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F.A.Z.-Korrespondent aus Tokio : „Wegen Energieknappheit geschlossen“

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Bild: Julia Lotz / Andreas Brand, F.A.Z

Carsten Germis ist derzeit für die F.A.Z. in Tokio. In seiner Reportage berichtet er über den ersten Arbeitstag nach dem Erdbeben, über leere Supermärkte, abgeschraubte Neonröhren und eingeschränkten Bahnverkehr. Mit Telefon-Interview.

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          Die Szene im Supermarkt „Samito“ am Bahnhof von Sasazuka ist gespenstisch. Vor den Kassen stehen die Menschen Schlange. Doch kaum jemand hat noch einen vollen Einkaufskorb. Die Regale sind leer. Es gibt kein Brot mehr, keine Milch, keinen Reis, keine Süßwaren. Vereinzelt findet sich noch eine Tütensuppe, auch frisches Gemüse ist noch da. „Gestern haben die Menschen hier alles weggekauft“, berichtet eine Kassiererin. Bis zu drei Stunden mussten die Kunden vor den Kassen warten, so lang waren die Schlangen.

          In der Innenstadt von Tokio, knapp 15 Minuten mit der Bahn von Sasazuka entfernt, sieht es an diesem Montag nicht viel anders aus. „Haben Sie noch Batterien“, fragt eine ältere Frau die Verkäuferin in einem kleinen Supermarkt. Von außen sieht dieser Laden so aus, als seien hier die Regale noch gut gefüllt. Die Verkäuferin verbeugt sich leicht, entschuldigt sich. „Batterien sind leider ausverkauft“. Brot? Auch weg.

          Alles, was sich lagern lässt, auch Batterien für den Fall, dass der Strom ausfällt, ist an diesem ersten Arbeitstag nach dem verheerenden Beben vom Freitagnachmittag kaum zu bekommen. „Ich kann das gar nicht glauben“, sagt Midori Sanka, eine 43 Jahre alte Englischlehrerin, die versucht, noch irgendwo Milch aufzutreiben. Es sind die leeren Supermärkte, die am deutlichsten zeigen, dass von einem normalen Leben in Tokio keine Rede mehr sein kann. Engpässe gibt es auch an den Tankstellen. Die Bewohner der japanischen Hauptstadt befürchten, dass die Situation in der Stadt schlimmer wird. Am Bahnhof Yurakucho ist in einem Durchgang ein Fernseher aufgestellt. Viele Menschen bleiben stehen, verfolgen auf dem Bildschirm, was Kabinetts-Staatssekretär Yukio Edano über die Situation im beschädigten Atomkraftwerk von Fukushima sagt. Eine Frau ergreift die Hand ihrer Freundin. „Warum? Warum?“, fragt sie. Äußerlich läuft das Leben normal ab, es sind die kleinen Zeichen, an denen zu sehen ist, dass alles anders ist als vor dem Beben.

          Tokio spart Strom: Auch viele Reklamewände blieben am Montag dunkel.

          Fast scheint es, als spiele sich das Leben in Zeitlupe ab. Das hektische Gewusel ist verschwunden. Zwar fahren die Nahverkehrszüge und U-Bahnen wieder, aber in viel größeren Abständen als üblich. Einige Verbindungen fallen ganz aus, andere Linien werden für Stunden gestoppt, um Energie zu sparen.

          Die großen Kaufhäuser wie Takashima im noblen Einkaufsviertel Ginza bleiben geschlossen. Auch sie folgen dem Appell der Regierung, Energie zu sparen. Außerdem würden viele der Mitarbeiter es nicht schaffen, pünktlich zur gewohnten Öffnungszeit am Arbeitsplatz zu sein. Viele Unternehmen haben ihre Beschäftigten aufgefordert, erst einmal zu Hause zu bleiben. Andere gehen früher. Wie Ichiro Matsumoto. „Ich komme sonst nicht nach Hause, weil meine Bahn ab 15 Uhr nicht mehr fährt“, sagt er. In einem nahegelegenen Reisebüro bleiben die Türen verschlossen. „Wegen der Energieknappheit bleiben wir geschlossen“, informieren provisorische Papierschilder an den Türen die Passanten.

          Im benachbarten Elektronikmarkt „Big Camera“ ist auch alles anders als sonst. Die große Leinwand, auf der sonst Tag und Nacht Reklame läuft, bleibt schwarz. Hier ist es sonst immer laut. Doch die dröhnende Musik, die Verkäufer, die lautstark Produkte anpreisen, gibt es an diesem Montag nicht. Während das Geschäft ansonsten normal läuft, montieren Techniker von der Deckenbeleuchtung jede zweite Neonröhre ab. Die Disziplin der Tokioer beim Energiesparen hat Erfolg. Die angedrohte Abschaltung von Strom kommt nicht. Staatssekretär Edano bedankt sich dafür bei den Menschen, entschuldigt sich für die „Desorganisation“ und kündigt an, dass Dienstag wieder mehr Züge fahren würden. Dafür gibt es Stromsperren. Im Internet informieren seitenlange Listen, wann in welchem Teil der Strom abgestellt wird.

          Warum nehmen die Menschen all das mit einer solchen scheinbaren Gelassenheit hin? „Ich vertrauen den Verantwortlichen“, erklärt die 21 Jahre alte Studentin Yuri Oiwake. „Die müssen doch wissen, was sie tun.“ Das ist die japanische Einstellung: Oben wird entschieden, was gemacht wird. Und irgendwie wird es schon richtig sein. Entscheidungsprozesse sind hierzulande oft langwierig, niemand sagt dem Gegenüber gern Unangenehmes. Auch deswegen drängt sich dem Beobachter immer stärker der Eindruck auf, dass Krisenmanagement wahrlich nicht die Stärke der Japaner ist. Vor Big Camera haben die Mitarbeiter derweil Verkaufstische aufgebaut. Hier gibt es alles für den Notfall: Gesichtsmasken, Kofferradios, Kekse, Wasser und Taschenlampen. Die Nachfrage ist groß.

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