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Germanwings-Katastrophe : „Vor einem Jahr war doch noch alles gut“

  • -Aktualisiert am

In der letzten Woche war sie in der Elterntrauergruppe von Lavia. Eine ehemalige Stewardess, deren Mann selbst bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, erzählte da, wie Bordpersonal für Krisensituationen geschult wird und wie Stewardessen und Passagiere in lebensbedrohlichen Situationen reagieren. Es ging um die Frage: Wie könnte mein Kind in den letzten Minuten vor dem Absturz reagiert haben? War es still, war es in Panik, hat es geschrien? Hatte es Stöpsel mit der Lieblingsmusik im Ohr und merkte nichts? Die Stewardess erzählte, dass ihre Passagiere immer ruhig wurden, wenn die Lage bedrohlich erschien. Still, ganz bei sich. Sie selbst, so erzählt die Mutter, habe das beruhigt.

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Wenn Janik nach Hause kommt, weht ihm manchmal die Trauer schon entgegen

Emmas Schwester Rabea hätte gestern Geburtstag gehabt. Eigentlich wollte ihre Familie nach Le Vernet an ihr Grab fahren. Fahren! Nicht fliegen, denn sie fliegt nicht mehr. Aber es wurden Schneestürme vorausgesagt, also blieben sie in Haltern. Sie wollten nun mit Heliumballons an ihrem hiesigen Grab feiern. Aber es sind nicht nur diese besonderen Tage, die schmerzen. Janik erzählt von Momenten, in denen die Trauer überraschend nach den Angehörigen greift. Wenn im H&M plötzlich „Mein Stern“ von Unheilig läuft, das Lied, das auch an Alines Beerdigung gespielt wurde. Oder Eric Claptons „Tears in Heaven“: Would it be the same/If I saw you in heaven?

Die Trauergruppe für Hinterbliebene im Halterner Jugendtreff „Keep“.

Schroeter-Rupieper nimmt das Lied zum Anlass, um in der Gruppe über die Frage zum Leben nach dem Tod zu reden. Die Trauerbegleiterin hat eine gelbe Tulpe mitgebracht. Tulpen sind Zwiebelgewächse. Sie wachsen weiter, auch wenn man sie im Garten abschneidet und im Haus in eine Blumenvase stellt. Ist das bei Menschen auch denkbar? Dass da noch etwas wächst? Dass da noch Leben ist? In der Gruppe ist man sich einig: Irgendwas muss da sein. If I saw you in heaven. Der zehnjährige Jakob sagt: „Ich glaube, wenn man tot ist, hat man ein neues Leben. Ich weiß nicht, ob als Mensch. Vielleicht als Tiger oder Zebra.“ Die Älteren grinsen. Dana glaubt nicht an ein neues Leben, aber dass „sie irgendwie hier sind“. Janik formuliert es eher als Wunsch. Er wünscht sich, seine Schwester noch mal wiedersehen zu können. Er hat schon oft geträumt, dass seine Schwester wieder da ist, dass es gar keinen Absturz gab. Und dann wacht er auf.

Zum Jahrestag wird in der Innenstadt von Haltern in Anlehnung an tibetische Gebetsfahnen eine Wimpelkette aufgehängt werden, Angehörige haben die bunten Dreiecke gestaltet. Rabeas kleiner Bruder Jakob hat Marken darauf geschrieben, die seiner Schwester gefielen: Calvin Klein, Tommy Hilfiger, Nike. Auf den anderen Wimpeln steht: „Wir denken an Euch“, „Zusammenhalt, Offenheit, Leben, Tränen“, „Wir vermissen Euch“, „Meine Erinnerungen sind bunt“.

Wenn Janik nach Hause kommt, weht ihm manchmal die Trauer schon entgegen. Deswegen findet er es so gut, dass es die Trauergruppe gibt. Hier kann er Fragen stellen und Eindrücke loswerden, ohne dass gleich die Stimmung kippt, dass jemand in Tränen ausbricht. Jeder darf hier alles sagen, alles fragen. Eines der jüngeren Kinder interessierte sich in der Trauergruppe neulich dafür, wie denn die Opfer in die Särge gelegt worden seien, wenn doch nur Gliedmaßen gefunden wurden. Und ob die nicht bei der Überführung von Frankreich nach Deutschland durcheinander gepurzelt seien. „Ist diese Frage okay für euch?“, fragte die Trauerbegleiterin. Sie war okay.

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