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Unwetter-Fachmann im Gespräch : „Die Lage ist weiterhin brisant“

  • -Aktualisiert am

Ein Mann fährt unberechtigt auf dem Trittbrett eines Rettungswagen über eine überflutete Straße. Bild: dpa

Nach den Unwettern der vergangenen Tage sind weitere Gewitter zu befürchten. Wir haben mit einem Meteorologen über die extreme Wettersituation gesprochen.

          Schwere Unwetter haben in Teilen Deutschlands für Chaos gesorgt – nach Stunden des Bangens um die Sicherheit der Liebsten und das eigene Hab und Gut gehen am Mittwoch die Aufräumarbeiten weiter. Starkregen hatte in den Tagen zuvor zahlreiche Straßen, Keller und Gebäude überflutet. Stellenweise fiel so viel Regen wie sonst in einem ganzen Monat. Die Wetterlage scheint zunehmend extremer zu werden. FAZ.NET hat sich mit Andreas Friedrich, Diplommeteorologe und Pressesprecher beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach, über die Wetterkapriolen unterhalten.

          Wie sehen die Wetterprognosen für die nächsten Tage aus? Drohen, wie angekündigt, wieder heftige Gewitter?

          Die Lage ist weiterhin brisant. Wir haben ein Tiefdruckgebiet mit sehr feuchter Luft, das sich kaum vom Fleck bewegt und große Teile Deutschlands beeinflusst – eben auch die mittleren Teile Deutschlands, wie beispielsweise Hessen. Man muss davon ausgehen, dass diese Unwetterlage noch mindestens bis Samstag andauert und es verschiedene Regionen treffen wird. Die einzige Region, die bereits in den letzten Tagen ausgenommen war und wahrscheinlich auch bis zum Wochenende von Unwettern verschont bleibt, ist die unmittelbare Ostseeküste. Dort herrscht, aufgrund der Nähe zu einem Hoch in Skandinavien, trockenere Luft und man hat eher mit Hitze und mit Trockenheit zu kämpfen. Aber der Rest Deutschlands muss sich weiterhin, wie gesagt bis mindestens Samstag, mit einer gefährlichen Unwetterlage auseinandersetzen.

          Wie genau lassen sich die Unwetter vorhersagen?

          Wo diese Unwetter jeden Tag niedergehen, können wir immer erst sehr kurzfristig sagen. Das sind immer sehr kleinräumige und schnelle Entwicklungen, die sich auch mit all unseren großen Computern und Vorhersagemodellen nicht genau prognostizieren lassen. Es gilt also, immer kurzfristig die Warnungen des Deutschen Wetterdienstes zu verfolgen und zu schauen, wo in den nächsten ein, zwei oder drei Stunden die schlimmsten Unwetter auftreten. Aber bis Samstag bleiben wir auf jeden Fall unwetterträchtig.

          Sind dabei Unwetter wie jene zu befürchten, die in den letzten Tagen massive Schäden angerichtet haben?

          Ja, auf jeden Fall.

          Haben wir es in diesen Tagen mit extremen, ungewöhnlichen Wetterlagen zu tun, die über normale Frühsommergewitter hinausgehen?

          Ja, es handelt sich dabei um eine Wetterlage, die sicherlich nicht alltäglich ist. Wir nennen diese auch „Tief Mitteleuropa“. Es ist eine Wetterlage, die in den letzten Jahrzehnten etwas zugenommen hat. Warum das so ist, wissen wir nicht genau – ob das mit Klimaänderungen zu tun hat, lässt sich momentan noch nicht klar wissenschaftlich beweisen. Aber wenn diese Wetterlage auftritt, birgt sie immer wieder die Gefahr, dass es an einzelnen Orten zu extremen Niederschlagsmengen kommt, weil die Luftmassen sich wenig bewegen. Das heißt: die Gewitter, die sich bilden, können sich über einem Ort über Stunden hinweg ausregnen. Wenn die Luft dann sehr feucht ist, und das ist dieses Jahr der Fall, weil diese Luft auch aus dem Mittelmeerraum stammt, regnet sich diese hier in Deutschland an einzelnen Orten ab. Das ist zwar eine außergewöhnliche Wetterlage, aber es ist nicht so, dass etwas Derartiges noch nie da war. Wir hatten vor zwei Jahren, im Frühsommer 2016, eine ganz ähnlich Lage, mit derartigen Unwettern. Man erinnert sich noch an die Orte Simbach und Braunsbach in Bayern und Baden-Württemberg, die vor zwei Jahren ähnlich schlimm getroffen wurden, wie jene Orte, die es in den letzten Tagen getroffen hat.

          Sie haben bereits angesprochen, dass es nicht eindeutig beweisbar ist, dass diese Wetterlagen mit dem Klimawandel zusammenhängen. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass solche Unwetter in den nächsten Jahren noch häufiger werden und dies zumindest mit dem Klimawandel zusammenhängen könnte?

          Könnte, ja. Und die Klimasimulationen zeigen uns tendenziell, dass das Wetter weiter extremer werden soll. Wobei die Tendenz eher hin zur Extreme – also zu stärkeren Ereignissen mit noch größeren Niederschlagssummen, noch stärkeren Tornados, größeren Hagel – geht. Niederschläge und Unwetter werden also nicht unbedingt häufiger. Die Klimasimulationen zeigen uns für die nächsten Jahrzehnte, dass wir mit Hitzewellen über 40 Grad und mit Dürreperioden rechnen müssen, sodass die Niederschlagsmenge in den kommenden Sommern gar nicht mehr werden soll, sondern eher geringer. Aber wenn es schließlich zu Unwetterlagen kommt, können die Ereignisse noch heftiger sein. Also die Tendenz: Stärkere Ereignisse, aber nicht unbedingt häufigere Ereignisse.

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