https://www.faz.net/-gum-yixs

Erdbeben in China : Zahl der Opfer steigt auf mehr als 600

Augenzeugen berichten von breiten Rissen in Gebäuden, von eingestürzten Etagen, herabgefallen Gebäudeteilen und blutenden Verletzten auf der Straße. Bild: AP

Seit dem schweren Erdbeben in der chinesischen Provinz Qinghai haben Helfer mehr als 1000 Menschen aus den Trümmern gerettet. Jüngsten Angaben des Staatsfernsehens zufolge kamen 617 Menschen ums Leben.

          3 Min.

          Die Erde zitterte schon in den frühen Morgenstunden. Zunächst war es nur ein geringes Vorbeben, Stärke 4,7. „Gegen fünf Uhr, als wir noch im Bett lagen, fühlten wir ein leichtes Wackeln“, berichtete der tibetische Polizist Pu Guangzhong dieser Zeitung durch sein Mobiltelefon. „Aber wir schliefen einfach weiter. Doch kurz vor acht, als ich gerade aufstehen wollte, fing es plötzlich richtig an zu beben. Ich und die ganze Familie rannten panisch aus dem Haus.“

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Erst nach und nach offenbarten sich darauf der gesamte Schrecken und das Ausmaß der Zerstörung durch das zweite Beben, das eine Stärke von 7,1 hatte. Der tibetische Polizist zog stundenlang Überlebende aus den Trümmern, wie er berichtete. Mit bloßen Händen gruben die Helfer nach den Verschütteten. Er habe auch Dutzende Leichen gesehen. „Ein schrecklicher Anblick.“ Die Menschen um ihn herum seien vollkommen entsetzt.

          90 Prozent der Gebäude sind eingestürzt

          Ein Augenzeuge berichtete von Leichen, die überall am Straßenrand lägen. Wenige Stunden nach der Katastrophe hatte am späten Nachmittag (Ortszeit) die offizielle Zahl der Toten schon knapp 400 erreicht, am heutigen Donnerstag war sie auf 617 gestigen. Mindestens 10.000 Menschen waren verletzt, mehr als 1000 wurden aus den Trümmern gerettet. Die Behörden in der tibetischen Präfektur Yushu vermuteten aber noch viele weitere Verletzte unter den Trümmern. Die Zahl der Todesopfer könnte deshalb noch weiter steigen.

          Entwurzelt: Wohnhaus in Yushu
          Entwurzelt: Wohnhaus in Yushu : Bild: AFP

          Das Beben sowie mehrere kleinere Erdstöße haben in dem Ort Jiegu, dem Sitz der Präfekturverwaltung mit 100.000 Einwohnern, ein Trümmerfeld hinterlassen. 90 Prozent der Gebäude sind eingestürzt. Nach Angaben eines Funktionärs wurde der Ort „fast dem Erdboden gleichgemacht“. Augenzeugen berichteten von breiten Rissen in Gebäuden, von eingestürzten Etagen, herabgefallen Gebäudeteilen und blutenden Verletzten auf der Straße.

          „Wir glauben nicht, dass jemand überlebt hat“

          „Wir versuchen gerade, eine Gruppe von etwa 30 Menschen aus einem Gebäude zu holen, aber wir glauben nicht, dass jemand überlebt hat“, berichtete Zang La, ein Mitarbeiter der Lokalregierung über das Telefon. Wanderarbeiter seien in dem Haus untergebracht gewesen. In einer nahegelegenen pädagogischen Hochschule seien ebenfalls viele Menschen unter dem Geröll begraben. Den Rettern stünden aber nur ihre bloßen Hände sowie einige primitive Schaufeln und Hacken zur Verfügung. Die Stromversorgung sei zusammengebrochen, auch die Telefonverbindungen waren vorübergehend gestört. Ein sandiger Wind erschwere zudem die Arbeit.

          Erdrutsche machten den Rettern zu schaffen, ein Damm soll Risse gezeigt haben. Am dringendsten bräuchten die Menschen nun Medikamente und Nahrung sowie Decken und Zelte für die Nacht, sagte der Funktionär. Die Temperaturen können nachts in dem über 4000 Meter hoch gelegenen Gebiet auf minus drei Grad absinken.

