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Detonationen in Tianjin : „War das eine Atomexplosion oder ein Erdbeben?“

  • -Aktualisiert am

Verwüstung so weit das Auge reicht: Unzählige Autos gerieten durch die Explosion in Brand. Bild: Reuters

Zerberstende Fensterscheiben, zu Boden geworfene Menschen: Gewaltige Explosionen haben die chinesischen Hafenstadt Tianjin erschüttert und mindestens 50 Menschen getötet. Die Regierung müht sich, unabhängige Berichte zu blockieren.

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          Am Tag nach der Katastrophe boten sich in Tianjin apokalyptische Bilder. Kleinere Brände schwelten auf fast ausgebranntem Gelände, schwarze Rauchwolken stiegen weiter aus den zerstörten Lagerhallen auf. Wohnbaracken für Bauarbeiter waren eingestürzt. Ausgebrannte Container und Autos lagen aufeinander. In der Binhai-Industriezone, einem der Vorzeigeprojekte der chinesischen Regierung, bot sich ein Bild der Verwüstung.

          Die Krankenhäuser in Tianjin waren überfordert von der großen Zahl an Verletzten. Bis zum Donnerstagabend waren mindestens 50 Tote zu beklagen, unter ihnen zwölf Feuerwehrleute. Mehr als 700 Menschen wurden verletzt, einige schweben noch in Lebensgefahr. Viele wurden von Scherben oder anderen von der Explosion in die Luft geschleuderten Gegenständen getroffen und verletzt. Trümmer waren selbst weit entfernt in Häuserwände eingeschlagen. Die Druckwelle war kilometerweit zu spüren. Die schwersten Verletzungen trugen nach Angaben der Ärzte Feuerwehrleute davon. Es wird befürchtet, dass die Zahl der Todesopfer noch steigen wird, da noch Feuerwehrleute vermisst werden.

          Explosion in Tianjin : Schlachtfeld in der Hafenstadt

          „Es fühlt sich an wie das Ende der Welt!“ schrieben Anwohner in den sozialen Medien im Internet. Manche fragten sich, ob sie gerade ein Erdbeben oder eine Atomexplosion erlebt hatten. Die Augenzeugen beschrieben eine Nacht des Grauens. Die Explosionen begannen wie mit einem Feuerwerk, dann aber erschien ein riesiger Feuerball und färbte den Nachthimmel glühend orangefarben. Eine hohe pilzförmige Rauchwolke erschien am Himmel. Der Druck warf Menschen um oder aus ihren Betten. Augenzeugen beschrieben, dass Objekte aus Metall vom Himmel fielen. In naheliegenden Hochhäusern wurden alle Fenster zerstört und Türen eingedrückt. Die Druckwelle zweier Explosionen setzte Autos in Brand. Mehr als 2700 Fahrzeuge brannten aus, darunter 1000 neue Fahrzeuge der Marke Renault auf einem Parkplatz.

          Zunächst war ein Feuer in dem Lager für Gefahrgüter des Unternehmens Ruihai Logistic ausgebrochen. Als die Feuerwehr ankam, um zu löschen, ereigneten sich zwei große Explosionen. Das Feuer breitete sich durch die Explosionen nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Xinhua von dem Lager der Ruihai Logistics auch auf benachbarte Lager aus. Der Feuerwehreinsatz musste am Donnerstagmorgen für kurze Zeit ausgesetzt werden, da nicht klar war, welche und wie viele explosive Güter noch in den Hallen waren. Erst am Nachmittag konnten die Behörden vermelden, dass die Brände im Prinzip unter Kontrolle seien. Zusätzlich zu Feuerwehrleuten mit 100 Löschfahrzeugen wurde auch die paramilitärische bewaffnete Polizei in den Einsatz geschickt.

          Zahlreiche Rettungs- und Feuerwehrwagen stehen in der Nähe der Unglücksstelle in der chinesischen Hafenstadt Tianjin Bilderstrecke
          Zahlreiche Rettungs- und Feuerwehrwagen stehen in der Nähe der Unglücksstelle in der chinesischen Hafenstadt Tianjin :

          Nach Angaben der chinesischen Erdbebenbehörde erreichten die zwei aufeinanderfolgenden Explosionen die Magnituden kleinerer Beben der Stärken 2.3 und 2.9. Die erste Detonation erreichte die Stärke von drei Tonnen herkömmlichen Sprengstoffs TNT, während die zweite 21Tonnen TNT entsprach, wie das seismologische Amt meldete. Der Wanderarbeiter Wang Yongyong stand gerade unter der Dusche seiner Unterkunft, als die erste Druckwelle Türen und Fenster eindrückte und ihn drei, vier Meter wegschleuderte. Nur in Unterhose und mit einem Latschen rannte er raus, als die zweite Explosion folgte. „Die zweite Druckwelle war noch viel stärker und die Decke krachte ein“, schilderte Wang Yongyong seine Erlebnisse dem Webportal Sina.

          In den frühen Morgenstunden war die Konzentration von Chemikalien in der Luft so schlimm, dass den Menschen die Augen tränten, wie das Staatsfernsehen berichtete. Feuerwehrleute meldeten, ihnen sei schlecht. Internetnutzer berichteten von der Angst vor giftigen Gasen in der Luft. Das Wetteramt beschwichtigte aber. Der Wind wehe nach Osten und treibe den Rauch aufs Meer hinaus. Ein Sprecher der Umweltbehörde sagte, dass die Giftstoffe in der Luft sich bis zum Donnerstagmorgen schon weit verteilt und verdünnt hätten.

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