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Erdrutsch in Nachterstedt : Senkung durchs Fließen

  • -Aktualisiert am

Nach dem Erdrutsch sind weitere Häuser gefährdet Bild: dpa

Was war die Ursache für den Erdrutsch in Nachterstedt? Längst hat die Suche nach den Ursachen für die Katastrophe begonnen. Vermutlich war fließendes Grundwasser der Auslöser - doch Gewissheit wird man wohl erst nach Monaten haben.

          Was war die Ursache für den Erdrutsch in Nachterstedt? Auf diese Frage suchen nicht nur die Einwohner des sachsen-anhaltischen Ortes eine schnelle Antwort. Doch die wird es nicht geben: Monate werde es dauern, bis man Genaues wisse, sagt der Sprecher der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, die für die Sicherung und Flutung des Concordia-Sees verantwortlich ist. Fachleute müssen Gutachten erstellen und unzählige Möglichkeiten in Betracht ziehen. Doch schon früher gab es ähnliche Fälle von Erdrutschen in alten Braunkohlegebieten. Häufig spielten dort nicht richtig befestigte Böschungen und aufsteigendes Grundwasser eine Rolle.

          Auch der Concordiasee bei Nachterstedt ist ein ehemaliges Bergwerk, ein Tagebau, wie es sie zu Dutzenden in jenen vier Bundesländern gibt, in denen Braunkohle abgebaut wird (siehe Kasten). Doch während noch vor 20 Jahren allein aus den Gruben der ehemaligen DDR jährlich 310 Millionen Tonnen gefördert wurden, werden in den vier großen deutschen Braunkohlerevieren zur Zeit nur noch etwa 175 Tonnen Braunkohle pro Jahr gefördert. Viele ehemalige Tagebaugebiete werden zu Erholungslandschaften umfunktioniert. So sollte es auch in Nachterstedt geschehen, wo kurz nach der Wende der Braunkohle-Abbau eingestellt wurde.

          Bergbau hat lange Tradition

          Dabei hatte der Kohlebergbau in dem zum Mitteldeutschen Revier gehörenden Ort eine lange Tradition. Noch heute heißen die Apotheke und die Schule „Glück auf“. Ein Monolith vor dem Rathaus erinnert an die Anfänge des Abbaus. Schon um 1830 wurden in der Nachbarstadt Aschersleben die ersten Braunkohlevorkommen entdeckt. Zwei Jahrzehnte später wurde unter Nachterstedt ein 24 Meter mächtiges Kohleflöz nachgewiesen, dessen Oberkante bis etwa unter 35 Meter unter die Erdoberfläche reichte. 1856 begann man mit dem Abbau in diesem Flöz, allerdings nicht im Tagebau, sondern unter Tage in jener Grube Concordia, nach der heute der See benannt ist.

          Blumen zum Gedenken an die Opfer

          Später wurde auch Concordia auf den Tagebau umgestellt, und die Bergleute begannen, die ersten großen, wenngleich flachen Abraumhalden aufzukippen. Im Jahr 1928 musste der Ort Alt-Nachterstedt den Kohlebaggern weichen. Auf einem der aus dem Abraum gewachsenen Tafelberge entstand der neue Ort Nachterstedt. Zu den Neubauten gehörten damals auch jene Häuser, die jetzt durch den Erdrutsch abgingen und verschüttet wurden.

          Standsicherheit von Böschungen

          „Böschungen sind so anzulegen und zu unterhalten, dass die Sicherheit des Bergwerkbetriebs, die persönliche Sicherheit und die zu schützenden Objekte während der vorgesehenen Standzeit nicht gefährdet werden.“ So heißt es lapidar in einer „Richtlinie für die Untersuchung der Standsicherheit von bleibenden Böschungen der im Tagebau betriebenen Braunkohlenbergwerke“. Diese Richtlinie wurde zwar von der Bergbehörde des Landes Nordrhein-Westfalen erlassen. Für das vom Erdrutsch in Nachterstedt betroffene Land Sachsen-Anhalt gelten aber ähnliche Vorschriften. Wie kam es also dazu, dass am Samstag morgen am Concordiasee die Böschung abrutschte und drei Menschen in den Tod riss?

          Die Berechnung der Standsicherheit von Böschungen gehört zu jedem Grundkurs im Studium des Bauingenieurwesens oder der Geotechnik. Schon die alten Römer wussten beim Bau des Limes, dass sich dieser Wall nicht beliebig steil aufschütten ließ. Spätestens beim ersten Gewitterregen kamen zu steile Flanken ins Rutschen. Obwohl es heute viele Verfahren zur Stabilisierung von Böschungen gibt, beispielsweise das Verdichten des Materials mit Rüttelmaschinen, den Einsatz von Zugankern oder die Begrünung mit tiefwurzelnden Pflanzen, kommt es immer wieder zu Böschungsbrüchen. Die Nachterstedter berichten zwar von Verdichtungsarbeiten noch vor wenigen Jahren. „Aber überall waren die auch nicht“, sagt eine Anwohnerin.

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