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Erdbeben in Indonesien : Ein Monster aus flüssiger Erde

Infolge des Erdbebens in Sulawesi hat sich in der Ortschaft Petobo der Boden verflüssigt und teils Häuser, Bäume und Autos verschluckt. Bild: Reuters

Neben dem Tsunami ist die Bodenverflüssigung die wohl schwerste Folge des Erdbebens in Sulawesi: Ein ganzer Ort wurde teils vom Erdboden verschluckt. Anwohner schätzen, dass hier mindestens 1500 Menschen begraben sind.

          Die Menschen in Petobo haben für ihr Unglück unterschiedliche Namen gefunden: Monster, Erdschlange, oder einfach nur „das Ding“. Sie sind nach dem Erdbeben in der vergangenen Woche Zeugen eines ungewöhnlichen geologischen Phänomens geworden. Vor ihren Augen verändert sich am Freitagabend das Erdreich nach dem Beben seinen Zustand. Der Boden wird weich wie Brei. Der Untergrund wackelt wie ein Pudding. Teilweise wirkt die Erde wie ein aufgewühltes Meer, das auf einer riesigen Fläche alles aufsaugt und durcheinander wirbelt. Das wabbelige Etwas reißt Häuser, Autos und auch Menschen mit sich. An einem Punkt habe es sich dann auf einmal in eine mehrere Meter Höhe aufgebäumt. „Ich sah, wie ein großer Baum eingesogen wurde“, sagt der Anwohner Samsudin Makka. „Dann wurde er wieder hochgespuckt.“

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Das Resultat dieses Phänomens ist nicht zu übersehen. Bis zu fünf Meter über dem Normallevel hat sich das Erdreich aufgetürmt. Obendrauf sitzen Autos, die so zerbeult und zerfetzt aussehen wie Unfallwagen. Es stecken Familienhäuser in dem teils noch weichen Erdboden, deren Dächer schief auf verbogenen Säulen sitzen. In einem Quadratkilometer großen Gebiet dahinter ist weniger von dem eigentlichen Erdreich zu sehen.

          Stattdessen sieht es aus, als wäre die Ortschaft zusammengequetscht wie eine Ziehharmonika. Die Teerstraße ist in Falten zusammengeschoben, es haben sich Hügel und Täler aus Asphalt gebildet. Dazwischen stecken Telefonmasten, Autos, Häuser. Ein Motorrad ist mit dem Vorderteil wie im Teer versunken. Nichts scheint in der Ortschaft am Rand der Stadt Palu mehr dort, wo es einmal war. „Dieses Haus war eigentlich dahinten“, sagt Samsudin Makka und zeigt an einen weit entfernten Ort. „Und das hier war noch weiter weg.“

          Retter finden keine Überlebenden mehr

          Auch Tage nach dem Unglück finden sich noch Leichen. Hier eine Hand, die mit verkrümmten Fingern aus dem Geröll greift. Da ein Haarschopf, der aus dem Sand ragt. Die Anwohner schätzen, dass bis zu 1500 Menschen unter dem Erdreich begraben sein könnten. Aber wer die Größe des Gebietes sieht, der hält auch deutlich höhere Zahlen für möglich.

          Ein Rettungsteam klettert über die traurige Unglückslandschaft, um nach Überlebenden zu suchen, und nach Toten. Erstere haben sie noch nicht entdeckt. Anfänglich sollen noch Stimmen aus den Trümmern zu hören gewesen sein. Mittlerweile sind sie verstummt. Am Vortag habe man fünf Leichen herausgeholt, sagt Mursidi von der staatlichen Rettungsbehörde. „Man kann ja sehen, dass die Leute tief vergraben sind.“ Es bräuchte mehr Bagger und andere Großmaschinen, um sie zu befreien.

          Das Phänomen der Bodenverflüssigung erscheint merkwürdig, ist aber nicht unbekannt. Es war etwa bei dem Erdbeben im neuseeländischen Christchurch im Jahr 2011 aufgetreten. Auch in Japan gab es bereits Fälle. Voraussetzung dafür ist offenbar ein lockerer Sandboden, der durch die Reibung der Sandkörner eigentlich tragfähig ist. Durch die Erdbebenwellen verlieren die Körner durch das Wasser dazwischen  den Kontakt. Der Boden wird flüssig. Am häufigsten soll sich die Verflüssigung in Gebieten ereignen, die nah am Meer liegen und in denen deshalb der Grundwasserspiegel hoch ist. Neben dem Tsunami an der Küste der Stadt Palu war die Verflüssigung des Erdreichs die wohl schwerste Folgekatastrophe des Erdbebens.

          Der Anwohner Arthur Siregar und seine Familie hatten das Phänomen von ihrem Hausdach beobachtet. Das „Ding“ habe ein Brummen von sich gegeben wie eine Turbine. Ihm zufolge hat es etwa 15 Minuten gedauert, bis das Erdreich wieder zur Ruhe gekommen war. „Die Menschen rannten, einige waren verletzt und manche mit Schlamm bedeckt“, sagt der Universitätsdozent. Die Behörden geben die Zahl der Toten auf des ostindonesischen Insel Sulawesi mittlerweile mit mehr als 1300 an. Aber das Unglück von Petobo lässt vermuten, dass dies noch längst nicht die endgültige Zahl ist. Ein Baggerfahrer hat schon damit angefangen, die Berge aus Schlamm und Geröll abzutragen. Aber es dürfte Wochen dauern, bis alles ausgehoben ist.

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