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Erdgas in den Niederlanden : Ein Beben – auch in der Politik

Ein Spalt ist in der Mauer eines Gebäudes in Hunzinge in der Provinz Groningen zu sehen. Bereits im Januar gab es mehrere kleine Erdbeben gegeben, weshalb etwa 3000 Gebäude in der Region neu gefestigt oder sogar komplett abgerissen werden mussten. Bild: dpa

Für die Erschütterungen in den Niederlanden am Mittwochmorgen in der Nähe von Groningen ist offenbar die Erdgasförderung verantwortlich. Sie haben auch zu einer Debatte in der Politik geführt.

          Der Norden der Niederlande kommt nicht zur Ruhe – buchstäblich und politisch. Am Mittwochmorgen bebte in der Provinz Groningen nach längerer Zeit wieder einmal die Erde: Die Erschütterung erreichte den Wert 3,4 und war damit eine der stärksten, die bisher gemessen wurde. Sofort wurden Proteste gegen die Erdgasförderung im Norden wieder laut, die als Ursache der Beben inzwischen amtlich anerkannt ist. Dabei planen die Niederlande ohnehin, mittelfristig aus der Gewinnung ihres wichtigsten Energieträgers für Strom und Wärme auszusteigen.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Epizentrum lag in Westerwijtwerd, etwa 15 Kilometer nordöstlich der Provinzhauptstadt Groningen, wie das Königliche Meteorologische Institut der Niederlande mitteilte. „Das ganze Haus ist geschüttelt worden, alles zitterte“, sagte ein Bewohner des Orts im Fernsehsender RTV Noord und zeigte einen Riss in der Backsteinmauer seines Hauses, der sich neu aufgetan habe. „Um 5.47 Uhr wurde ich mit einem enormen Schlag wach“, berichtete ein anderer Bewohner. „Das Haus bewegte sich auf und ab.“ Auch aus der Stadt Groningen meldeten sich verschreckte Bürger. Berichte über Verletzte gab es zunächst nicht.

          Der niederländische Norden registriert seit den Achtzigern Erdbeben, und zwar immer öfter und heftiger. Im Jahr 2003 gab es das erste Beben mit einer Stärke von mehr als drei auf und 2012 das bislang schwerste mit der Stärke 3,6. Wenn das Erdgas über Bohrungen aus dem Sandstein gezogen wird, kann das Spannungen und Brüche verursachen und in der Folge die Erdbeben. Viele Häuser wurden über die Jahre beschädigt, zentimeterbreite Risse tun sich in den Wänden auf. Die Behörden haben anerkannt, dass die Beben Folge der Erdgasförderung sind.

          Eines der größten Erdgasvorkommen

          Mitte des vergangenen Jahrhunderts war in der Region eines der größten Erdgasvorkommen der Welt entdeckt worden, mehr als 35 mal 25 Kilometer groß und drei Kilometer unter der Oberfläche – vornehmlich zwischen den Städten Groningen und Delfzijl.

          Die große Mehrheit der niederländischen Haushalte bezieht Gas aus dem Groninger Feld. Das Land wurde zu einem der größten Erdgasproduzenten Europas, die Staatskasse hat mit vielen Milliarden Euro davon profitiert. Ins Ausland führten die Niederlande nach Angaben der Statistikbehörde CBS in diesem Jahrtausend (vom Jahr 2000 bis 2018) Erdgas im Wert von 202 Milliarden Euro aus.

          Als Ende der fünfziger Jahre mit der Erschließung begonnen worden sei, habe man das noch großartig gefunden, sagte Ministerpräsident Mark Rutte am Mittwoch. „Groningen: die Energieprovinz“, habe es geheißen. Doch das ist vorbei. „Es ist – eigentlich seit 2010, 2011, 2012 – ein Alptraum“, sagte der Premier von der rechtsliberalen Partei VVD. Dem Provinzchef René Paas sind solche Worte nicht genug. Die Gasförderung müsse so schnell wie möglich zum Ende kommen, sagte der Kommissar des Königs in der Provinz Groningen. Außerdem will er, dass ein Projekt beschleunigt wird, das Häuser widerstandsfähiger gegen die Beben macht. „Die Groninger wollen Resultate sehen, sie wollen ein Sicherheitsgefühl.“

          Als Reaktion auf die Erdbeben beschloss die Regierung schon vor Jahren, die Erdgasförderung mengenmäßig stark zu senken. Dazu riet auch die Bergbauaufsicht. Die Importe übersteigen nach Angaben von CBS inzwischen die Exporte. Im Januar vergangenen Jahres erschütterte ein Beben der Stärke 3,4 – also der selben Stärke wie im jüngsten Fall – den Boden, Epizentrum war der Ort Zeerijp. Wenig später kündigte die Regierung an, die Erdgasförderung bis zum Jahr 2030 einzustellen.

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