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Feuer in Notre-Dame : „Je vous salue, Marie“

Menschen beten gemeinsam beim Anblick des Brandes in der Pariser Kathedrale Notre-Dame. Bild: AP

Im Angesicht der brennenden Kathedrale Notre-Dame de Paris vereinen sich die unterschiedlichsten Menschengruppen in der sonst so gegensätzlichen Stadt. Viele Anwohner besinnen sich auf ihre katholischen Wurzeln und singen gemeinsam Marienlieder.

          An diesem Abend und in dieser Nacht ist alles anders in Paris. Es ist fast, als hätte das Feuer, das aus dem Mittelschiff der Kathedrale lodert, und als hätten die Rauchwolken, die hoch über die Île de la Cité steigen, magische Wirkung. Sie vereinen all die Menschen in dieser so gegensätzlichen Stadt: die chinesischen Touristen, die in geschlossener Gruppe auf das schreckliche Schauspiel starren, die Anwohner, die eigentlich zurück auf die Seine-Insel wollen, die Pendler, die über den Quai nach Hause fahren, die Gäste in den Cafés an der Uferstraße, die ihre Hälse recken.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Niemand wird ungeduldig, obwohl es nicht weiter geht mit dem Verkehr, und niemand spricht an diesem Abend laut. Die Menschen stehen nur da und starren vom Quai de l‘Hôtel de Ville hinüber auf die Ostspitze der Insel, wo die Kathedrale Unserer Lieben Frau von Paris brennt, Notre-Dame de Paris. „Terrible“, murmelt eine Frau vor sich hin.

          Der schmale Vierungsturm ist schon gefallen, der Dachstuhl ist weitgehend abgebrannt.Die hohläugige Rosette des Seitenschiffs leuchtet im knalligen Orange des Feuers, das dahinter gerade die Kirche auffrisst. Je dunkler es wird an diesem Frühlingsabend, desto heller leuchtet der Brand.

          Der Kampf gegen das Feuer lohnt sich

          Die Drehleitern der Feuerwehr reichen so hoch, dass der Wasserstrahl aufs Dach geht und gegen die beiden Türme, auf dass wenigstens sie von den Flammen verschont bleiben. Den ganzen Abend und die ganze Nacht über dauert der Kampf. Und er lohnt sich: Die Türme werden nicht erfasst, die Seitenwände der Kathedrale stehen, das Gewölbe hält trotz des brennenden Dachs, wertvolle Reliquien werden gerettet. Niemand wurde nach ersten Angaben verletzt. Und noch am späten Abend ruft Präsident Emmanuel Macron zum Wiederaufbau auf.

          An den Ufern nördlich und südlich der Kathedrale beobachten Zehntausende den heldenhaften Kampf der „pompiers“ noch bis weit nach Mitternacht. Wenn ein Feuerwehrauto aus der abgesperrten Zone kommt, klatschen die Umstehenden laut, und der Applaus bewegt sich mit den Fahrzeugen am Ufer entlang wie eine La-Ola-Welle.

          Pariser besinnen sich auf ihrer katholischen Wurzeln

          Auf der Nordseite der Île Saint-Louis, der kleineren der beiden Seine-Inseln, schauen die Menschen entsetzt auf die Nachbarinsel. Plötzlich singt einer ein Marienlied, und immer mehr Menschen stimmen ein. Und auf dem Pont de Tournelle, der hinüberführt ans südliche Ufer, beten Dutzende laut das französische „Gegrüßet seist Du, Maria“: „Je vous salue Marie, pleine de grâce; Le Seigneur est avec vous.“ Und einige sinken dafür sogar auf die Knie.

          Es ist die rührendste Szene in dieser Nacht, in einem Land, das sich so gern laizistisch gibt: Die leidgeprüfte Stadt besinnt sich auf ihre katholischen Wurzeln. Die Menschen singen im Chor ein Loblied auf die Muttergottes, die Schutzpatronin des Gotteshauses, das vor ihren Augen brennt, und sie beten den Rosenkranz. „Der Herr ist mit Dir“, das wünschen Sie Unserer Lieben Frau von Paris.

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