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Feuer in Behindertenwerkstatt : Eine Schwarzwaldstadt steht unter Schock

  • -Aktualisiert am

Am Tag danach: Ein Polizist fegt an der Behindertenwerkstatt Überreste zusammen. Bild: AFP

Die Opfer des Brandes in der Behindertenwerkstatt sind identifiziert. Ursache für das Feuer war ein Gasofen.

          4 Min.

          Am Mittag fahren die ersten Lastwagen mit Müllcontainern vor. Das Schild mit der Einladung zur Adventsfeier wird weggeräumt. Neben der Papst-Bank haben die Bürger von Titisee-Neustadt sechs rote Grablichter aufgestellt. Die Brandermittler der Freiburger Kriminalpolizei suchen in dem Gebäude akribisch nach Spuren.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          In dem dreigeschossigen Gebäude im Gewerbegebiet des Urlaubsortes im Südschwarzwald mit 11.900 Einwohnern sind am Montag 14 Menschen bei einem Brand ums Leben gekommen. Neun Personen wurden schwer verletzt, fünf leicht. Innerhalb weniger Minuten breitete sich das Feuer in der Behindertenwerkstatt St. Georg aus, die zur Caritas Freiburg gehört. Es gibt keine Statistiken über Brandopfer in Altenheimen oder Behindertenwerkstätten. Aber mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich um die schlimmste Brandkatastrophe in einer solchen Einrichtung seit mindestens 40 Jahren.

          Wer hinter das erst vor sechs Jahren renovierte Werkstattgebäude geht, sieht, dass sich die Flammen im zweiten Stock besonders schnell ausgebreitet haben müssen. An den Fenstersimsen dort sind starke Rußspuren zu sehen. Die Feuerwehr war nach sechs Minuten an dem Gebäude - da hatten einige Anwohner den Rauch aus dem Caritas-Gebäude noch gar nicht gesehen. Die Brandmeldeanlage hatte den Brand gemeldet; die ersten Anwohner-Anrufe gingen zwei Minuten nach dem Eintreffen der erste Einsatzfahrzeuge ein.

          An der Unglücksstelle in Titisee-Neustadt haben Trauernde Grabkerzen für die 14 Verstorbenen aufgestellt.
          An der Unglücksstelle in Titisee-Neustadt haben Trauernde Grabkerzen für die 14 Verstorbenen aufgestellt. : Bild: dapd

          Am Dienstagmorgen sind alle 14 Brandopfer identifiziert. Zehn behinderte Frauen im Alter von 28 bis 68 Jahren sind umgekommen, drei Männer im Alter von 45 bis 68 Jahren und eine 50 Jahre alte Betreuerin der Caritas. Als das Feuer ausbrach, waren 111 Menschen in den Werkstätten. 97 Personen konnten die Feuerwehrleute retten. Von ihnen benötigten nur elf die direkte Hilfe der Feuerwehr, was dafür spricht, dass die Mitarbeiter die Rettungswege schnell finden konnten. Auch die Rollstuhlfahrer konnten über spezielle Rampen schnell ins Freie gelangen. Nicht die Flammen führten bei den 14 Menschen zum Tod, sondern offenbar die giftigen Brandgase und möglicherweise die Explosion einer Propangasflasche. Denn die Ermittler fanden am Dienstagnachmittag einen Gasofen, der Explosion und Brand verursacht haben soll. Nur in der Werkstatt im zweiten Stock, in der aus unerfindlichen Gründen die mobile Gasheizung stand, gab es Tote. Fast alle Opfer hatten noch an ihrem Arbeitsplatz gesessen oder einen ersten Anlauf zur Flucht unternommen und sich nur wenige Meter von ihrer Werkbank entfernt. Die Behinderten und ihre Betreuerin mussten sterben, weil sich das Feuer rasend schnell ausbreitete und sich dichter Rauch entwickelte.

          Der Gasofen gehörte nicht in die Werkstatt

          Weder die Caritas noch die Staatsanwaltschaft können sagen, wie der Gasofen in die Werkstatt kam. „Ein solcher Gasofen gehörte nicht in den Betriebsablauf, dem zuständigen Werkstattleiter hätte das auffallen müssen“, sagt ein Mitarbeiter der Caritas. Für die Werkstatt werde in jedem Jahr eine Gefährdungsanalyse gemacht, einmal im Jahr gibt es mit den Behörden eine Begehung, von einem Gasofen sei in diesem Zusammenhang nie die Rede gewesen. In den Räumen, so der Caritas-Mitarbeiter, habe es eine funktionierende Heizung gegeben, und für die handwerklichen Arbeiten sei auch kein offenes Feuer erforderlich gewesen. „Vielleicht sollte der Gasofen auf dem Weihnachtsmarkt eingesetzt werden. Wir wissen nicht, wie der da hin gekommen ist.“ Oberstaatsanwalt Peter Häberle hat ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Brandstiftung eingeleitet. „Die Ursache des Brandes ist in dem Gasofen zu sehen. Es kam zu einem unkontrollierten Gasaustritt. Wie das genau geschah, wissen wir nicht.“ Anhaltspunkte für eine „vorsätzliche Tatbegehung“ gebe es nicht. Ob die Aufsichtspersonen, weil sie den Gasofen duldeten, gegen Verordnungen oder Brandschutzgesetze verstießen, werde man nun prüfen. Warum die Rauchentwicklung so stark war, warum sich das Feuer trotz funktionierender Entrauchungsanlagen so schnell ausbreiten konnte, ist für die Ermittler noch rätselhaft. Das ausströmende Propangas könnte das Inferno verursacht haben.

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