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Erdbeben in Iran : "Ich habe die Hälfte meiner Verwandtschaft verloren"

  • -Aktualisiert am

Das war mal sein Zuhause Bild: dpa/dpaweb

Die Überlebenden des schweren Erdbebens zählen die Toten und versuchen, sich in den Trümmern einzurichten. Eine Reportage aus der vom Erdbeben zerstörten Stadt Bam.

          6 Min.

          Beim Erdbeben in Bam sind nicht viele Menschen gestorben, es haben nur wenige Menschen überlebt. Ein großer Unterschied ist das nicht. Akbar zeigt auf die andere Straßenseite: Was einst ein Hotel war, ist nur noch ein Berg aus Ziegeln, Schutt und Staub, aus dem einige verbogene Bettgestelle hervorlugen. Genau wie die Nachbarhäuser - nur noch Schutt und Asche. "35 von meinen Nachbarn sind hier gestorben", sagt er weinend. "Ich habe die Hälfte meiner Verwandtschaft verloren."

          Akbar steht in seinen Schuttbergen. Zehn Gäste hatte er in seinem Hotel, ein Amerikaner kam unter den Trümmern ums Leben, mehrere Personen überlebten mit Knochenbrüchen, einem Touristen mußte ein Bein amputiert werden. Drei Schuttberge weiter sammelt sich eine Traube von Menschen. Ein internationaler Suchtrupp mit Spürhunden stochert in den Schuttmassen. Stumm stehen die Überlebenden um die Helfer, lauschen, ob noch Geräusche zu hören sind - vier Tage nach dem schrecklichen Beben.

          Die Katastrophe als Rechenexempel

          "Ich kann das nicht mit ansehen", sagt Akbar. Dann geht er fassungslos in sein Zelt zurück. Dort sitzt er den ganzen Tag mit seiner Frau, der Tochter und dem Sohn, den er mit eigenen Händen aus dem Schutt geholt hat. "Drei Stunden habe ich da gelegen. Ich konnte nicht mal meinen Mund öffnen, sonst wäre der Staub in die Lunge gekommen", sagt Mohammed, sein Sohn. "Ich habe nur mit meinem Handgelenk und der Uhr an das Bettgestell klopfen können." Mohammed fängt wieder an zu rechnen. "In unserer Straße sind von zehn Leuten acht gestorben."

          Für den Zweiundzwanzigjährigen ist die Katastrophe ein Rechenexempel geworden. Mohammed rechnet sich aus, daß mindestens 50.000 bis 65.000 Menschen umgekommen sein müssen. Er ruft einen Nachbarjungen heran und läßt ihn, wie zum Beweis, die verstorbenen Verwandten aufzählen. Das dauert. Der Junge ist der einzige Überlebende seiner fünfzehnköpfigen Familie. In Sekunden haben die Ziegel- und Schuttmassen von Bam ganze Familien ausgelöscht, von dem Stadtviertel, in dem Akbar aufwuchs, steht kein Stein mehr auf dem anderen.

          Alle und alles verstaubt, verdreckt

          Die meisten der Überlebenden hocken in Zelten des Roten Halbmonds am Straßenrand, warten auf die Lastwagen, von denen Mitarbeiter des Militärs immer wieder Lebensmittel auf die Straße werfen. Währenddessen rollen Bulldozer und Planierraupen in den Stadtkern, wo der Basar, die Maschinen und Geschäftshäuser zu grotesken Trümmerbergen zusammengebrochen sind und unter sich Autos auf eine Höhe von nur noch zwanzig Zentimetern zermalmt haben.

          Die Stadt wimmelt von Militär, Polizei und Überlebenden. Alle verstaubt, verdreckt, mit Staubmasken vor dem Gesicht, nur die internationalen Suchtrupps fallen mit ihren grellfarbenen Jacken auf. Plötzlich reißt jemand den Zelteingang auf und wirft eine Flasche Ketchup hinein. "So geht das jetzt den ganzen Tag" flucht Mohammed. "Sie schmeißen das Zeug einfach ins Zelt." Zwanzig Minuten später schieben ein Paar Hände eine Schachtel Kuchen hinterher.

          Planierraupen schaufeln Massengräber

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