          Verletzte auf dem Pferderennplatz

          Jiegu liegt in einer ansonsten dünn besiedelten Region im Südosten der Provinz Qinghai im Westen Chinas, direkt an der Grenze zur „Autonomen Region“ Tibet. Die gesamte Region gilt seit den tibetischen Protesten vor zwei Jahren als politisch unsicher. Der tibetische Polizist sagte, durch die Straßen von Jiegu patrouillierten nach dem Beben nun Polizisten, „um die Stabilität zu wahren“. Es seien vor allem die einfachen Häuser aus Erde und Holz zusammengefallen, stärkere Gebäude stürzten nur zum Teil ein, berichtete Pu Guangzhong weiter. Die Zerstörung sei aber überall sichtbar. Auf den Straßen liege viel kaputtes Glas herum. Die schwer Verletzten würden in den Krankenhäusern behandelt. Die nur leicht Verletzten seien auf einem Pferderennplatz untergebracht, möglichst weit von umliegenden Gebäuden entfernt.

          Anwohner versuchten, ihre Möbel aus den Häusern zu holen. Eine Mitarbeiterin der Katastrophenzentrale sagte jedoch, kaum jemand traue sich noch in die Gebäude hinein, da Einsturzgefahr drohe. Auf mit Mobiltelefonen aufgenommenen Fotos waren tibetisch gekleidete Menschen zu sehen, die auf der Straße mit Infusionen die Verletzten versorgten. „Unsere Soldaten haben zehn Leute aus den Trümmern geborgen, aber vier sind schon gestorben“, sagte ein Militärkommandeur der Nachrichtenagentur Xinhua. Die Rettungskräfte hatten offenbar Probleme, sich in dem schwierigen Gelände bis in das Erdbebengebiet durchzukämpfen. „Gegenwärtig sind wir auf uns allein gestellt“, sagte ein Behördenmitarbeiter aus Yushu.

          Mindestens drei Nachbeben wurden gemeldet

          Die Zentralregierung schickte 5000 Zelte sowie 50.000 Decken und Mäntel auf den Weg in das Erdbebengebiet. Allerdings war der Zugang zum Flughafen in Jiegu durch die zerstörten Straßen abgeschnitten. Am Vormittag waren bereits Rettungsteams aus Peking und anderen Regionen in das Erdbebengebiet abgereist. Eine Gruppe Soldaten aus Ganzi in Sichuan war offenbar schon Stunden nach dem Erdbeben an die Unglücksstelle gelangt. In der Präfektur Yushu leben 252.000 Menschen, davon mehr als 90 Prozent Tibeter. Den Berichten nach sind viele von ihnen Viehhirten und Nomaden. Satellitenbilder der Gegend zeigen aber auch entwickelte Wohnsiedlungen.

          Das Erbeben hatte sich den Behörden nach um 7.49 Uhr Ortszeit ereignet. Mindestens drei Nachbeben wurden gemeldet. Das Epizentrum lag nur 50 Kilometer von Jiegu entfernt. Die Provinzhauptstadt Xining ist etwa 800 Kilometer weit weg. Das schwere Erdbeben weckt in China schlimme Erinnerungen. Vor fast zwei Jahren hatte ein Beben der Stärke 8,0 die Provinz Sichuan erschüttert, die an die nun betroffene Provinz Qinghai grenzt. Damals waren mehr als 87.000 Menschen getötet worden.

          Topmeldungen

          Angriff in Iran : Attentat nach dem Kalender

          Bis Biden kommt, will Israel die Fähigkeiten Irans soweit es geht schwächen – und die angekündigten Verhandlungen über ein wiederaufgelegtes Atomabkommen verderben.
          Kritisierte Meuthens Rede als „spalterisch“: der Vorsitzende der Bundestagsfraktion und AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland

          AfD-Parteitag : Gauland schlägt zurück

          Für seine Kampfansage an die Radikalen muss der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen heftige Kritik einstecken. Fraktionschef Alexander Gauland rügt Meuthens Rede als „Verbeugung vor dem Verfassungsschutz“ – dabei müsse die AfD gegen diesen „kämpfen“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.