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Erdbeben in Haiti : Eine Katastrophe zu viel

In der Nacht hörte man kaum noch Schreie, berichten Helfer Bild: Reuters

Die Lage in Haiti ist zutiefst beunruhigend. Das Zentrum von Port-au-Prince, das sich auf Meereshöhe befindet, ist schwer beschädigt. Hilfe zu organisieren, ist nun eine große Herausforderung. Die Sicherheitslage ist angespannt.

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          Die Stimmung auf Haiti sei gut gewesen. Nach der schweren Hurrikan-Saison im Jahr 2008 mit Hunderten Toten war der Inselstaat im Herbst 2009 von einer neuen Sturmkatastrophe verschont geblieben. Die Weihnachtsferien waren gerade zu Ende, die Menschen freuten sich schon auf den Karneval in ein paar Wochen. „Das Erdbeben kam völlig überraschend“, sagt Magalie Boyer von World Vision Haiti. Natürlich seien Beben immer unvorhersehbar. Doch auf Haiti habe schon lange nicht mehr die Erde gebebt. „Es fühlte sich an, als sei ein vollbeladener Lastwagen in unsere Mauern gefahren“, sagt Boyer. „Danach konnten wir stundenlang unser Büro in Port-au-Prince nicht verlassen, weil überall Trümmer auf den Straßen lagen.“

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Magalie Boyer gehört zu den 370 Mitarbeitern („sie sind – Gott sei Dank – alle am Leben“) der christlichen Hilfsorganisation World Vision, die seit mehr als 30 Jahren auf Haiti vertreten ist. Am späten Dienstagabend konnte sich die Helferin ein erstes Bild von der Katastrophe machen. „Wir kamen aber nicht allzu weit.“ Die Hauptstadt Port-au-Prince mit ihren vielen Bergen sei unterschiedlich getroffen worden. Vor allem große Gebäude mit mehr als fünf Stockwerken seien eingestürzt. Kleinere Häuser und Villen seien hingegen fast unversehrt. Der große Supermarkt an der Ecke wiederum sei komplett zusammengebrochen.

          „Wenigstens regnet es nicht

          Je tiefer man in die Innenstadt kommt, desto größer ist offenbar die Zerstörung. Das Zentrum, das sich auf Meereshöhe befindet, ist schwer beschädigt. Dort sind etliche der großen und angeblich stabilsten Bauten eingestürzt. Magalie Boyer nennt den Nationalpalast, aber auch andere Regierungsgebäude wie die Ministerien für Bildung, Finanzen und Gesundheit. In Ruinen sollen zudem die Kathedrale, mehrere Krankenhäuser, Schulen und Hotels liegen. Der Flughafen im Norden ist nach Angaben der Vereinten Nationen unbeschädigt. „Wenigstens regnet es nicht.“ Das erleichtere die Bergungsarbeiten – und womöglich auch das Überleben in den Trümmern.

          Es wurden aber nicht nur massive Stein- und Prachtbauten beschädigt oder zerstört. Ganze Slums sollen die Hügel hinuntergerutscht sein, so berichtet der Augenzeuge Eduard Aimé. Schuld sei der durch die Bodenerosion instabile Untergrund. Das Ausmaß war jedoch zunächst von niemandem zu ermessen. Nach dem Beben brach das Telefonnetz zusammen. Zudem wurde es dunkel. Zehntausende sollen obdachlos sein. Viele der Überlebenden saßen verzweifelt und mit Staub bedeckt auf den Straßen. Waren anfangs noch Hilferufe zu hören, so sei es später in der Nacht merkwürdig still geworden, erzählt Magalie Boyer. Die Menschen hätten sich auf Plätzen versammelt und gebetet.

          „Der Himmel ist grau vom Staub“

          Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft – das Gebäude liegt unweit des Nationalpalastes – berichten von zahlreichen Opfern, die auf der Straße oder auf den Bürgersteigen von Trümmern erschlagen wurden. „Jeder hier ist total schockiert“, sagt Henry Bahn vom amerikanischen Agrarministerium, der zu Besuch in Port-au-Prince ist. „Der Himmel ist grau vom Staub.“ Und vom Rauch der Brände, die in einigen Teilen der Stadt ausgebrochen waren. Auch der Regionalkoordinator der Deutschen Welthungerhilfe, Michael Kühn, befürchtet eine große Zahl von Todesopfern. „Ich habe Tote auf der Straße gesehen“, sagt Kühn, der seit zehn Jahren in Haiti lebt, der Deutschen Presse-Agentur. „In Port-au-Prince leben knapp zwei Millionen Menschen, die meisten davon unter ärmlichen Bedingungen. Ich gehe davon aus, dass die Zahl erschreckend hoch sein wird.“ Über den Rest des Landes wisse man bislang noch wenig. Und da die Telefonleitungen alle tot seien, hätten sich viele der Überlebenden zu Fuß auf den Weg gemacht, um herauszufinden, was mit ihren Familienangehörigen passiert ist. Kühn berichtet auch von den ersten Rettungsarbeiten. „Es ist Handarbeit.“ Genau an schwerem Gerät fehle es. „Wir haben zwar die Vereinten Nationen hier, und die haben natürlich Räumgeräte, aber die müssen auch erst einmal durchkommen.“

          Nicht nur Trümmer, auch die zahllosen Menschen auf den Straßen blockierten das Fortkommen. Magalie Boyer erzählt, dass zumindest die großen Straßen befahrbar sein sollen. Erste Hilfsgüter würden darum von Osten her schon bald eintreffen – per Lastwagen aus Santo Domingo. In der kaum 300 Kilometer von Port-au-Prince entfernten Hauptstadt der Dominikanischen Republik war das Beben zwar zu spüren gewesen. Größere Schäden aber hat es nicht gegeben.

          Michael Kühn von der Welthungerhilfe schätzt allerdings die Sicherheitslage als kritisch ein. „Es ist einfach auch ein bisschen gefährlich im Augenblick, hier durch die Gegend zu fahren.“ Die Hilfe müsse darum organisiert werden, und genau das sei in dem Land eine große Herausforderung – zumal in der Hauptstadt Präsidentenpalast und Kathedrale zerstört worden seien. Das habe die Haitianer tief erschüttert, die beiden Gebäude hätten „großen Symbolcharakter für Staatsgewalt und Religion“. Die Region sei ohnehin fragil und könnte durch dieses Ereignis komplett aus den Fugen geraten, glaubt Kühn. Auch andere Hilfsorganisationen warnen, Haiti sei wegen seiner großen Armut von der zusätzlichen Katastrophe überfordert. Schon vor dem Beben waren die Infrastruktur und die medizinische Versorgung mangelhaft, viele Menschen litten unter Hunger. Nach Schätzungen sterben jeden Tag 400 Kinder an Mangelernährung und einfachsten Krankheiten. Die Verzweiflung ist also groß. Und so gibt Magalie Boyer auf die Frage, was Haiti nun am nötigsten brauche, eine ungewöhnliche Antwort: „Gebete“.

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