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Eingestürzte Brücke : Plötzlich weggesackt

Die Fahrbahnen stürzten an der Unglücksstelle aus rund 40 Metern Höhe in die Tiefe. Bild: Reuters

Das schwerste Brückenunglück seit Jahrzehnten dürfte die hitzige politische Debatte über den Zustand der Infrastruktur in Italien zusätzlich anheizen. Viele Straßen und Brücken sind nach Jahren der Wirtschaftskrise marode.

          4 Min.

          Autobahnfahrten in und um Genua sind seit jeher nur etwas für Schwindelfreie. Die Autobahn10, die von Genua nach Westen über San Remo zur französischen Grenze bei Ventimiglia führt, wird entlang der ligurischen Steilküste über hohe Brücken und lange Viadukte geführt. Von der A10, der „Autostrada dei Fiori“ („Autobahn der Blumen“), bieten sich an vielen Stellen atemberaubende Blicke auf die im Sonnenlicht blitzenden Gewächshäuser für Schnittblumen und aufs tiefblaue Meer der Riviera.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Eines der bekanntesten Viadukte der A10, die nach ihrem Erbauer Riccardo Morandi benannte Schrägseilbrücke, ist am Dienstagmittag teilweise eingestürzt. Sie spannte sich mitten in Genua auf einer Gesamtlänge von knapp 1,2 Kilometern über den Fluss Polcevera, über ausgedehnte Eisenbahnanlagen sowie über den dicht besiedelten Stadtteil Sampierdarena. Zum Zeitpunkt der Katastrophe gegen 11.30 Uhr gingen wolkenbruchartige Regenfälle auf Genua nieder, und es stürmte. Ob das schwere Unwetter, ob gar ein Blitzschlag mitverantwortlich oder sogar ursächlich für den Einsturz des gut 200 Meter langen Teilstücks und eines der 90 Meter hohen Pylonen ist, blieb zunächst unklar.

          Die Fahrbahnen stürzten an der Unglücksstelle aus rund 40 Metern Höhe in die Tiefe. Am Boden wurden mehrere Häuser und Lagerhallen zerstört. Im Fluss Polcevera lagen zertrümmerte Lastwagen und Autos. Am Unglücksort bot sich ein Bild der Verwüstung, manche Beobachter sprachen von einem Szenario wie nach einem Bombenangriff. In der Morandi-Brücke klaffte eine riesige Lücke, einer der Brückenpfeiler war komplett verschwunden.

          Beim Einsturz einer vierspurigen Autobahnbrücke in der italienischen Hafenstadt Genua sind am Dienstag zahlreiche Menschen ums Leben gekommen. Die Retter gingen ein hohes Risiko ein. Bilderstrecke
          Bilder aus Genua : Aus einer Brücke wird ein Trümmerberg

          Wie viele Fahrzeuge mit wie vielen Insassen in die Tiefe stürzten, konnte bis Dienstagabend nicht genau ermittelt werden; es war von Dutzenden Fahrzeugen die Rede. Zum Zeitpunkt der Katastrophe herrschte starker Verkehr auf der Brücke. Dem Fahrer eines Lastwagens gelang es, sein Fahrzeug wenige Meter vor dem weggebrochenen Brückenteil zum Stehen zu bringen. An der Unglückstelle waren bis in die Nacht hinein zahlreiche Rettungswagen im Einsatz. Die Feuerwehr setzte schweres Gerät ein, um zu den unter den Trümmern begrabenen Opfern zu gelangen.

