des Flusses“ durch das Salz. Weitere Laboruntersuchungen sollten bald nähere Auskunft geben.

          Spät, aber heftig hatte Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki, dessen Heimatstadt Breslau an der Oder liegt, auf das verzögerte Handeln der Behörden reagiert. Die Vergiftung des Flusses sei binnen weniger Stunden zum wichtigsten Thema der öffentlichen Debatte geworden. Das Ausmaß der Verschmutzung sei „sehr groß, groß genug, um sagen zu können, dass die Oder Jahre brauchen wird, um zu ihrem Naturzustand zurückzufinden“, sagte Morawiecki.

          Der Biologe Piotr Skubała von der Schlesischen Universität hält allerdings auch einen Zeitraum von „Jahrzehnten“ für möglich. Der Regierungschef entließ am Freitag den Leiter der polnischen Wasserschutz­behörde, Przemysław Daca, und Michał Mistrzak, den obersten Kontrolleur der Umweltschutzbehörde. Letzterem warf er „zu langsames Handeln“ vor.

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