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Erdbeben in Neuseeland : Die Nerven werden Seismographen

  • -Aktualisiert am

Kein Durchkommen mehr auf dieser Straße in Christchurch Bild: dpa

Das Erdbeben und seine Nachbeben ängstigen die Neuseeländer. Sie rüsten sich für den Ernstfall und tauschen Überlebenstipps aus. Denn nur ein paar Sekunden können letztlich entscheidend sein.

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          Die Kaffeetasse rappelt, der Tisch vibriert. Gleich unter den Tisch tauchen? Oder noch eine Sekunde warten, ob der Tremor schwächer wird? Ist das schon das gefürchtete schwere Nachbeben, das uns die nächsten Stunden oder Tage bevorsteht? Allein in den 24 Stunden seit dem Schlag von Samstagmorgen um 4.35 Uhr, als ein Beben der Stärke 7,1 die Einwohner von Christchurch und Umgebung aus dem Schlaf riss, haben sich schon mehr als 30 Nachbeben ereignet. Jede zarte Erschütterung von Boden und Wänden, wie sie sonst auch durch Sturm oder eine vorbeifahrende Straßenbahn verursacht werden kann, fährt durch die Glieder. Die Nerven werden zu Seismographen und melden Alarm.

          Immer wieder Schrecksekunden. Dann spürt man in dem Holzhaus am Hang, dass sich die Erde in Aotearoa - wie die Maori Neuseeland nennen - noch keinesfalls beruhigt hat. Mündet das mittlerweile vertraute Gefühl nicht in Panik, dann schleicht sich fast so etwas wie Gewohnheit ein. Also abwarten und aussitzen. Die großen Bilder sind von der Wand genommen, die Schranktüren sind mit Klebeband versiegelt, so dass hoffentlich keine Vasen mehr herauspoltern. Die Taschenlampen liegen griffbereit. Vor der Tür steht ein Kanister Wasser. Im Auto liegen Decken und Notproviant.

          Schäden von 1,1 Milliarden Euro

          Nur das alte Transistorradio in der Garage hat noch immer keine neuen Batterien. In Zeiten ohne Erdbeben rutscht die Notfall-Ausrüstung, wie sie sich für jeden Kiwi-Haushalt gehört, auf der „To do“-Liste immer tiefer - obwohl es hier so oft Erdbeben gibt. Meist wird sie erst dann angeschafft, wenn der Ernstfall vorüber ist. Wir gehören zu den Glücklichen, die nur zerbrochenes Geschirr und einen Riss am Kamin zu vermelden haben. Die Straße ist noch befahrbar, alle Wände stehen, nach einem Tag ist der Strom wieder da, das Wasser zumeist auch, obwohl rund 200 Rohre in der ganzen Stadt gebrochen sind. Schnell geht das Leben nach dem Beben seinen gewohnten Gang.

          Zu nah am Epizentrum: Dieses Haus mitten in Christchurch wurde vom Erdbeben zerstört

          Aber viele Menschen in Christchurch und in der Umgebung hat es böse erwischt. Ihre Häuser sind in Trümmern. Oder sie stehen noch, aber die Feuerwehr hat wegen der Einsturzgefahr in großen Lettern „No go“ auf die Wand gesprüht. Viele sind durch umstürzende Möbel oder herabstürzende Steine verletzt worden. Parkende Autos wurden von Trümmern zerquetscht. Teils sind die Straßen aufgerissen. Mehrere Brände brachen aus. Die Krankenhäuser schalten wegen des Stromausfalls ihre Generatoren ein, auch die Bauernhöfe, weil die Kühe gemolken werden müssen. Mehr als 200 Menschen, deren Häuser zerstört wurden, sind in Notunterkünften untergebracht, Hunderte kommen bei Verwandten und Freunden unter. Am Sonntag besichtigt Premierminister John Key die Schäden in der 400 000-Einwohner-Stadt. Er sagt, es grenze an ein Wunder, dass niemand umkam. Fachleute loben die strengen Bauvorschriften. Die Schäden belaufen sich nach ersten Schätzungen dennoch auf rund 1,1 Milliarden Euro. Rund 500 Häuser sind beschädigt. Key kündigt Regierunghilfen an für die Aufarbeitung des schwersten Erdbebens in Neuseeland seit 1931. Und dann naht, als ob eine Katastrophe nicht genug wäre, auch noch ein heftiger Sturm.

          Wie eine winzige Ameise

          Die inneren Folgen sind schwerer zu ermessen. Fast eine Minute auf zitterndem Grund, zwischen knirschenden Wänden oder in wirbelndem Staub - dagegen sind Turbulenzen im Flugzeug ein Witz. Das Gefühl, den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert zu sein, weckt Urängste. Man fühlt sich wie eine winzige Ameise, ein Staubkorn auf der Erdoberfläche, weggepustet, weggeschüttelt. Die meisten - Bungee-Springer vielleicht ausgenommen - kennen ja nicht mehr den Adrenalinschub, der mit dem Gefühl der Todesgefahr einhergeht.

          Die Großstadtkämpfer sitzen in den wenigen Szene-Cafés, die geöffnet sind, und reden sich alles von der Seele. Allein will niemand sein. Einige sehen mitgenommen aus, erschüttert. Das Gefühl des Ausgeliefertseins, so scheint es, hat die Kontrollierten und Starken am heftigsten erwischt. Die Kinder verkraften die Naturgewalt besser. Sie besichtigen staunend aufgeplatzte Straßen, kurven mit den Rädern um die Ritzen und freuen sich, dass erst mal schulfrei ist.

          Jeder ist jetzt Survival-Experte

          Während die Gläser im Regal hinter der Theke klirren - schon wieder ein kleines Nachbeben! -, kursieren zwischen den Tischen im Café Ratschläge, welcher Ort im Haus und welche Körperhaltung den besten Schutz verspricht. Hände über den Kopf und an die Wand ducken? Unter den Esstisch kauern? Die lange favorisierte Tisch-Lösung ist umstritten. „Was ist“, fragt eine Freundin, die nicht mehr im zweiten Stock schlafen kann, „wenn die Beine wegbrechen und die ganze Platte dich erschlägt?“ Der Urinstinkt sagt: nach draußen laufen! Die Erbeben-Experten sagen: bloß nicht! Denn dort können Äste, Dachziegel, Mauern und Fensterscheiben herabstürzen. Als sicherster Standort galt bisher immer ein Türrahmen. Auch David, ein Vater dreier kleiner Kinder, hielt sich daran, als er nach den ersten Schrecksekunden endlich seinen Jüngsten aus dem Babybett ziehen konnte und sofort Schutz neben der Zimmertür suchte. Die schlug prompt dem Kleinen heftig gegen den Kopf. „Also nur noch Türrahmen, wenn es sich um Schiebetüren handelt“, sagt David. Jeder ist jetzt Survival-Experte. Die Kaffeetassen vibrieren. Wieder eins! Die Tischplatte sieht wirklich nicht sehr stabil aus.

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