          Mindestens dreißig Todesopfer

          Am späten Nachmittag gab Innenminister Matteo Salvini die Zahl der Toten mit etwa 30 an, am Abend war von mindestens 35 die Rede. Dutzende Menschen wurden teils schwer verletzt und mit Krankenwagen und Hubschraubern in die Krankenhäuser der Stadt gebracht. Die Zahl der Todesopfer werde vermutlich noch steigen, sagte Staatssekretär Edoardo Rixi dem Fernsehsender SkyTG24. Verkehrsminister Danilo Toninelli von der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung sprach von einer „entsetzlichen Tragödie“ für die Stadt Genua und das ganze Land. Innenminister Salvini von der rechtsnationalistischen Lega dankte den Rettungskräften für ihren schnellen Einsatz.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich tief betroffen angesichts des Unglücks. „Nach dem schrecklichen Brückeneinsturz sende ich den Menschen in Genua und in Italien meine Anteilnahme“, teilte Merkel nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert am Dienstag mit. „Zusammen mit vielen Deutschen bin ich in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen.“ Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) zeigte sich ebenfalls bestürzt von den „schockierenden Bildern aus Genua“.

          Der französische Präsident Emmanuel Macron bot der italienischen Regierung Hilfe an: „Frankreich ist an der Seite Italiens und hält sich bereit, jede notwendige Hilfe zu leisten.“ Seine Gedanken seien bei den Opfern, den Angehörigen und dem ganzen italienischen Volk, hieß es in seiner auch ins Italienische übersetzten Botschaft aus dem Elysée-Palast. Der Pfarrer des Stadtteils Sampierdarena rief zum Gebet auf. Am späten Nachmittag hielt Priester Massimiliano Moretti in der Kirche Santa Zita unweit des eingestürzten Brückenabschnitts eine Gedenkgottesdienst. Auch der Genueser Weihbischof Nicolò Anselmi rief zum Gebet für die Opfer und ihre Angehörigen auf.

          Meisterwerk der Ingenieurskunst

          Die Morandi-Brücke war von 1962 bis 1967 gebaut worden und galt wegen ihrer Schrägseilkonstruktion und der besonderen Form der Pylonen als Meisterwerk der Ingenieurskunst und des Brückenbaus. Zuletzt wurde im Jahr 2016 eine Gesamtüberholung abgeschlossen. Der Autobahn-Betreiber Autostrade teilte mit, es seien weiter Arbeiten im Gange gewesen, um das Fundament der Fahrbahn auf dem Viadukt zu verstärken. „Die Arbeiten und der Gesamtzustand der Brücke wurden ständig überwacht“, teilte das Unternehmen Atlantia mit, das Mehrheitseigentümer der italienischen Maut-Autobahnen ist.

          „Die Einsturzursache wird gründlich untersucht, sobald es möglich ist, die Unglücksstelle zu betreten.“ Atlantia wird von der Familie Benetton kontrolliert. Der Konzern ist international tätig und hatte sich jüngst mit dem deutschen Bauunternehmen Hochtief verbündet, um den spanischen Betreiber von Maut-Autobahnen Abertis zu übernehmen. Die Aktien von Autostrade brachen nach der Katastrophe um 8,8 Prozent ein, der Handel mit den Aktien an der Mailänder Börse wurde ausgesetzt.

          Das schwerste Brückenunglück seit Jahrzehnten dürfte die ohnedies hitzige politische Debatte über den Zustand der Infrastruktur des Landes zusätzlich anheizen. Viele Straßen und Brücken sind nach Jahren der Wirtschaftskrise stark überholungsbedürftig. Im März vorigen Jahres kam ein Paar ums Leben, als bei Ancona an der Adriaküste eine über eine Autobahn führende Brücke auf ihr Auto stürzte. Im Oktober 2016 wurde ein Rentner in seinem Auto auf einer Schnellstraße zwischen Mailand und Lecco von Brückenteilen tödlich getroffen. Gewöhnlich sind die vom privaten Autobahnbetreiber Autostrade unterhaltenen Straßen und Brücken in einem besseren Zustand als jene, für die die öffentliche Hand zuständig ist.

          Die Linkspopulisten von den Fünf Sternen, die bei den Parlamentswahlen vom März die meisten Stimmen bekommen hatten und seit Juni mit der Lega die Koalitionsregierung führen, sind im Allgemeinen gegen große Infrastrukturprojekte. Neben dem Verkehrsministerium unter der Führung von Minister Toninelli besetzen die Fünf Sterne im Kabinett weitere Schlüsselposten, die für Verkehrsprojekte und die Infrastruktur zuständig sind.

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