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Erdbeben : "Nationale Tragödie" im Iran

Die Suche nach Verschütteten in Bam geht weiter Bild: AP

Nach dem verheerenden Erdbeben von Bam hat Iran eine dreitägige Staatstrauer angeordnet. Die Zahl der Toten und Verletzten steigt weiter. Teilweise mit bloßen Händen haben die Angehörigen nach Überlebenden gegraben.

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          Nach dem verheerenden Erdbeben von Bam hat Iran eine dreitägige Staatstrauer angeordnet. Staatspräsident Khamanei sprach von einer „nationalen Tragödie“, die zu groß sei, als daß Iran sie alleine bewältigen könne. Innenminister Mussawi-Lari rechnete in einer ersten Opferbilanz mit 20.000 Toten und 30.000 Verletzten. Er erwarte aber einen weiteren Anstieg der Zahlen, fügte er hinzu. Das Gouverneursamt der Provinz Kerman, in der die Stadt Bam liegt, sprach am Samstag von 50.000 Verletzten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Damit übertreffen die Zahlen der Opfer erheblich die Angaben, die am Freitag nach dem Erdbeben bekanntgegeben worden waren. Sie liegen auch erheblich über dem, was bei einem Erdbeben der Stärke 6,3 zu vermuten wäre. In dem Gebiet um die vom Erbeben betroffenen Stadt Bam hatten 200.000 Menschen gelebt, davon in der Neustadt von Bam 90.000.

          Zwei Drittel der Stadt zerstört

          Zwei Drittel der Gebäude der Stadt sind nach Angaben des iranischen Fernsehens völlig zerstört, darunter die zwei wichtigsten Krankenhäuser der Stadt. Die meisten Häuser waren aus Lehmziegeln errichtet und nicht höher als zwei Stockwerke. Verzweifelt haben Rettungsmannschaften am Samstag mit Hilfe von 12 iranischen Spürhunden unter den Trümmern der eingestürzten Häuser nach weiteren Überlebenden gesucht. Bei Nachtemperaturen unter dem Gefrierpunkt galten die Überlebenschancen für eine zweite Nacht unter den Trümmern als gering.

          Viele haben ihre Angehörigen verloren

          Teilweise mit bloßen Händen haben die Angehörigen nach Überlebenden gegraben. Überlebende beklagten sich, weshalb die Hilfe so spät am Unglücksort eintreffe. Ein Rettungshelfer sagte, es gebe nicht genügend Leichensäcke. Viele der Toten, die aus den Trümmern geborgen wurden, mußten in Decken eingehüllt begrabe werden. Leichname wurden in rasch ausgehobenen Gräben beigesetzt. Autos und Lastwagen brachten die Toten auch in die Stadt Bora im Südosten von Bam, auf dessen Friedhof sich die Leichen ebenfalls türmten. Verwesungsgeruch soll sich ausbreiten. Der Internationale Rote Halbmond rief die Menschen daher auf, Handschuhe und Gesichtsmasken zu tragen.

          Region besonders erdbebengefährdet

          Die Region von Bam ist im Erdbebenverzeichnis Irans als besonders gefährdet eingetragen. Dennoch habe es keine besonderen Auflagen für den Bau der Häuser gegeben, beklagt ein iranischer Bürger aus Teheran. Das Erdbeben hatte die Bewohner von Bam am Freitag um 5 Uhr 28 im Schlaf überrascht. Das Zentrum für Geophysik an der Universität Teheran gab die Stärke mit 6,3 an, die Straßburger Erdbebenwarte ermittelte eine Stärke von 6,6. Das Erdbeben zerstörte in Bam sowie in den umliegenden Gemeinden Giroft und Kohnudsch alle Telefonverbindungen und Stromkabel, ebenso die Wasser- und Gasleitungen. Um sich gegen den Nachtfrost zu schützen, wärmten sich die Überlebenden an Feuern.

          Als oberste Priorität bezeichnete Innenminister Mussawi-Lari, die Überlebenden noch vor dem Einbruch der Dunkelheit am Samstag zu retten, als zweite Priorität die Versorgung der Verletzten in den Krankenhäuser der Provinz Kerman und im Rest Irans. Das Innenministerium gab bekannt, Iran benötige Suchausrüstungen, Decken, Arzneimittel und Nahrungsmittel, aber auch Fertighäuser. Denn der Winter stehe unmittelbar bevor. Da das Erdbeben die zwei wichtigsten Krankenhäuser von Bam zerstört hat, werden viele Verwundete auf den Straßen behandelt. Andere werden mit Krankenwagen in die Provinzhauptstadt Kerman gebracht.

          Die Rettungsdienste beklagen sich, daß viele Angehörige versuchten, mit Autos nach Bam zu gelangen und dabei die Zufahrtsstraßen verstopften. Die iranische Regierung setzt fünf Hubschrauber und zwei Militärtransporter des Typs C-130 ein, um vom kleinen Flughafen Bam, der auch als Lazarett benutzt wird, Verwundete vor allem in die Krankenhäuser der Provinzhauptstadt Kerman zu transportieren. Mehrere Hundert Verwundete werden auch in Hospitälern der Hauptstadt Teheran und in anderen Städten des Landes versorgt.

          Staatspräsident Khatami hatte dazu aufgerufen, daß alle Einrichtungen der Regierung und des Militärs sämtliche zur Verfügung stehenden Mittel ein setzen sollten, um in dieser „nationalen Katastrophe“ den Opfern zu helfen. Allein in Teheran folgten Hunderte von Freiwilligen seinem Aufruf und spendeten Blut.

          Der Sprecher des Innenministeriums, Dschahanbachsch Chandschani, sagte, Iran nehme alle internationale Hilfe an. Er schloß jedoch Hilfe Israels aus. Das israelische Außenministerium sagte dennoch, israelische Nichtregierungsorganisationen stünden zur Hilfe bereit. Chandschani vermied eine Äußerung zu den Vereinigten Staaten. In Washington kündigte der Sprecher des amerikanische Präsidenten Bush, Scott McClellan, die Bereitschaft zu humanitärer Hilfe an.

          Ausländische Helfer eingetroffen

          Als erste ausländische Helfer hatten in Bam am frühen Samstagmorgen Schweizer Rettungskräfte mit ihren Spürhunden die Suche nach Überlebenden aufgenommen. Ausrüstungen oder Rettungsmannschaften sandten außerdem Deutschland, die Türkei, Großbritannien, Frankreich, Italien und Rußland. Das Internationale Rote Kreuz bereitet Hilfen im Wert von 10 Millionen Schweizer Franken vor. Die Vereinten Nationen haben eine Mannschaft zur Koordinierung der Hilfen entsandt und stellen eine Lieferung mit Zelten, Decken, Kochausrüstungen und Wasserreinigungsgeräten zusammen. Die Kommission der Europäischen Union hat 800.000 Euro für Sofortmaßnahmen bereitgestellt.

          Völlig habe das Erdbeben die Altstadt von Bam zerstört, sagte der Gouverneur der Provinz Kerman, Mohammad Ali Karimi. Das italienische Außenministerium hat am Samstag Hilfe für den Wiederaufbau von Arg-e Bam, der am Rande der Neustadt liegenden historischen Altstadt, zugesichert. Nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur Irna würden iranische Experten die Zerstörungen von Arg-e Bam bereits untersuchen.

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