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Germanwings-Katastrophe : „Vor einem Jahr war doch noch alles gut“

  • -Aktualisiert am

„Am Anfang ist da ein Loch im Herzen.“

Manchmal werden Fragen gestellt, die sich andere nicht zu fragen wagen. Auch an diesem Tag. Und dann beißen alle in ihre Pizza oder sprechen über das Bachelor-Finale. Oder überlegen laut, ob sie den Nationalspieler Benedikt Höwedes mit „Herr Höwedes“ ansprechen sollten, wenn er in der nächsten Woche die Trauergruppe besucht. Oder lieber „Bene“ oder „Benni“? Lachen, Pizza, Normalität.

Und doch bekommt die Normalität immer wieder Risse. Wenn zu Hause ein Paket aus Frankreich ankommt. Mit einem einzelnen Nike-Turnschuh. Oder einem Armband. Gefunden an der Absturzstelle. „Das ist jedes Mal schlimm“, sagt Emmas Mutter. Von einer auf die andere Sekunde ist der Absturz wieder voll da.

In einem Krimi steht nach einem Verbrechen mit Todesfolge immer irgendwann die Polizei vor der Tür, um die schlimme Nachricht zu überbringen. Im wahren Leben war es so, dass die Familien diese Gewissheit durch einen Besuch der Polizei lange nicht hatten. Die Polizei kam zwar recht schnell, fragte aber zunächst nur nach persönlichen Gegenständen der Hinterbliebenen. Sie nahm Rabeas Haarbürste mit. Und ihre Zahnklammer. Emma regelte das, ihre Mutter stand noch unter Schock. Sie gab sämtliche Maße ihrer Schwester so präzise wie möglich an. Und auch, welche Farbe ihre Handyhülle hatte: knallrot. Deswegen bekommen sie heute die Päckchen. Immer wenn wieder irgendetwas zugeordnet werden kann. Und dann ist es wieder da. Was ist schon ein Jahr?

Trauern, das wiesen Psychologen der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg jüngst in einer Studie nach, dauert länger als bislang angenommen. Linderung gibt es eben nicht, wie man lange dachte, nach einem Jahr: Trauer wird dann unter Umständen noch intensiver erlebt. Vorher musste man funktionieren, Sachen erledigen, andere trösten. Kathrin Wittke, die dritte Trauerbegleiterin an diesem Abend in Haltern, erklärt es so: „Am Anfang ist da ein Loch im Herzen. Und später ist da eine Narbe!“ Eine Verletzung, Heilung, weitermachen.

Trauern ist ein Marathon. Trauern ist harte Arbeit. Nicht umsonst heißt es Trauerarbeit – sie ist vergleichbar mit schwerem sportlichen Training. Durchhalten. Und auch wenn man meint, nicht mehr zu können, muss man dranbleiben. Es braucht Zeit.

Zweieinhalb Monate nach dem Unglück landete in Düsseldorf ein Flugzeug aus Frankreich. In einer kleinen Gedenkfeier nahmen Angehörige die Särge ihrer Lieben in Empfang. Dann machte sich ein Konvoi auf den Weg Richtung Haltern. 16 weiße und schwarze Leichenwagen. Davor ein silberner Reisebus mit verdunkelten Scheiben. Darin: Angehörige, auch Janik mit seiner Familie. Sie fuhren in Haltern ein, vorbei am Blitzer des Ortseingangs. Die Straßen waren voller Menschen, die weiße Luftballons und Grablichter in den Händen hielten. Die Sonne schien, nur einige wenige weiße Wolken waren am Himmel. Es war still. Menschen, die Janik „noch nie gesehen“ hatte, wie er berichtet, liefen Tränen über das Gesicht, einige hielten sich fest im Arm. Haltern sah an diesem Tag noch so aus wie vorher. Es fühlte sich aber nicht mehr so an.

Hilfe für die Hinterbliebenen

Trauerbegleitung ist keine Kassenleistung. Lavia e.V., der Verein zur Förderung von Familientrauerbegleitung, finanziert sich durch Spenden. Wer den Verein unterstützen möchte: Lavia e.V., Sparkasse Gelsenkirchen, Iban DE 18 4205 0001 0160 1452 79.

 

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