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Erdbeben in Japan : „Es ist immer noch nicht vorbei“

  • Aktualisiert am

Im Stadtzentrum von Tokio strömen die Menschen aus den Bürohochhäusern in die Parks Bild: REUTERS

Das Zentrum des Bebens lag knapp 400 Kilometer nordöstlich von Tokio, doch auch in der Hauptstadt gibt es Brände und Schäden. Viele Pendler sitzen fest, weil die Züge nicht fahren. F.A.Z.-Korrespondent Carsten Germis berichtet aus Tokio.

          Freitag nachmittag, es ist 2 Uhr 46. Plötzlich beginnt die Erde in Tokio zu beben. Schnell ist klar: das ist kein normales Beben, so wie es in Japan immer mal wieder vorkommt. Die Erdstöße sind heftiger, länger. Bücher fallen aus den Regalen, Gläser vom Tisch. Mitten in Tokio, im Kudan-Kaikan-Gebäude bricht eine Decke zusammen, während Studenten ihren Studienabschluss feiern. Es gibt mehr als 30 Verletzte. Eine Frau stirbt. Überall in der Innenstadt versammeln sich die Menschen auf den Straßen. „Das ist das schlimmste Beben, das ich je in Tokio erlebt habe“, sagt Noriko Kitahara. Hektisch versucht sie, ihre Kinder zu erreichen. Doch das Mobilfunknetz ist wegen Überlastung zusammengebrochen. Vor den wenigen öffentlichen Fernsprechern bilden sich lange Schlangen. S-Bahn und U-Bahn stellen den Verkehr ein. Bis in tief die Nacht hinein erschüttern immer wieder Nachbeben die Stadt. Viele Menschen gehen kilometerweit zu Fuß zurück nach Haus, leihen sich am Abend Fahrräder von Freunden, um irgendwie zurück nach Hause zu kommen.

          Über Rundfunk und Fernsehen gab es am Nachmittag zuerst Aufrufe, in der Nähe der Büros zu bleiben und sich dort zu sammeln, statt den Weg nach Hause zu erzwingen. Hotels waren in Windeseile ausgebucht. „Wer weiß, wann wir hier wegkommen“, meinte eine Gruppe Geschäftsmänner. Die Kneipen, in denen sich Japaner gerade am Freitag abend gerne zum Bier treffen, blieben an diesem Abend aber leer, obwohl viele Menschen nicht nach Hause kamen. „Nach Bier ist mir nicht“, meinte einer der Männer nur knapp.

          Es war das schwerste Beben in der Geschichte Japans. Das Zentrum des Bebens lag knapp 400 Kilometer nordöstlich von Tokio, 130 Kilometer östlich der Provinzhauptstadt Sendai. Aus Sendai sendet der staatliche Fernsehsender NHK Bilder der Verwüstung. Brennende Häuser, Menschen auf der Flucht. Nach dem Beben kam der Tsunami. „Ich habe so etwas noch nie gesehen“, sagte Ken Hoshi, ein örtlicher Beamter im Fernsehen. Eine zehn Meter hohe Flutwelle traf die Küste, auch Hoshis Heimatstadt Ishinomaki. Schiffe, Lastwagen, Autos, Trümmer wurden durch die Straßen geschoben und rissen alles mit sich mit. Das Wasser sei bis zur Bahnstation gekommen, berichtet der Mann. Und der ist ziemlich weit von der Küste entfernt. Auch in Ibaraki im Großraum Tokio treiben Häuser in den Fluten durch die Stadt. Ein Junge wurde vom Wasser mitgerissen, eine 77 Jahre alte Frau wurde von einer unter dem Druck der Wassermassen einstürzenden Mauer erschlagen. Für die Nacht drohten weitere Tsunamis.

          Weil die Mobilfunknetze zusammengebrochen sind, bilden sich lange Schlangen vor den Telefonzellen

          Der Korrespondent der Zeitung Yomiuri berichtete aus Miyako in der besonders stark verwüsteten Provinz Iwate, dass er gerade einen Kaffee getrunken habe, als die Erde bebte. „Es war so stark, dass es mich umgerissen hat.“ Er rannte zurück in sein Büro, sah er Menschen aus den Häusern stürmen, die Gesichter vor Schrecken erstarrt. Polizisten versuchten, die Wassertore zu schließen. In der Polizeiwache stieg das Wasser bis ins zweite Stockwerk der Polizeiwache. Menschen, die in der Falle saßen, flehten die Polizisten an, ihnen Telefone zur Verfügung zu stellen. Der Reporter berichtete, dass er sich auf einen 20 Meter hohen Hügel in Sicherheit bringen wollte. „Und dann konnte ich die hohe, weiße Welle sehen.“ Er rannte höher. Das Wasser riss alles mit, Häuser stürzten ein. Im Einkaufszentrum stürzte die Decke ein, ein fünfjähriger Junge starb dabei. Über all riss das Erdbeben Krater in die Straßen. Auch in den modernen Bürogebäuden im Zentrums Tokios zeigten sich Risse. An mehren Stellen in der Hauptstadt brach Feuer aus, weil Gasleitungen beschädigt wurden. Im nahen Chiba stand am Abend eine Ölraffinerie in Flammen - beißender Rauch war noch kilometerweit zu riechen.

          In Tokio hatte das Beben noch die Stärke von fünf. Viele Unternehmen stellten die Arbeit ein und schickten ihre Mitarbeiter nach Hause. „Die Bahnen fahren nicht, ich werde die zehn Kilometer laufen müssen“, sagt Miyuki Kanegawa. Wohl fühle sie sich dabei nicht. Und während sie das sagt, bebt wieder die Erde. „Es ist immer noch nicht vorbei“, meint sie, die Augen schreckgeweitet, und geht schnell weiter. Viele Betriebe haben Schutzhelme an ihre Beschäftigten ausgegeben. Sie sollen schützen vor herunterstürzendem Glas oder Gebäudeteilen. In den Bahnhöfen warten Tausende. Ein 59 Jahre alter Angestellter aus Yokohama klagt. „Ich habe mehr als 40 Kilometer zu gehen“, sagt er. Taxis sind nicht mehr zu bekommen. „Was soll ich tun?“ Er geht erst einmal zurück ins Büro, obwohl alle Beschäftigten nach Hause geschickt wurden. Erst nach neun Uhr am Abend fahren die ersten Bahnen wieder.

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