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Eschede : Die Wunden sind noch nicht vernarbt

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Ein Rad des entgleisten ICE: Symbol für die Fehlbarkeit der Technik Bild: AP

Am 3. Juni jährt sich das ICE-Unglück von Eschede zum zehnten Mal. Überlebende werfen der Bahn vor, sich nie entschuldigt und beim Schmerzensgeld geknausert zu haben. Bei den meisten überwiegt aber die Dankbarkeit für das Überleben.

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          Das Tor zur Gedenkstätte von Eschede trägt die Inschrift „Das Unglück hat die menschliche Zerbrechlichkeit, Vergänglichkeit und Unzulänglichkeit gezeigt“. Blickt man durch den Torbogen hindurch, sieht man am Ende einer steil abwärts führenden, engen Treppe die helle Steinwand mit den Namen der Opfer. Um diese Wand gruppieren sich 101 Kirschbäume. Jeder wurde gepflanzt für eines der Todesopfer beim größten Eisenbahnunglück in der deutschen Geschichte.

          An diesem Dienstag werden Überlebende, Angehörige der Toten und der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff in Eschede der 101 Todesopfer des ICE-Unglücks vor zehn Jahren zunächst in Stille gedenken, bevor Wulff eine Rede hält. Das größte Eisenbahnunglück der deutschen Geschichte ist zum Symbol für die Fehlbarkeit der Technik geworden.

          „Gelebte Mitmenschlichkeit und spontane Solidarität“

          Nicht willkommen bei Gedenkfeier und Gottesdienst sind Repräsentanten der Bahn. Ihr werfen die Überlebenden Versagen vor. Es geht weniger um die als gering empfundenen Entschädigungen als darum, dass man vergeblich auf eine Entschuldigung der Bahn gewartet hat. Immerhin: Zur Unglückszeit um 10.59 Uhr werden Züge umgeleitet oder Eschede nur mit gedrosselter Geschwindigkeit passieren, um die Schweigeminute nicht zu stören – auf dringliche Bitten des Bürgermeisters der Samtgemeinde Eschede.

          Eine Gedenktafel erinnert an das schwerste Unglück eines Hochgeschwindigkeitszuges weltweit

          Eschede sei, sagte Bundespräsident Roman Herzog vor zehn Jahren, nicht nur Ort eines furchtbaren Unglücks, der die Südheide in aller Welt bekannt gemacht habe, sondern stehe auch für „gelebte Mitmenschlichkeit und spontane Solidarität“. Zu den Polizisten, Ärzten, Sanitätern und Pastoren im Rettungseinsatz hatten sich Hunderte Helfer aus der Umgegend gesellt, die das Geschehen seither nicht mehr losgelassen hat, die immer wieder berichten von der schrecklichen Stille nach dem Unglück, von den verkeilten Waggons, den entstellten und zerrissenen Opfern.

          Es hätte noch schlimmer sein können

          An der medizinischen Hochschule im nahen Hannover tagten zum Zeitpunkt der Katastrophe gerade 34 Unfallchirurgen, die sofort zur Unfallstelle eilten. Ihnen und den Einsatzkräften der Bundeswehr fehlten anfangs Beatmungsgeräte, Schmerzmittel und Sauerstoff. Am Ende des Einsatzes hatten die mehr als 1000 Helfer aus den Trümmern des ICE 96 Tote geborgen.

          Fünf Personen starben später im Krankenhaus, 105 waren teils schwer verletzt. Es hätte noch schlimmer kommen können: Meist begegnen sich unter der Brücke zwei ICE auf der Fahrt nach und von Hamburg, an diesem Tag aber war der Zug gen Süden zwei Minuten früher durch. Es dauerte mehrere Tage, bis mit großen Kränen und Bergepanzern die Betonteile der auf den Zug gestürzten Brücke geräumt waren. Das Identifizieren der Todesopfer erforderte noch mehr Zeit.

          Viel gelernt

          Die deutsche Psychotraumatologie hat aus der Betreuung der Opfer von Eschede vieles gelernt, nicht zuletzt, dass auch die Helfer Hilfe brauchen. Eingesetzt wurden die neuen Erkenntnisse dann auch bei dem Amoklauf eines Schülers in Erfurt mit 17 Todesopfern. Traumatologen berichten, nach einer Katastrophe wie in Eschede oder in Erfurt brauchten die Beteiligten mindestens ein Jahr, ihr Leben neu zu ordnen, viele auch weit länger. Sie müssten dafür das Erlebte hundert-, zweihundertmal erzählen. Zum Unglück von Eschede sind fünf Bücher erschienen – von einem Eisenbahnfachmann, einem Pfarrer und einer Journalistin, eine Dokumentation über Einsatznachsorge am Beispiel Eschedes, und „der Weg zurück ins Leben“ von einem Überlebenden.

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